Adelina Hertl – Vergessene Meisterin des Pastells

Eine Blumenmalerin aus Sedan erobert den Pariser Salon

Sie signierte Adelina – mit vollem Namen Adelina-Margarita Hertl – und war eine französische Malerin des Realismus.

Frankreich, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Pariser Salon ist die Bühne der Welt, die Kunstolympiade der Epoche. Wer hier ausstellt, existiert. Wer hier fehlt, verschwindet. Adelina stellte aus – dreizehn Jahre lang, von 1857 bis 1870. Und verschwand trotzdem.

Eine Frau aus den Ardennen in der Kunstmetropole Paris

Sie kam aus Sedan, einer Industriestadt in den Ardennen, die man nicht unbedingt mit dem Glanz der Pariser Kunstwelt verbindet. Am 24. Mai 1832 wurde Adelina-Margarita Hertl dort geboren – in eine Familie, die die Kunst offenbar im Blut hatte: Ihr Bruder Paul-Antoine Hertl (geb. 9. Juni 1826) war ebenfalls Maler und stellte 1864 im Salon aus, mit seinem Werk Bords de Seine. Geschwister, die gemeinsam den Weg in die Pariser Kunstwelt wagten – das war in der Mitte des 19. Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht für eine Frau.

Adelina-Margarita Hertl ließ sich in Paris nieder, in der Rue du Battoir-Saint-Marcel, wie der Salon-Katalog von 1864 verzeichnet. Sie wählte zwei der bedeutendsten Lehrer ihrer Zeit: Léon Cogniet (1794–1880), den renommierten Historien- und Porträtmaler, Prix-de-Rome-Träger und Professor an der École des Beaux-Arts, dessen Atelier Schülerinnen wie Rosa Bonheur und Schüler wie Ernest Meissonier hervorbrachte – und Horace Lecoq de Boisbaudran (1802–1897), den innovativen Zeichenpädagogen und Maler, der an der École impériale de dessin lehrte und mit seiner Methode des Gedächtniszeichnens (éducation de la mémoire pittoresque) eine ganze Generation von Künstlerinnen und Künstlern prägte.

Die Kunst des Pastells: Blumen, die atmen

Adelina-Margarita Hertl wählte eine Gattung, die im 19. Jahrhundert als „weiblich“ galt – und die sie zur Meisterschaft trieb: das Blumenstillleben im Pastell. Pastell, diese zarte, pulvrige Technik, die Farbe und Licht auf eine Weise verbindet, die Öl nie ganz erreicht – sie war Hertls Medium. Ihre Werke zeigen Rosen, Mohnblumen, Kamelien, Flieder, Primeln, Glockenblumen, Levkojen, Phlox: eine Welt in Blüte, festgehalten mit einer Präzision und Leuchtkraft, die zeitgenössische Betrachter begeisterte.

Eine niederländische Rezension – die früheste bekannte internationale Besprechung ihrer Werke – lobte ihre Blumenpastellzeichnungen ausdrücklich als „zeer fraai“ (sehr schön), beklagte aber zugleich, dass sie „zeer ongelukkig in een donkeren“ Raum hingen, also in einem zu dunklen Ausstellungsraum präsentiert wurden – ein Hinweis darauf, dass ihre Werke Licht brauchten, um ihre volle Wirkung zu entfalten.

Der Salon-Katalog von 1857 verzeichnet ihre ersten beiden Einreichungen: Camélias, lilas et primevères (Pastell, Nr. 1345) und Pavots et roses (Pastell). 1864 folgte Étude de roses (Pastell, Nr. 2236). Insgesamt stellte sie von 1857 bis 1870 – dreizehn Jahre lang – im Pariser Salon aus, dem wichtigsten Kunstforum Frankreichs und Europas.

Adelina-Margarita Hertl Werke in Museen – und was verschollen ist

Zwei Pastelle von Adelina-Margarita Hertl befinden sich heute nachweislich im Musée des Beaux-Arts de Bordeaux:

Werk Technik Verbleib
Roses et phlox Pastell Musée des Beaux-Arts, Bordeaux
Roses, campanules et giroflées Pastell Musée des Beaux-Arts, Bordeaux
Étude de roses Pastell, 1864 Verbleib unbekannt
Camélias, lilas et primevères Pastell, 1857 Verbleib unbekannt
Pavots et roses Pastell, 1857 Verbleib unbekannt
Bouquet. Dracœna et gloxciniax Pastell Ehem. Musée municipal de Sedan (zerstört 1940)

Das erste Stadtmuseum von Sedan besaß zwei Pastelle von Adelina-Margarita Hertl, darunter das Bouquet. Dracœna et gloxciniax (Katalognummer 3302, Schenkung von Dr. Bernutz). Das Museum wurde im Mai 1940 durch Bombardierung zerstört – mit ihm vermutlich auch diese Werke. Sie gelten als verschollen.

Die übrigen Salon-Einreichungen von 1857 bis 1870 – es müssen mindestens ein Dutzend Werke gewesen sein, da sie jährlich ausstellte – sind bislang nicht lokalisiert. Ihr Verbleib ist unbekannt. Hier liegt ein erhebliches Forschungsdesiderat.

Ein Leben, das zu früh endete

Adelina-Margarita Hertl starb am 18. Februar 1872 in Bad Ems – dem deutschen Kurort an der Lahn, der damals als Heilbad für Lungenkranke und Erschöpfte bekannt war. Sie wurde nur 39 Jahre alt. Was sie dorthin trieb – Krankheit, Erschöpfung, die Folgen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, der auch ihre Heimatstadt Sedan verwüstete –, ist nicht überliefert. Ihr Tod fiel in eine Zeit des Umbruchs: Der Salon, an dem sie so lange teilgenommen hatte, war nach dem Krieg nicht mehr derselbe. Frankreich war ein anderes Land geworden.

Ihr Bruder Paul-Antoine Hertl überlebte sie und arbeitete weiter als Maler und Bildhauer – er wurde sogar als Erfinder der „Photosculpture“ bekannt. Adelina aber verschwand aus dem kollektiven Gedächtnis, wie so viele Malerinnen ihrer Generation.

Bedeutung für die Kunstgeschichte

Adelina-Margarita Hertl steht exemplarisch für eine ganze Generation von Malerinnen, die im 19. Jahrhundert professionell arbeiteten, im Salon ausstellten, von bedeutenden Lehrern ausgebildet wurden – und dennoch aus der Kunstgeschichtsschreibung verschwanden. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in der Qualität ihrer Werke, sondern auch in dem, was sie repräsentiert: den mühsamen, oft unsichtbaren Kampf von Frauen um einen Platz in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ – jenen Malerinnen des 19. Jahrhunderts, die zu ihrer Zeit gefeiert wurden und danach in Vergessenheit gerieten und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Der Blog unforgettable-art.com informiert über diese Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen zu vergessenen Malerinnen.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Pastellgemäldes von Adelina-Margarita Hertl ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.