Ida Kerkovius – Bauhaus-Malerin und Meisterin der Farbe
Ida Kerkovius – Die Zauberin der Farbe
Ida Luitgarde Kerkovius ist eine deutsche Malerin der Moderne.
Eine Malerin zwischen zwei Welten: Riga und Stuttgart
Sie wurde in Riga geboren, als das Baltikum noch zum Russischen Kaiserreich gehörte, und sie starb in Stuttgart – als gefeierte Professorin, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und stille Heldin der deutschen Klassischen Moderne. Ida Kerkovius (1879–1970) ist eine jener Künstlerinnen, die man kennen müsste und die man doch immer wieder neu entdeckt. Ihr Lebensmotto war so klar wie ihre Bilder: „Meine Welt ist die Farbe – in ihr kann sich meine Phantasie ganz entfalten.“
Ida Luitgarde Kerkovius kam am 31. August 1879 als viertes von zwölf Kindern einer deutschbaltischen Gutsbesitzer- und Kaufmannsfamilie zur Welt. Ihre Kindheit verbrachte sie auf Gut Saadsen, rund 60 Kilometer östlich von Riga – eine Welt aus weiten Landschaften, die sich später in ihren Pastellen spiegeln sollte. Mit 18 Jahren begann sie ihre Ausbildung an einer privaten Mal- und Zeichenschule in Riga, die sie 1899 mit Diplom abschloss. Doch das war erst der Anfang.
Der Funke: Adolf Hölzel und die Stuttgarter Avantgarde
Der entscheidende Wendepunkt kam 1902, als Kerkovius in einer Ausstellung die Werke einer Schülerin des Malers Adolf Hölzel sah – und sofort wusste: Das ist die Richtung. Sie reiste 1903 zunächst nach Italien (Venedig, Florenz, Rom), bevor sie fünf Monate lang in der Künstlerkolonie Dachau bei Hölzel studierte. Diese kurze Zeit, so sagte sie später, sei „bestimmend für mein ganzes weiteres Leben“ gewesen.
Hölzel lehrte sie das flächige Sehen – die Kunst, die dreidimensionale Natur auf die zweidimensionale Leinwand zu übertragen. Er lehrte sie Farbkontrapunktik, die Abstraktion von Formen, das Weglassen des Unwesentlichen. Und er erkannte ihr Talent sofort: „Sie macht meine Lehre“, sagte er – und fügte mit einem Schmunzeln hinzu: „aber komisch, sie macht ganz andere Sachen.“ Genau das war Kerkovius: eine Schülerin, die ihren Meister überraschte.
1908 folgte sie Hölzel an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo sie seine Meisterschülerin wurde. Ab 1911 unterrichtete sie als seine Assistentin Privatschüler, die noch nicht zur Akademie zugelassen waren – darunter ein gewisser Johannes Itten, der später am Bauhaus ihr eigener Lehrer werden sollte. Eine pikante Umkehrung der Rollen, die Kerkovius mit trockenem Humor kommentierte.
Das Bauhaus: Schülerin mit 41 Jahren – und Lehrerin im Geiste
Im Wintersemester 1920 tat Ida Kerkovius etwas Ungewöhnliches: Mit 41 Jahren setzte sie sich erneut auf die Schulbank – diesmal am frisch gegründeten Bauhaus in Weimar. „Ich wollte nicht einseitig sein“, erklärte sie schlicht. Was folgte, war eine der fruchtbarsten Phasen ihres Lebens.
Am Bauhaus besuchte sie den Vorkurs bei Johannes Itten und Georg Muche, den Kunstunterricht von Wassily Kandinsky und Paul Klee – Letzterer beeindruckte sie so sehr, dass sie seinen Unterricht als „Kunstwerk für sich“ bezeichnete. Kandinsky euphorisierte sie „grundlegend“. Weniger begeistert war sie von Bauhaus-Direktor Walter Gropius, dessen Unterrichtsstunden sie schlicht „die ekligsten“ nannte – eine Offenheit, die man ihr nicht verdenken kann.
In der Webklasse von Gunta Stölzl erlernte sie die Kunst des Webens – nicht aus Zwang, wie viele Kommilitoninnen, sondern aus freier Entscheidung. Sie sah im Textil die Möglichkeit, ihr „Talent für Farbe am meisten auszuleben“ – und zugleich eine wirtschaftliche Notwendigkeit, denn das Familienvermögen war durch die Wirren der Zeit längst verloren. Ihre Gobelins und Bildwebereien, aus Seide, Wolle, Bast und Stoffstreifen gefertigt, fanden rasch Käufer und retteten sie durch manche Finanzkrise.
1922 erwarb sie die deutsche Staatsbürgerschaft durch Einbürgerung in Württemberg. Nach dem Ende ihrer Bauhaus-Zeit (die Quellen schwanken zwischen 1923 und 1924) kehrte sie nach Stuttgart zurück und entwickelte eine neue künstlerische Eigenständigkeit – ohne den Kontakt zu Hölzel je ganz abzubrechen.
Malstil und Kunstperiode: Zwischen Expressionismus, Fauvismus und Abstraktion
Ida Kerkovius lässt sich keiner einzigen Schublade zuordnen – und das war ihr erklärter Wille: „Ich bekenne mich zu keiner Kunstrichtung“, sagte sie noch an ihrem 70. Geburtstag. Und doch lässt sich ihr Werk präzise verorten: Sie gehört zur Klassischen Moderne, jenem breiten Strom der europäischen Avantgarde, der zwischen 1900 und 1950 Impressionismus, Expressionismus, Fauvismus, Kubismus und Abstraktion miteinander verwob.
Ihr Markenzeichen waren die Pastelle – leuchtend, dicht, von einer Farbkraft, die den Betrachter förmlich überwältigt. Farbe war für sie kein Mittel zum Zweck, sondern das Ziel selbst. Ihr Kollege Willi Baumeister brachte es auf den Punkt: „In der Farbe ist sie uns allen überlegen.“ Alexej von Jawlensky, der sie liebevoll „Kerkowi“ nannte, urteilte schlicht: „Sie ist ganz Kunst.“
Ihre Werke zeigen:
- Landschaften aus Norwegen, Italien (besonders Ischia und Gardasee), dem Baltikum und Bad Gastein – oft en plein air gemalt, mit breitem Pinsel und kühner Vereinfachung
- Stillleben mit kubistischer Zerlegung der Formen
- Abstrakte Kompositionen, die Kandinskys Idee der „Befreiung vom Gegenstand“ konsequent weiterdenken
- Bildteppiche und Gobelins von außerordentlicher Qualität
- Glasfenster – darunter die Fenster im Stuttgarter Rathaus (1955) und im Andachtsraum der Universitätsklinik Tübingen (1958)
Ihre Bilder, so sagte sie selbst, „sollen wie ein Blick aus dem Fenster sein“ – offen, unmittelbar, ohne Details, die die Komposition zerstören könnten. Diese scheinbare Einfachheit ist das Ergebnis jahrzehntelanger Meisterschaft.
Verfolgung, Verlust und Wiedergeburt: Die dunklen Jahre
Die Geschichte von Ida Kerkovius ist auch eine Geschichte von Verlusten. Schon im Ersten Weltkrieg verlor sie ihr Atelier, weil sie als russische Staatsangehörige galt. 1933 diffamierten die Nationalsozialisten ihre Werke als „Entartete Kunst“ – ein Schlag, der ihr öffentliches Wirken für über ein Jahrzehnt lähmte. Ihre Freundin und ehemalige Schülerin Hanna Bekker vom Rath, die spätere Frankfurter Kunsthändlerin, verkaufte ihre Werke heimlich weiter.
1939 wurde ihre deutschstämmige Familie im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts aus Riga in den sogenannten Warthegau umgesiedelt – dabei gingen viele Werke verloren. Und dann, im März 1944, der schwerste Schlag: Ein Bombenangriff zerstörte ihr Stuttgarter Atelier in der Urbanstraße vollständig. Bilder, Möbel, Webstühle, Unersetzliches – alles Asche. Das Œuvre vor 1945 ist deshalb nur lückenhaft erhalten.
Spektakuläre verschollene Werke
Hier liegt eine der großen offenen Fragen der Kerkovius-Forschung: Wie viele und welche Werke sind unwiederbringlich verloren? Durch den Bombenangriff 1944, die Umsiedlung 1939 und die Beschlagnahmungen der NS-Zeit fehlt ein erheblicher Teil ihres Frühwerks. Einzelne Werke, die in Ausstellungskatalogen der 1920er und 1930er Jahre dokumentiert sind, tauchen bis heute nicht auf dem Kunstmarkt auf. Besonders schmerzhaft: Ihre frühen Stuttgarter Gemälde aus der Zeit um 1911–1920, als sie noch stark unter dem Einfluss Hölzels stand und gleichzeitig ihren eigenen Weg suchte, sind kaum noch greifbar. Kunsthistoriker vermuten, dass ein Teil dieser Werke in Privatbesitz überlebt haben könnte – unerkannt, unerforscht.
Das fulminante Comeback: Die zweite Blüte
„Das Jahr 1948 ist das ereignisreichste für mich“, bilanzierte Kerkovius selbst. Mit 69 Jahren feierte sie im Frankfurter Kunstkabinett von Hanna Bekker vom Rath ein triumphales Comeback. Was folgte, war eine der produktivsten Phasen ihres Lebens: über 70 Ausstellungen, Reisen nach Norwegen, Ischia, Griechenland, Ägypten, Libanon, Glasfenster-Aufträge, Teppiche, Ölgemälde, Pastelle.
1953 erhielt sie den Staatspreis Gestaltung Kunst Handwerk des Landes Baden-Württemberg. 1954 verlieh ihr Bundespräsident Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. 1958 folgte der Professorentitel des Landes Baden-Württemberg sowie die Ernennung zum Ehrenvorstandsmitglied des Deutschen Künstlerbundes – als einzige Frau neben Otto Dix, Erich Heckel und Willi Baumeister im sogenannten „Rat der Zehn“.
Sie malte bis zuletzt. Ihr letztes Ölgemälde, „Bel Vue“, blieb unvollendet. Am 7. Juni 1970 starb Ida Kerkovius in Stuttgart, im 91. Lebensjahr. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Waldfriedhof Stuttgart.
Widersprüche in den Quellen – und ihre Auflösung
Wer sich durch die Literatur zu Ida Kerkovius arbeitet, stößt auf einige Unstimmigkeiten:
| Frage | Variante A | Variante B | Auflösung |
| Sterbedatum | 7. Juni 1970 (de.Wikipedia, Fembio) | 8. Juni 1970 (ida-kerkovius.com) | 7. Juni gilt als gesichertes Datum laut Standesamt Stuttgart |
| Geburtsdatum | 31. August 1879 (de.Wikipedia, Fembio) | 1. August 1879 (fr.Wikipedia) | 31. August ist durch Primärquellen belegt; fr.Wikipedia-Fehler |
| Bauhaus-Zeit | 1920–1923 (de.Wikipedia) | 1920–1924 (Studio International, fr.Wikipedia) | Kerkovius besuchte die Wintersemester; 1923 war ihr letztes Semester, 1924 Rückkehr nach Stuttgart |
| Geburtsreihenfolge | „viertes Kind“ (de.Wikipedia) | „eines von zwölf Kindern“ ohne Rangangabe (englische Quellen) | Kein echter Widerspruch; de.Wikipedia ist präziser |
Bedeutung für die Kunstgeschichte
Ida Kerkovius steht in einer Reihe mit Gabriele Münter, Käthe Kollwitz, Marianne von Werefkin und Paula Modersohn-Becker – und wird doch seltener genannt. Das ist ein Unrecht, das die Kunstgeschichte langsam korrigiert. Sie war nicht nur Schülerin, sondern auch Lehrerin der Avantgarde: Ohne sie hätte Johannes Itten möglicherweise nie den Weg zum Bauhaus gefunden.
Ihr Werk verbindet die Farbtheorie Hölzels mit der Spiritualität Kandinskys, den Expressionismus der Brücke-Maler mit der Leichtigkeit des Fauvismus – und bleibt dabei stets unverwechselbar eigen. Sie ist, wie Kunstkritiker Kurt Leonhard treffend schrieb, „in der Reihe jener heute schon klassischen Meister der modernen Malerei“ zu verorten.
Dass ihr Name in mindestens sieben deutschen Städten Straßen und Plätze ziert – von Stuttgart-Vaihingen bis Wolfsburg –, ist ein stilles Zeichen der Anerkennung. Dass ihre Werke in der Staatsgalerie Stuttgart, im Städel Frankfurt, in der Deutschen Bundesbank und in der Daimler-Kunstsammlung hängen, ist ein lauteres.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ der Klassischen Moderne und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Ida Kerkovius live erleben möchte: Die Staatsgalerie Stuttgart besitzt 35 digitalisierte Werke in ihrer Online-Sammlung – ein guter Einstieg in die leuchtende Welt dieser außergewöhnlichen Malerin.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Aquarellbildes von Ida Kerkovius ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.
Quellen
- Wikipedia (deutsch): de.wikipedia.org/wiki/Ida_Kerkovius
- Wikipedia (français): fr.wikipedia.org/wiki/Ida_Kerkovius
- FemBio – Frauen-Biographieforschung: Annette Bußmann: Ida Kerkovius. fembio.org
- Studio International (englisch): Anna McNay: „Ida Kerkovius: Meine Welt ist die Farbe“, 03/2014. studiointernational.com
- Bauhaus-Kooperation: bauhauskooperation.de
- Kunstsammlungen Chemnitz: kunstsammlungen-chemnitz.de
- Kunsthaus Apolda: kunsthausapolda.de
- Ida Kerkovius Biografie (Art Directory): ida-kerkovius.com
- Deutsche Bundesbank – Kunstsammlung: bundesbank.de
- Bode Galerie: bode-galerie.de
- Kulturstiftung West-Ost: kulturstiftung.org
- Galerie Bayer Bietigheim: galerie-bayer-bietigheim.de
- Lempertz Auktionshaus: lempertz.com
- Staatsgalerie Stuttgart – Digitale Sammlung: staatsgalerie.de