Helene Funke – Die Fauve-Malerin aus Wien
Helene Funke: Die Wilde aus Chemnitz, die Wien in Farbe tauchte
Helene Maria Funke war eine österreichische Malerin der Moderne, des Fauvismus.
Eine vergessene Meisterin des Fauvismus kehrt zurück
Sie malte mit der Wucht eines Vulkans, lebte wie eine Nomadin und starb verarmt in einer Wiener Kellerwohnung – während ihre Bilder heute bei Auktionen das Zehnfache erzielen, das man zu ihren Lebzeiten für sie bezahlt hätte. Helene Funke (1869–1957) ist eine der faszinierendsten und lange Zeit am meisten unterschätzten Malerinnen der europäischen Moderne.
Aufbruch gegen den Willen der Familie
Chemnitz, 1869. In einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie wird Helene Maria Funke als zweites Kind und einzige Tochter geboren. Ihr Vater betreibt ein erfolgreiches Strumpfwarengeschäft, die Mutter trägt den klingenden Adelsnamen Freiin d’Orville von Löwenclau. Für eine Tochter aus diesem Milieu ist der Lebensweg vorgezeichnet: Heirat, Haushalt, gesellschaftliche Repräsentation. Malerei allenfalls als Zeitvertreib.
Doch Helene Funke denkt nicht daran, diesen Käfig zu akzeptieren. Mit 29 Jahren – ein für die damalige Zeit geradezu revolutionärer Schritt – verlässt sie das Elternhaus und schreibt sich am 1. April 1899 an der Münchner Damenakademie des Künstlerinnenvereins ein. Die Familie ist entsetzt. Ihr Neffe Peter erinnert sich später: „Eine Tochter zu haben, die Malerin werden wollte, das kam gleich nach der Prostitution.“
In München studiert sie bei Friedrich Fehr und Angelo Jank, wechselt zehnmal die Wohnung, reist unermüdlich. Zur gleichen Zeit studieren dort auch Gabriele Münter und Käthe Kollwitz – ob sie sich begegnen, ist nicht überliefert. Funkes frühe Werke zeigen den Einfluss der Münchner Landschaftsmalerei und die Kenntnis Paul Cézannes. Bereits 1903 kauft der Kunstverein Chemnitz ihr Bild „Im Dorfe“ – ein erster Erfolg, der zeigt: Diese Frau ist keine Hobbymalerin.
Paris: Wo die Farbe explodiert
Im Sommer 1906 bricht Helene Funke nach Paris auf – in die Stadt, die damals das Zentrum der künstlerischen Welt ist. (Anmerkung: Einige Quellen nennen 1905 als Ankunftsjahr; die detaillierteste Forschung, darunter artinwords.de, präzisiert „Juni 1906″ als Datum des dauerhaften Umzugs. Ein kurzer Besuch 1905 ist möglich, aber nicht gesichert.)
Sie bezieht eine Wohnung in der Rue de Fleurus 27 – im selben Haus, in dem Gertrude Stein und ihr Bruder Leo ihren legendären Salon führen. Hier verkehren Picasso, Matisse, Cézanne, Braque, Vlaminck. Funke taucht ein in diese brodelnde Welt der Avantgarde. Sie tritt der Société des Artistes Indépendants bei, stellt im Salon des Indépendants und im Salon d’Automne aus – gemeinsam mit Henri Matisse, Georges Braque und Maurice de Vlaminck. Bereits im Februar 1907 zeigt sie ihre Werke in der Galerie der legendären Kunsthändlerin Berthe Weill, die auch Matisse, Valadon und Picasso fördert.
Was in Paris mit Funkes Malerei geschieht, ist eine Verwandlung. Das braun-gedämpfte Helldunkel ihrer Münchner Jahre weicht einer explosiven Farbigkeit. Sie entdeckt den Fauvismus – jene Bewegung, die die Farbe von der Wirklichkeit befreit und zur eigenständigen Ausdruckskraft erhebt. Ihr Pinselstrich wird breiter, kühner, fast aggressiv. Reisen in die Bretagne, die Normandie und an die Côte d’Azur liefern Motive für strahlende Landschaftsbilder. Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907) inspiriert sie zu ihrem Gemälde „Tänzerinnen“. Renoirs „La Loge“ und ähnliche Kompositionen von Mary Cassatt finden sich in modernerer Version in Funkes Logenbildern wieder.
„Ich bin eben selbst ein einsamer Steppenwolf“, schreibt sie 1944 in einem Brief an Hermann Hesse – und dieser Satz beschreibt nicht nur die Kriegsjahre, sondern ihr ganzes Leben: eine Frau, die mitten im Zentrum der Avantgarde stand und doch kaum Spuren in den Erinnerungen ihrer Zeitgenossen hinterließ.
Wien: Triumph, Hohn und Staatspreis
1913 siedelt Funke endgültig nach Wien über – in eine Stadt, die, wie Kunsthistorikerin Elisabeth Nowak-Thaller schreibt, damals eine „hoffnungslose, hungernde Stadt“ ist. Während die österreichischen Kollegen noch den Impressionismus verdauen, ist Funke längst im Fauvismus und frühen Expressionismus angekommen. Sie ist ihrer Zeit voraus – und das macht sie angreifbar.
Die Reaktionen der Wiener Kritik sind gespalten. Der bedeutende Kunstschriftsteller Arthur Roessler ekelt sich an ihren „maurermäßig derb hingestrichenen“ Bildern. Adalbert Franz Seligmann verurteilt ihr Werk als „schreckliche Vangoghiade“. Doch die Kenner sehen es anders: Kunsthistoriker Hans Tietze hebt „die sinnliche Schönheit der Farben“ und „die geistige Spannung hinter jener Ruhe“ hervor.
Funke schließt sich der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ) an, wird zur meistausstellenden Künstlerin Wiens der 1920er Jahre. 1917 widmet ihr die Stockholmer Liljevalchs Konsthall als einziger Künstlerin einen ganzen Ausstellungsraum. Der österreichische Maler Oskar Laske verewigt sie 1923 in seinem Monumentalgemälde „Das Narrenschiff“ (heute im Belvedere, Wien) – als einzige Frau neben Egon Schiele, Gustav Klimt, Adolf Loos und anderen Größen der Wiener Moderne.
Der Höhepunkt: 1928 erhält Helene Funke den Österreichischen Staatspreis für bildende Kunst für ihr Gemälde „Tobias und der Engel“ – als einzige Frau unter rund 54 Kandidaten und einzige Frau unter den zehn Preisträgern. Ein Triumph, der zugleich ein Urteil über die Kunstwelt ihrer Zeit ist: Es brauchte einen Staatspreis, um einer der bedeutendsten Malerinnen Österreichs die ihr gebührende Anerkennung zu verschaffen.
Das Bildthema: Die selbstbewusste Frau als Ikone
Was Helene Funkes Werk so besonders macht, ist nicht nur die Farbe – es ist der Blick. Ihre Frauen schauen zurück. Sie blicken dem Betrachter direkt ins Gesicht, selbstbewusst, ruhend in sich selbst, umgeben von Blumen, Früchten, Stoffen in leuchtenden Farben. In einer Zeit, in der es sich für Damen geziemte, gesenkten Hauptes durch die Welt zu schreiten, ist das eine stille Revolution.
Ihre Schlüsselwerke – „Träume“ (1913, Belvedere Wien), „Drei Frauen“ (1915, Lentos Kunstmuseum Linz), „In der Loge“ (1904/07, Lentos) – zeigen Frauengruppen, die den Bildrand sprengen, die Leinwand dominieren, die Betrachter herausfordern. Das heiligenscheinartig gesetzte Hellgrün in „Drei Frauen“ stilisiert die mittlere Figur zur Ikone. Die riesenhaft geweiteten Augen erinnern an altägyptische Mumienporträts, die damals im Pariser Louvre zu bestaunen waren.
Funke malt auch Akte – und tut dies mit einer Direktheit, die für eine Frau ihrer Zeit unerhört ist. Ihre Stillleben sind keine dekorativen Fingerübungen, sondern Experimente mit Farbe als autonomem Ausdrucksmittel: In „Pfirsichstillleben“ (1918, Belvedere) konstruiert sie die Früchte im Zentrum konzentrischer Wellen aus Gelb und Grün. In „Stillleben mit Früchten und Gefäßen“ lässt sie bewusst weiße Zwischenräume zwischen den Farben – eine Technik, die an japanische Holzschnitte erinnert und zeigt, wie tief der Japonismus in ihr Werk eingedrungen ist.
Vergessen, verarmt – und wiederentdeckt
Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 beginnt Funkes Abstieg. Die Aufträge schwinden. Sie schlägt sich, über sechzigjährig und von einem Augenleiden gezeichnet, als Putzfrau durch. Ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus ist ein dunkles Kapitel: Laut ihrem Neffen Peter finden sich im Nachlass Hinweise auf Hitlerlobgesänge, die 1934 eine Freundschaft mit der jüdischen Ärztin Elisabeth Löbl zerbrechen lassen. Ob sie diese Haltung revidierte, ist nicht überliefert. Erstaunlicherweise wurde sie trotz ihres avantgardistischen Stils nicht als „entartete Künstlerin“ diffamiert.
Nach dem Krieg erhält sie 1955 den Professorentitel. Doch am 31. Juli 1957 stirbt Helene Funke vereinsamt und verarmt in ihrer Wiener Wohnung in der Papagenogasse. Ihr Nachlass ist zerstreut, Briefe und Schriften fast vollständig vernichtet. Ihr Neffe Peter braucht zwölf Jahre, um ein erstes Werkverzeichnis mit rund 400 Bildern zu erstellen – es erscheint erst 2011, ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod.
Die Wiederentdeckung beginnt 1998 mit einer Retrospektive im Wiener Kunsthandel Hieke. 2007 folgt die große museale Retrospektive im Lentos Kunstmuseum Linz (123 Werke). 2018 zeigen die Kunstsammlungen Chemnitz die erste Einzelausstellung in Deutschland. Heute hängen ihre Werke im Belvedere, im Lentos, im Leopold Museum, in der Albertina, im British Museum London und in den Kunstsammlungen Chemnitz. Bei Auktionen erzielen ihre Bilder das Zehnfache früherer Schätzungen.
Warum Helene Funke heute wichtig ist
Helene Funke steht exemplarisch für eine ganze Generation von Malerinnen, die die Kunstgeschichte mitgeschrieben haben – und aus ihr herausgeschrieben wurden. Sie war keine Randfigur: Sie stellte mit Matisse aus, wohnte im Haus von Gertrude Stein, gewann den österreichischen Staatspreis, wurde von Oskar Laske neben Klimt und Schiele verewigt. Und doch verschwand sie fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis.
Ihr Werk ist eine Brücke zwischen dem Pariser Fauvismus und dem Wiener Expressionismus – eine Brücke, die sie als Frau baute, in einer Welt, die Frauen den Zutritt zu den Kunstakademien verweigerte, ihre Akte als „ausgezeichnet unanständig“ beschimpfte und ihre Bilder als „Vangoghiade“ verhöhnte. Dass sie trotzdem malte, ausstellte, kämpfte – das ist das eigentliche Meisterwerk.
Quellenangaben
- Wikipedia DE: https://de.wikipedia.org/wiki/Helene_Funke
- Wikipedia EN: https://en.wikipedia.org/wiki/Helene_Funke
- ARTinWORDS (Alexandra Matzner): https://artinwords.de/helene-funke/
- FemBio (Annette Bußmann): https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/helene-funke
- helenefunke.at (Kunsthandel Widder): https://www.helenefunke.at/en/biografie
- Kunsthandel Hieke: https://www.hieke-art.com/funke-uberblick
- The Blue Lantern (Jane Librizzi, EN): http://thebluelantern.blogspot.com/2013/07/helene-funke-viennese-fauve.html
- Lentos Kunstmuseum Linz: https://www.lentos.at/en/exhibitions/helene-funke-1869-1957
- Galerie der Panther: https://galerie-der-panther.de/2024/07/15/helene-funke-bedeutendes-mitglied-der-gruppe-wiener-frauenkunst/
- Invaluable.com: https://www.invaluable.com/artist/funke-helene-rbiimp3hmz/
- Peter Funke: Die Malerin Helene Funke 1869–1957. Leben und Werk, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2011
- Elisabeth Nowak-Thaller (Hrsg.): Helene Funke 1869–1957, Lentos Kunstmuseum Linz, Nürnberg 2007
- Julie M. Johnson: The Memory Factory: The Forgotten Women Artists of Vienna 1900, Purdue University Press 2012
- Katja Behling / Anke Manigold: Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900, Insel 2013
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ – jenen unerschrockenen Künstlerinnen um 1900, die gegen alle Widerstände malten, ausstellten und kämpften. Sein besonderes Interesse gilt ihrer Wiederentdeckung und Neubewertung im kunsthistorischen Kanon. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen: Wer Helene Funkes Werk heute erleben möchte, findet ihre Gemälde in der Dauersammlung des Belvedere Wien, des Lentos Kunstmuseums Linz und der Kunstsammlungen Chemnitz. Aktuelle Ausstellungsbeteiligungen sind für 2026/27 in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems geplant („Wiener Moderne. Weiblich. Widerständig“).
Das in diesem Beitrag verwendete Foto einer Tuschezeichnung von Helene Funke ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.