Helene Cramer – Hamburgs vergessene Blumenmalerin
Helene Cramer – Die Blumenmalerin, die erst mit 38 zu sich selbst fand
Helene Cramer war eine Stilllebenmalerin des Realismus.
Eine Hamburgerin kämpft sich frei – und malt sich in die Kunstgeschichte
Es gibt Lebensläufe, die einem den Atem verschlagen – nicht wegen ihrer Leichtigkeit, sondern wegen ihrer Hartnäckigkeit. Helene Cramer ist so ein Fall. Hamburg, 1844. Eine wohlhabende Kaufmannsfamilie, ein strenger Vater, zwei Töchter mit einem brennenden Wunsch: malen. Und ein Verbot, das fast ein Leben lang gilt.
Erst als Cesar Cramer 1882 stirbt, öffnet sich die Tür. Helene ist zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt – in einer Epoche, in der bürgerliche Frauen entweder heirateten oder im Stillen dilettantisch pinselten, aber niemals ernsthaft Kunst machten. Doch Helene Cramer und ihre jüngere Schwester Molly (1852–1936) wollten genau das: Ernst machen. Mit der Kunst. Mit sich selbst. Mit der Welt.
Kein Dilettantismus – eine Berufung
„Sie wollten ihre Kunst nicht dilettantisch betreiben, sie wollten leisten, was sich erreichen lässt, und mit großer Energie sind sie an ihre Studien gegangen“ – so beschrieb die Frauenrechtlerin Frieda Radel die Schwestern 1904 im Hamburgischen Correspondenten. Ein Satz, der wie ein Manifest klingt.
Helene beginnt ihre Ausbildung 1883 bei Carl Oesterley, einem in Hamburgs gutbürgerlichen Kreisen geschätzten Landschaftsmaler, und bei Carl Rodeck, bekannt für seine Hafen- und Stadtansichten. Doch dabei bleibt sie nicht stehen. 1887 reist sie nach Den Haag, um bei Margaretha Roosenboom (1843–1896) zu studieren – der damals bedeutendsten niederländischen Blumenmalerin. Um 1890 folgt Antwerpen: Gemeinsam mit Molly lernt sie beim belgischen Stilllebenmaler Eugène Joors (1850–1910) die Kunst des Blumenstilllebens unter dem Einfluss der alten holländischen Schule.
Diese Reise nach Norden und Westen ist kein Zufall. Die niederländische Tradition des Blumenstilllebens – präzise, sinnlich, von einer fast wissenschaftlichen Liebe zur Natur durchdrungen – wird Helenes künstlerische Heimat. Sie kehrt nach Hamburg zurück und malt: Rosen, Astern, Mohnblumen, Dahlien, Chrysanthemen, Stockrosen. Blumen, die nicht dekorieren, sondern sprechen.
Die Malerin und ihr Förderer: Alfred Lichtwark
Wer Helene Cramers Karriere verstehen will, muss einen Namen kennen: Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle und einer der einflussreichsten Kunstförderer seiner Zeit. Lichtwark verkehrt regelmäßig im Haus der Schwestern in der Uhlenhorster Karlstraße 18 – und er erkennt, was er sieht.
1895 erwirbt er für die von ihm begründete Sammlung von Bildern aus Hamburg je ein Blumenstillleben von Helene und Molly Cramer. In einem Brief an die Verwaltungskommission der Kunsthalle schreibt er: „Die beiden Damen, die es mit der Kunst so ernst nehmen, wie wenige, die jetzt in Deutschland die ersten in ihrem Fache sind, und die in Hamburg ihrem Werthe nach nicht anerkannt werden.“
Ein Satz, der heute noch schmerzt – und der zeigt, wie weit Helene Cramer ihrer Zeit voraus war, ohne dass ihre Heimatstadt es wahrhaben wollte.
Lichtwark stellt auch den Kontakt zum Hamburgischen Künstlerklub von 1897 her, dem u. a. Ernst Eitner, Arthur Illies und Paul Kayser angehören. Die Schwestern werden zu Gönnern des Clubs, fördern junge Künstler finanziell – und stellen mit ihnen aus, ohne dem Club beizutreten. Eine bewusste Entscheidung: Nähe ohne Unterwerfung.
Blumen, die mehr sind als Blumen
Was macht Helene Cramers Malerei so besonders? Auf den ersten Blick: Blumenstillleben. Auf den zweiten Blick: eine eigene Welt.
Das Allgemeine Künstlerlexikon beschreibt ihre Werke treffend: „Mit ihren in verhaltenen, eher herben Farben wiedergegebenen Natur-Motiven bleibt sie mehr als ihre Schwester am Gegenständlichen haften.“ Wo Molly später zum Impressionismus tendiert und sich in Landschaft und Porträt vorwagt, bleibt Helene der Blume treu – aber nicht naiv. Ihre Palette ist gedämpft, fast ernst. Keine süßliche Dekoration, sondern eine konzentrierte Betrachtung der Natur, die an die großen Niederländer des 17. Jahrhunderts erinnert und gleichzeitig den Atem des aufkommenden Impressionismus spürt.
Ihre Werke tragen Titel wie Weiße Astern, Mohnblumen, Herbststrauß im Freien, Cactus und Dahlien, Rote Stockrosen – eine Chronik des Gartenjahres, gemalt mit dem Blick einer Frau, die weiß, dass jede Blüte vergeht, und die genau deshalb so genau hinschaut.
Auf den großen Bühnen Europas und Amerikas
Helene Cramer ist keine Stubenmalerin. Ab 1886 stellt sie in ganz Deutschland aus. Ihre Werke hängen im Glaspalast München (1888–1908), auf den Großen Berliner Kunstausstellungen (1893–1908), in der Hamburger Kunsthalle, in Bremen, Dresden, Krefeld und Wiesbaden.
Und sie überschreitet Grenzen: 1893 ist sie auf der World’s Columbian Exposition in Chicago vertreten – mit Clematis und Rosen in der Sektion German Women Painters. 1900 zeigt sie fünf Werke auf der Woman’s Exhibition in Earl’s Court, London: Fir Forest, Tropaeolum, Narzissen, Morgensonne im Wald, Gloxinien und Fuchsien. Eine Hamburgerin auf der Weltbühne.
Sie ist Mitglied der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft, der Vereinigung Nordwestdeutscher Künstler, des Vereins der Berliner Künstlerinnen und des Vereins der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen Wien. Ein Netzwerk, das zeigt: Helene Cramer war keine Einzelkämpferin, sondern Teil einer Generation von Frauen, die die Kunstwelt von innen heraus veränderten.
Das Haus als Salon – eine Hamburger Avantgarde
Das Haus in der Karlstraße 18 wird um die Jahrhundertwende zu einem lebendigen Künstlertreff. Kulturabende, Diskussionsrunden, Begegnungen zwischen Malern, Förderern und Denkern. Die Schwestern Cramer sind nicht nur Künstlerinnen – sie sind Gastgeberinnen einer Hamburger Avantgarde, die sich im Schatten der großen Kunstzentren Berlin, München und Paris formiert.
1895 reisen Helene und Molly gemeinsam mit Ernst Eitner und Arthur Illies zur Großen Kunstausstellung nach Paris. Sie finanzieren Eitners Reise aus eigener Tasche. Mäzenatinnen und Malerinnen in einem – eine Doppelrolle, die in der Kunstgeschichte selten gewürdigt wird.
Vergessen und wiederentdeckt
Helene Cramer stirbt am 14. April 1916 in Hamburg, 71 Jahre alt. Ihr Grab – ein Kissenstein – steht im Garten der Frauen auf dem Friedhof Ohlsdorf, jenem besonderen Ort, der bedeutenden Hamburgerinnen ein würdiges Andenken bewahrt.
Warum geriet sie in Vergessenheit? Ausstellungskurator Ulrich Luckhardt bringt es auf den Punkt: „Dieser realistische Impressionismus, den sie gepflegt haben, der um 1900 sehr modern war und dann aber durch die Entwicklung in der Kunst – Brücke, Expressionismus – in Vergessenheit geriet.“ Die Kunst überholte die Cramers – nicht weil sie schlecht malten, sondern weil die Geschichte der Moderne keine Zeit hatte für Nuancen.
Erst 2006 holte die Hamburger Kunsthalle mit der Ausstellung „Künstlerinnen der Avantgarde in Hamburg zwischen 1890 und 1933″ die Schwestern Cramer aus dem Depot der Vergessenheit. Ein überfälliger Akt der Gerechtigkeit.
Helene Cramer heute: Zwischen Auktionssaal und Wiederentdeckung
Wer heute nach Helene Cramer sucht, findet ihre Werke auf internationalen Auktionsplattformen wie Artnet, Invaluable und MutualArt. Ihr Stillleben mit Blumen ist auf Wikimedia Commons frei zugänglich. Die Hamburger Frauenbiografien-Datenbank und der Garten der Frauen halten ihr Andenken lebendig.
Doch eine große Retrospektive, ein Werkverzeichnis, eine monografische Ausstellung – das steht noch aus. Helene Cramer wartet noch auf ihre endgültige Wiederentdeckung. Und sie hat sie verdient.
Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, die trotz gesellschaftlicher Widerstände eine professionelle Malerkarriere verfolgten und dennoch aus der Kunstgeschichte verschwanden. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf sehenswerte Ausstellungen und Sammlungen, in denen Werke von Helene Cramer und ihren Zeitgenossinnen zu finden sind – darunter die Hamburger Kunsthalle.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Gemäldes von Helene Cramer ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.