Eugenie Bandell – Frankfurts Freilichtmalerin
Eine Frau, die das Licht liebte – und dafür kämpfte
Eugenie Bandell war eine frankfurter Malerin des Impressionismus.
Es gibt Künstlerinnen, deren Namen die Kunstgeschichte mit einer Leichtigkeit vergessen hat, die erschreckt. Eugenie Bandell ist eine von ihnen. Dabei war sie zu Lebzeiten alles andere als unbekannt: Sie stellte in München, Berlin, Wien und Paris aus, wurde in der renommierten Zeitschrift Die Kunst für Alle als eines der bedeutendsten Talente ihrer Generation gefeiert, und die Frankfurter Zeitung würdigte sie nach ihrem Tod 1918 als „eine der markantesten Künstlerinnen unserer Stadt“. Und doch verschwand ihr Name – wie der so vieler Malerinnen des 19. Jahrhunderts – fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis.
Heute, mehr als hundert Jahre später, ist es an der Zeit, Eugenie Bandell zurückzuholen: ins Licht, das sie selbst so leidenschaftlich geliebt und gemalt hat.
Eine Kaufmannstochter greift zum Pinsel
Eugenie Louise Bandell wurde am 21. Dezember 1858 in Frankfurt am Main geboren, als drittes Kind des wohlhabenden Kaufmanns Heinrich Gottlieb Bandell und seiner Frau Emilie Pauline, geborene Schumm. Die Familie lebte im Grüneburgweg 18, später in der Hermannstraße 35 im Frankfurter Nordend – ein bürgerliches Milieu, das ihr zwar eine solide Grundlage bot, ihr künstlerisches Streben aber keineswegs auf dem silbernen Tablett servierte.
Denn der Weg zur Kunst war für Frauen im Deutschen Kaiserreich ein Hindernislauf. Staatliche Kunstakademien blieben ihnen bis 1919 verschlossen. Auch die renommierte Städelschule in Frankfurt, die immerhin seit 1869 eine sogenannte „Damenklasse“ anbot, wies Bandell gleich zweimal ab – 1880 und 1886 – mit der lapidaren Begründung: „wegen Platzmangels“. Dass hinter diesem Platzmangel auch strukturelle Gleichgültigkeit steckte, liegt auf der Hand.
Bandell ließ sich nicht entmutigen. Sie wich nach Hanau aus, wo die Königliche Zeichenakademie Frauen früh Zugang zu Zeichen- und Malunterricht gewährte. Von 1887 bis 1895 studierte sie dort bei Paul Andorff (1849–1920) und erhielt daneben privaten Unterricht bei dem Hanauer Genre- und Landschaftsmaler Georg Cornicelius (1825–1898), dessen letzte Schülerin sie war. Aus den Jahresberichten der Akademie geht hervor, dass Bandell mehrfach für ihre Leistungen ausgezeichnet wurde – eine stille, aber eindeutige Bestätigung ihres Talents.
Vom dunklen Naturalismus zum leuchtenden Freilicht
Ihr frühes Werk trägt noch die Handschrift von Cornicelius: dunkel, realistisch, von einer gewissen Schwere. Das einzige bekannte Selbstporträt der Künstlerin, entstanden 1894 und heute im Städel Museum, zeigt eine Frau, die den Betrachter direkt und ohne Koketterie anblickt. Nur die linke Gesichtshälfte tritt aus dem Dunkel hervor – ein Bild von großer psychologischer Dichte und malerischer Reife.
Der entscheidende Wendepunkt kam um 1899/1900, als Bandell Meisterschülerin bei Wilhelm Trübner (1851–1917) wurde, dem führenden Vertreter der deutschen Freilichtmalerei, der damals ein Gastatelier an der Städelschule innehatte. Trübner malte mit seinen Schülerinnen und Schülern im Freien, studierte das natürliche Licht, arbeitete mit energischem Pinselduktus und einer aufgehellten Palette. Bandell – mit über 40 Jahren seine älteste Schülerin – sog diese neue Malweise in sich auf wie ein Schwamm.
Die Wirkung war unmittelbar spürbar. Die Frankfurter Zeitung schrieb 1901: „Kräftige Handschrift, gute Farbwirkung und ein energischer Wille zeichnen diese Arbeiten aus, die Talent deutlich erkennen lassen.“ 1902 wurden Bandell und Alice Trübner in der Zeitschrift Die Kunst für Alle als die bedeutendsten Talente im Kreis der Trübner-Schüler bezeichnet.
Hinweis zu einem kleinen Widerspruch in den Quellen: Das Städel Museum datiert Bandells Atelier-Anmietung im Städel auf „ab 1903″, während das Frankfurter Personenlexikon auf Basis der Adressbücher bereits „um 1901/02″ angibt. Wahrscheinlich mietete sie das Atelier tatsächlich um 1901/02 an, während die offizielle Registrierung oder ein Umzug in ein neues Atelier erst 1903 erfolgte. Beide Quellen stimmen darin überein, dass sie dort bis zu ihrem Tod 1918 als freischaffende Malerin arbeitete.
Eine unverwechselbare Handschrift: Licht, Mosaik und Farbe
Ab 1903 entfaltete Eugenie Bandell ihr reifes Werk in einem eigenen Atelier im Städel – und entwickelte dabei eine Bildsprache, die weit über die Nachahmung ihres Lehrers hinausging. Ihre Malweise wurde zunehmend eigenständig: Sie setzte Motive aus rhythmischen Pinselabdrücken und Farbflächen zusammen, die der Bildfläche eine mosaikartige Struktur verliehen. Sie löste sich von den Naturfarben und erweiterte ihr Spektrum um kräftige, expressive Töne.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Entwicklung im „Bildnis eines Jünglings vor bunter Tapete“ (1908, Historisches Museum Frankfurt): Durch die systematische Setzung quaderartiger Pinselspuren entsteht eine vibrierende Bildstruktur, in der Licht und Schatten im Gesicht des Porträtierten mit meisterhafter Sicherheit modelliert werden. Das Gemälde ist kein Abbild – es ist eine Komposition aus Licht.
Noch weiter geht „Sonne am Mittag (Wilhelmsbad)“ (1913, Städel Museum), ein Werk, das Bandells Spätschaffen exemplarisch verkörpert: Starke Konturlinien, Schatten in intensivem Blau und Violett, die sich vom kräftigen Gelb der Fassade abheben – eine Bildsprache, die an den Expressionismus grenzt, ohne ihn zu kopieren. Der Kurort Wilhelmsbad in Hanau war für Bandell ein bevorzugtes Motiv, das sie zu unterschiedlichen Tageszeiten immer wieder aufsuchte, um das Licht- und Schattenspiel der Bäume und Fassaden zu studieren – eine Methode, die an Monets Serien-Prinzip erinnert.
Ihr Werk umfasste Porträts, Landschaften, Stillleben, Frauenakte und Radierungen. Gerade ihre Radierungen – darunter Frankfurter Stadtansichten – zeugen von einer technischen Vielseitigkeit, die in der Forschung noch nicht vollständig gewürdigt ist.
„Eugen Bandell“ – oder: Wie man als Frau Karriere macht
Eugenie Bandell war sich der strukturellen Benachteiligung von Künstlerinnen vollkommen bewusst – und sie handelte. Da sie ihre Werke oft mit „Eug. Bandell“ signierte, tauchte sie in Ausstellungskatalogen und Pressekritiken mehrfach unter dem männlichen Namen „Eugen Bandell“ auf. Ob dies stets Absicht war oder gelegentlich auch Zufall, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch die Städel-Forscherin Aude-Line Schamschula wertet es als bewusste Strategie, um geschlechterspezifische Vorurteile von Jurys und Kritikern zu umgehen.
Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb 1907 mit unfreiwilliger Komik: „Würden wir nicht die künstlerische Handschrift von Eugenie Bandell zu genau kennen, ein Rätselspiel wäre die Folge: hat das ein Mann gemalt oder ein Weib?“ – Ein Satz, der heute wie eine Karikatur klingt, damals aber bitterer Ernst war.
Bandell engagierte sich auch politisch für ihre Zunft: Sie war Gründungsmitglied des Frauenkunstverbands (1913), an der Seite von Käthe Kollwitz, Dora Hitz und Ottilie W. Roederstein, und wirkte im Dreistädtebund (Frankfurt, Darmstadt, Mainz) mit, der gezielt Künstlerinnenausstellungen organisierte. Noch in ihrem Todesjahr 1918 stellte sie mit dem Dreistädtebund aus.
Ein Werk, das der Krieg fast auslöschte
Eugenie Bandell starb am 2. April 1918 in Frankfurt am Main, in dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Sie hinterließ ein umfangreiches Œuvre – und eine Tragödie: Beim schweren Luftangriff auf Frankfurt am 22. März 1944 verbrannte im Elternhaus der größte Teil ihres Nachlasses. 250 Ölgemälde, 43 Aquarelle, 30 Gouachen, 60 Radierungen, 10 Federzeichnungen, 200 Kohlezeichnungen und 100 Skizzen wurden vernichtet. Eine Zahl, die sprachlos macht.
Und dennoch: Über 150 Werke haben überlebt. Das Städel Museum besitzt das Selbstbildnis (1894), „Sonne am Mittag (Wilhelmsbad)“ (1913) und „Japanische Puppen mit Äpfeln“ (1915). Das Historische Museum Frankfurt verwahrt den „Weiblichen Rückenakt“ (vor 1899), „Die Alte“ (um 1900) und das „Bildnis eines Jünglings vor bunter Tapete“ (1908). Ihre Werke erscheinen regelmäßig bei internationalen Auktionen – ein Zeichen dafür, dass der Markt ihr Talent längst (wieder-)entdeckt hat.
Bedeutung und Wiederentdeckung
Eugenie Bandell steht exemplarisch für eine ganze Generation hochbegabter Malerinnen, die im Deutschen Kaiserreich gegen strukturelle Ausgrenzung ankämpften und dennoch ein bedeutendes Werk schufen. Ihre Malerei verbindet den deutschen Impressionismus mit einer zunehmend expressiven Formensprache und ist damit kunsthistorisch zwischen zwei Epochen angesiedelt – eine Brückenposition, die sie besonders interessant macht.
Die Ausstellung „Städel | Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900″ (Städel Museum, 2024) hat Bandell erstmals seit Jahrzehnten wieder einem breiten Publikum vorgestellt. Es ist zu hoffen, dass dies erst der Anfang einer überfälligen Neubewertung ist.
Quellen
| Quelle | Details |
| Städel Stories | Aude-Line Schamschula: Eugenie Bandell: Freilichtmalerin!, 19.09.2024, stories.staedelmuseum.de |
| Frankfurter Personenlexikon | Claudia Olbrych: Bandell, Eugenie, Stand 11.01.2025, frankfurter-personenlexikon.de |
| Artsy | Eugenie Bandell – Art & Prints for Sale, artsy.net |
| MutualArt | Eugenie Bandell – 22 Artworks at Auction, mutualart.com |
| Invaluable | Eugenie L. Bandell Sold at Auction Prices, invaluable.com |
| Siebers Auktionen | Bandell, Eugenie – Künstlerverzeichnis, siebers-auktionen.de |
| Artvee | Eugenie Bandell, artvee.com |
| Frankfurter Zeitung | Nachruf, Nr. 94, 5.4.1918, Zweites Morgenblatt |
| Die Kunst für Alle | Erwähnung als bedeutendstes Talent, 1902 |
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ – jenem abwertenden Begriff, den das 19. Jahrhundert für Frauen prägte, die es wagten, professionell zu malen. Sein Spezialgebiet ist die Wiederentdeckung dieser zu Unrecht vergessenen Künstlerinnen. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Eugenie Bandell im Original erleben möchte, findet ihre Werke in der Sammlung des Städel Museums Frankfurt sowie im Historischen Museum Frankfurt – und gelegentlich auch bei internationalen Kunstauktionen.
Die in diesem Beitrag verwendeten Fotos sind selbst erstellte Aufnahmen von Gemälden von Eugenie Bandell und stammen von ©pm26.