Lina Krause: Die stille Virtuosin des Blumenstilllebens

Zwischen Rosenduft und Rotkehlchen – eine Berliner Malerin kehrt zurück

Lina Krause (1857 – 1916) war eine deutsche Blumen- und Stilllebenmalerin.

Es gibt Künstlerinnen, die in ihrer Zeit geachtet, in Lexika verzeichnet und auf Ausstellungen gezeigt wurden – und die dennoch fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind. Lina Krause ist eine von ihnen. Am 17. August 1857 in Berlin geboren, gestorben 1916, hinterließ sie ein Werk von bemerkenswerter Qualität und erstaunlicher Vielfalt: Blumenstillleben von altmeisterlicher Präzision, Naturstudien von wissenschaftlicher Schärfe und Kunstgewerbearbeiten, die im Berlin der Jahrhundertwende Beachtung fanden. Und doch: Kein Wikipedia-Artikel, keine Museumsretrospektive, kein Schulbuch. Nur Auktionshäuser, die ihre Werke immer wieder unter den Hammer bringen – und Kenner, die wissen, was sie da ersteigern.

Berlin, Pinsel, Präzision – die Welt einer Malerin im Kaiserreich

Das Berlin, in das Lina Krause hineingeboren wurde, war eine Stadt im Aufbruch. Die Gründerzeit brodelte, die Kunstszene war lebendig, und Frauen kämpften um jeden Zentimeter Raum in den Akademien und Ateliers. Lina Krause arbeitete nachweislich ab 1880 in Berlin – und blieb der Stadt bis zu ihrem Tod treu. Ihr dokumentiertes Schaffen konzentriert sich auf die Jahre 1889 bis 1899, jene Dekade, in der der deutsche Naturalismus seinen Höhepunkt erreichte und die Kunstgewerbebewegung die Grenzen zwischen freier und angewandter Kunst neu verhandelte.

Was sie auszeichnete, war eine doppelte Begabung: Als Blumen- und Stilllebenmalerin schuf sie Werke, die in der Tradition der flämischen und holländischen Meister des 17. Jahrhunderts stehen – mit jenem charakteristischen Schimmer auf Blütenblättern, jenem Spiel von Licht und Schatten auf Tonvasen, jenem fast greifbaren Tau auf Rosenblättern. Gleichzeitig war sie wissenschaftliche Illustratorin: Sie arbeitete für den Zoologen und Afrikaforscher Leonhard Sigismund Schultze (1872–1955) und fertigte zoologische Zeichnungen an, die in der Stuttgarter Datenbank wissenschaftlicher Illustratoren (DSI) verzeichnet sind. Diese Doppelrolle – Künstlerin und Wissenschaftlerin – ist für das Verständnis ihrer Malerei entscheidend: Die Präzision, mit der sie Vögel, Schmetterlinge und Insekten in ihre Blumenstillleben integrierte, ist keine dekorative Laune, sondern das Ergebnis eines geschulten naturwissenschaftlichen Blicks.

Das Werk: Blüten, Vögel und die Stille der Dinge

Lina Krauses Gemälde sind fast ausnahmslos Öl auf Holz – eine Technik, die an die altniederländische Malerei erinnert und der Oberfläche jene samtige Tiefe verleiht, die Leinwandbilder selten erreichen. Die Formate sind meist klein bis mittelgroß: 30 × 36 cm, 42 × 52 cm, 49 × 37 cm. Nur gelegentlich wagt sie sich auf größere Leinwände, wie das „Stillleben mit Zwiebeln“ von 1892 (54,5 × 75 cm, Öl auf Leinwand) zeigt – ein Werk, das in seiner nüchternen Sachlichkeit fast an die holländische Küchenstillleben-Tradition erinnert.

Ihre bekanntesten Motive sind üppige Blumensträuße in Tonvasen oder auf Steintischen, oft bereichert durch lebendige Tiere: ein Rotkehlchen, das auf einem Ast sitzt; eine Meise, die zwischen Blüten pickt; Schmetterlinge, die auf Blütenblättern rasten; eine Schnecke, die langsam über den Tischrand kriecht. Diese Tiere sind keine Staffage – sie sind Protagonisten, mit derselben Sorgfalt gemalt wie die Blüten selbst.

Das hierneben abgebildete „Stillleben mit Zwiebeln“ (Öl auf Leinwand, 53 x 73 cm) ist ihr größtes bekanntes Format ihrer erhaltenen Werke.

 

Werk Technik Maße Besonderheit
Blumenstillleben mit Rotkehlchen Öl auf Holz 52,5 × 42 cm Vogel als Protagonist
Blumenstück mit Meise Öl auf Holz ca. 55 × 71 cm Meise zwischen Blüten
Großer Blumenstrauß in einer Tonvase Öl auf Holz 36,5 × 30 cm Frühlingsblumen, Feinmalerei
Stillleben mit Zwiebeln (1892) Öl auf Leinwand 53 × 73 cm Größtes bekanntes Format
Blumenstillleben mit Faltern und Schnecke Öl auf Holz ca. 24 × 18 cm Zoologische Präzision
Üppiges Blumenstillleben mit Schmetterling Öl auf Holz 30 x 27,5 cm Zoologische Präzision
Großes Stillleben mit Rosen, Tulpen, Nelken, Narzissen Öl auf Holz ca. 42 × 33,5 cm Singvogel integriert

Kunstperiode: Zwischen Realismus und Jugendstil-Aufbruch

Stilistisch ist Lina Krause dem deutschen Realismus und dem Spätbiedermeier zuzuordnen – jener Strömung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die genaue, liebevolle Beobachtung der Natur in den Mittelpunkt stellte. Ihre Werke atmen den Geist von Malern wie Johann Wilhelm Preyer oder Georg Flegel, ohne deren historische Distanz: Krauses Blumen wirken frisch gepflückt, ihre Vögel lebendig, ihre Oberflächen von einer Wärme, die den Betrachter unmittelbar anspricht.

Gleichzeitig war sie keine rückwärtsgewandte Epigonin. Das Kunstgewerbeblatt (N.F. XIV, 1903) – das führende Fachblatt der deutschen Kunstgewerbebewegung – erwähnt sie unter dem Namen „Lina Krause-Grunewald“ im Kontext einer Berliner Ausstellung, bei der Stilisierungsübungen gezeigt wurden. Das deutet darauf hin, dass sie sich auch mit den Formfragen des aufkommenden Jugendstils auseinandersetzte: der Frage, wie Naturformen – Blüten, Blätter, Tiere – in dekorative, stilisierte Ornamente überführt werden können. Diese Brücke zwischen naturalistischer Malerei und kunstgewerblicher Stilisierung macht sie zu einer Figur an der Schwelle zweier Epochen.

Widersprüche in den Quellen – und was sie bedeuten

Die Recherche zu Lina Krause fördert einen bemerkenswerten Widerspruch zutage: Während Wikidata, artnet, das Dorotheum und alle großen Auktionshäuser ihr Todesjahr mit 1916 angeben, verzeichnet das Berlin-Brandenburgische Künstlerlexikon (museum-digital.org) sie als „†nach 1914″. Die Quelle des Künstlerlexikons ist der Thieme-Becker (Bd. 21, Leipzig 1928, S. 466) – das maßgebliche Standardwerk der Kunstgeschichte. Möglicherweise war zum Zeitpunkt der Thieme-Becker-Redaktion das genaue Todesjahr nicht bekannt, und die Formulierung „nach 1914″ war eine vorsichtige Schätzung. Die Angabe 1916 bei Wikidata stützt sich auf artnet und den AKL (de Gruyter) und dürfte die verlässlichere sein. Das Todesjahr 1916 ist als gesichert zu betrachten; die Formulierung „nach 1914″ im Thieme-Becker ist eine Unschärfe, die durch spätere Forschung korrigiert wurde.

Ein zweiter Widerspruch betrifft den Namen: Im Kunstgewerbeblatt erscheint sie als „Lina Krause-Grunewald“ – ob „Grunewald“ ein Ehename, ein Ortsname (Grunewald ist ein Berliner Stadtteil) oder ein Künstlername ist, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht abschließend klären. Möglicherweise lebte oder arbeitete sie im Berliner Grunewald, dem damals aufstrebenden Villenviertel, das viele Künstler und Intellektuelle anzog.

Verschollene Werke und offene Fragen

Lina Krauses Werk ist nur fragmentarisch überliefert. Über 80 Auktionsergebnisse sind dokumentiert (artprice.com), doch der Großteil ihrer Gemälde befindet sich in Privatsammlungen und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Besonders reizvoll ist die Frage nach ihren zoologischen Illustrationen: Für welche Publikationen von Leonhard Sigismund Schultze arbeitete sie? Schultze war ein bedeutender Zoologe, der u.a. Forschungsreisen nach Südafrika unternahm – seine Werke über afrikanische Fauna könnten Illustrationen von Lina Krauses Hand enthalten. Diese Illustrationen gelten als de facto verschollen oder zumindest nicht als Werke von Lina Krause identifiziert. Hier liegt ein echtes Forschungsdesiderat.

Auch ihre Beteiligung an der Berliner Kunstausstellung und anderen Salons der Kaiserzeit ist nicht vollständig dokumentiert. Es ist anzunehmen, dass sie – wie viele Berliner Malerinnen ihrer Generation – an den Ausstellungen des Vereins der Berliner Künstlerinnen teilnahm, doch Belege fehlen bislang.

Bedeutung und Wiederentdeckung

Lina Krause steht exemplarisch für eine ganze Generation von Malerinnen, die im Kaiserreich professionell arbeiteten, in Fachpublikationen verzeichnet wurden und deren Werke heute auf dem Kunstmarkt gehandelt werden – ohne dass ihr Name im kulturellen Gedächtnis verankert wäre. Ihre Gemälde erzielen bei Auktionen Preise im vierstelligen Bereich, was belegt, dass ihre Qualität von Kennern erkannt wird.

Was Lina Krause von vielen ihrer Zeitgenossinnen unterscheidet, ist die Dichte ihrer Bildwelt: Ihre Stillleben sind keine dekorativen Arrangements, sondern kleine Welten, in denen Natur und Wissenschaft, Schönheit und Präzision eine unauflösliche Verbindung eingehen. Wer vor einem ihrer Blumenstillleben steht, spürt den Atem einer Frau, die die Natur nicht nur liebte, sondern verstand.

Quellen

Wer Lina Krause begegnen möchte: Ihre Gemälde tauchen regelmäßig beim Dorotheum Wien, bei Hampel Fine Art Auctions München und auf internationalen Auktionsplattformen auf – ein Blumenstillleben von ihrer Hand ist nicht nur ein ästhetisches Erlebnis, sondern eine Begegnung mit einer zu Unrecht vergessenen Berliner Künstlerin.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ des 19. Jahrhunderts und früheren Künstlerinnen bis zum 17. Jahrhundert und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Werke und Auktionen.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-.