Sofonisba Anguissola – Königsmalerin der Renaissance

Sofonisba Anguissola: Die Frau, die Michelangelo begeisterte – und die die Welt vergaß

Sofonisba Anguissola war eine italienische Malerin der Spätrenaissance.

Eine Malerin, die Könige porträtierte, Päpste beschenkte und fast 400 Jahre lang im Schatten der Geschichte verschwand.

Es war eine Zeit, in der Frauen keine Anatomie studieren durften, keine großformatigen Leinwände bearbeiten sollten und schon gar nicht an Königshöfen als Künstlerinnen auftraten. Und doch: Sofonisba Anguissola tat genau das. Sie malte Philipp II. von Spanien, porträtierte seine Königin, unterrichtete sie im Zeichnen – und wurde von Michelangelo persönlich gelobt. Dass ihr Name heute vielen unbekannt ist, sagt weniger über ihre Kunst aus als über die Mechanismen des Vergessens, die Frauen in der Kunstgeschichte so zuverlässig zum Schweigen brachten.

Sofonisba Anguissola wurde um 1531 oder 1532 in Cremona geboren – das genaue Jahr ist bis heute umstritten. Die meisten Quellen, darunter die deutsche Wikipedia, artinwords.de und das Smithsonian Magazine, nennen ca. 1531/1532. Die spanische Wikipedia weicht mit 1535 ab, was jedoch von der Mehrheit der Forschung nicht gestützt wird. Gestorben ist sie am 16. November 1625 in Palermo – im Alter von fast 94 Jahren. Auch hier gibt es einen Widerspruch: Die italienische Wikipedia nennt fälschlicherweise 1629 als Todesjahr; alle anderen seriösen Quellen, darunter Britannica, artnet und das Smithsonian, bestätigen übereinstimmend 1625.

Cremona, Michelangelo und ein revolutionärer Vater

Sofonisba war die Älteste von sieben Kindern – sechs Töchtern und einem Sohn – des Patriziers Amilcare Anguissola und seiner Frau Bianca Ponzoni. Was die Familie von anderen unterschied: Amilcare ließ seine Töchter ausbilden wie Söhne. Eine humanistische Erziehung, Musik, Literatur – und Malerei. Zwischen 1543 und 1549 studierte Sofonisba gemeinsam mit ihrer Schwester Elena bei Bernardino Campi, einem der bedeutendsten Maler Cremonas. Danach folgte eine Lehre bei Bernardino Gatti, genannt „Il Sojaro“. Beide Lehrer prägten ihren Stil: eine weiche, sfumato-artige Modellierung der Gesichter in der Tradition Correggios, verbunden mit einer leonardesken Sensibilität für den menschlichen Ausdruck.

Ihr Vater war nicht nur Förderer, sondern auch Manager: Er korrespondierte mit Michelangelo Buonarroti, schickte ihm Zeichnungen seiner Tochter und bat um Ratschläge. Michelangelo antwortete – und schickte ihr neue Themen zur Bearbeitung. Giorgio Vasari, der große Biograph der Renaissance, lobte sie in seinen Vite für ihre „invenzione“ und ihren Naturalismus. Päpste sammelten ihre Werke: Julius III. und Pius IV. besaßen Gemälde von ihrer Hand.

Die Porträtistin: Ein neuer Blick auf den Menschen

Sofonisba Anguissola ist vor allem als Porträtmalerin in die Kunstgeschichte eingegangen – und als Pionierin einer neuen, psychologisch tieferen Bildsprache. Wo ihre Zeitgenossen Kinder oft als kleine Erwachsene darstellten, malte sie sie als Kinder: lebendig, spontan, mit echten Emotionen. Ihr berühmtestes Werk, „Drei Schwestern beim Schachspiel“ (um 1555, heute im Nationalmuseum Posen/Poznań), gilt als erste Genreszene der italienischen Malerei – eine Alltagsszene, die ihre Schwestern Lucia, Minerva und Europa beim Spiel zeigt, beobachtet von einer Gouvernante. Das Lachen Europas – ein Moment echter Schadenfreude – ist nach Ansicht mancher Kunsthistoriker die erste Darstellung von Schadenfreude in der europäischen Kunst.

Ihre Selbstporträts sind ein Kapitel für sich. In einer Zeit, in der das Selbstporträt als Gattung gerade erst durch Albrecht Dürer etabliert worden war, schuf Sofonisba eine ganze Serie von Selbstdarstellungen – als Malerin an der Staffelei, als Musikerin am Spinett, als gebildete Frau mit Buch. Diese Bilder sind keine bloßen Repräsentationen: Sie sind Statements. Sie sagen: Ich bin hier. Ich male. Ich denke. Ich existiere.

Am Hof Philipps II.: Glanz und Einschränkung

Im Jahr 1559 wurde Sofonisba Anguissola auf Empfehlung des Herzogs von Alba an den spanischen Königshof berufen. Sie sollte die erst 14-jährige Elisabeth von Valois, dritte Gemahlin Philipps II., im Zeichnen unterrichten – und als Hofdame dienen. Was folgte, waren 14 Jahre am mächtigsten Hof Europas. Sie malte Philipp II., die Königin, die Infantinnen Isabella Clara Eugenia und Katharina Michaela. Ihr Porträt der kleinen Infantin Isabella war so überzeugend, dass Peter Paul Rubens es später kopierte.

Doch der Glanz hatte seinen Preis. Als Hofdame – nicht als freie Künstlerin – war Sofonisba Anguissola den strengen Konventionen des spanischen Hofes unterworfen. Großformatige Historienbilder, mythologische Szenen, Aktdarstellungen – all das blieb ihr verwehrt. Sie malte, was erlaubt war: Porträts. Und sie malte sie meisterhaft. Als Elisabeth von Valois 1568 während ihrer dritten Schwangerschaft starb, fiel Sofonisba Anguissola in eine tiefe Depression. Sie bat um ihre Entlassung.

Zwei Ehen, zwei Leben – und ein Neuanfang in Genua

Der spanische Hof arrangierte ihre erste Ehe mit dem sizilianischen Edelmann Fabrizio di Moncada. Nach dessen frühem Tod zog sie erneut nach Spanien – verliebte sich jedoch auf der Überfahrt in den genuesischen Kapitän Orazio Lomellini und heiratete ihn, ohne die Erlaubnis des Königs einzuholen. Eine unerhörte Kühnheit für eine Hofdame. In Genua blühte sie auf: Sie malte religiöse Werke, gab Malunterricht, empfing Künstler und Gelehrte in ihrem Haus. 1606 besuchte sie der junge Peter Paul Rubens, der im Auftrag des Herzogs von Mantua in Spanien mehrere ihrer Werke kopiert hatte.

Ab 1615 lebte sie in Palermo. Eine schwere Augenkrankheit – starke Kurzsichtigkeit, möglicherweise Katarakt – und Rheuma machten das Malen unmöglich. 1623 besuchte sie Anthonis van Dyck, der die fast 92-Jährige in seinem berühmten Italienischen Skizzenbuch porträtierte und ihre Ratschläge zur Porträtmalerei festhielt. Er notierte, dass ihr größter Schmerz die Unfähigkeit zu malen war – obwohl ihre Hand noch fest war.

Spektakuläre Wiederentdeckungen: Was verschollen war – und wiederkehrt

Sofonisba Anguissola ist eine Malerin, deren Werke über Jahrhunderte falsch zugeschrieben, vergessen oder schlicht verloren wurden. Einige ihrer Gemälde wurden Tizian oder anderen männlichen Meistern zugeschrieben – ein Schicksal, das sie mit vielen Künstlerinnen ihrer Zeit teilt.

Die spektakulärste Wiederentdeckung der jüngsten Zeit: Im Jahr 2024 tauchte in einer Privatsammlung in Durham, North Carolina, ein Gemälde auf, das seit den 1920er Jahren als verschollen galt. Es handelt sich um das „Bildnis eines Regularkanonikers“ von 1552 – Sofonisbas frühestes signiertes und datiertes Werk. Die Frick Art Reference Library in New York besaß lediglich ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 1920er Jahren; danach verlor sich die Spur des Originals. Der Kunsthistoriker Michael Cole (Columbia University), Autor des Standardwerks Sofonisba’s Lesson (Princeton University Press, 2019), identifizierte das Werk nach einem YouTube-Vortrag, den die Besitzer zufällig gesehen hatten. Nach einer Restaurierung wurde die vollständige Signatur „Sophonisba Anguissola Virgo“ mit der Jahreszahl 1552 sichtbar. Das Gemälde wurde auf der Winter Show 2025 in der Park Avenue Armory in New York für 450.000 US-Dollar angeboten – und gehört zu weniger als 20 signierten Werken der Künstlerin, die heute noch existieren.

Weitere Werke, deren Verbleib unbekannt ist, listet die deutsche Wikipedia: darunter „Die mystische Vermählung der heiligen Katharina“ (1580, ehemals Coll. Earl of Pembroke, London) und ein „Bildnis eines Dominikaners“ (um 1555, ehemals Collezione Calligaris). Wie viele ihrer Werke noch in Privatsammlungen schlummern, falsch zugeschrieben oder unerkannt, bleibt eine offene Frage – und eine Einladung an die Forschung.

Ihre Bedeutung für die Kunstgeschichte

Sofonisba Anguissola war die erste Frau, die internationale Anerkennung als Malerin erlangte – so formuliert es Europeana, das digitale Kulturerbe-Portal der EU. Sie war die erste Hofmalerin Europas (artinwords.de). Sie ebnete den Weg für Künstlerinnen wie Lavinia Fontana, Barbara Longhi und später Artemisia Gentileschi. Und sie tat dies in einer Zeit, in der Frauen weder Anatomie studieren noch Aktmodelle zeichnen durften – in der die gesamte Infrastruktur der Kunstausbildung gegen sie war.

Ihr Beitrag zur Kunstgeschichte liegt nicht nur in ihren Werken, sondern in dem, was sie möglich machte: Sie bewies, dass eine Frau an den höchsten Orten der Macht malen, lehren und anerkannt werden konnte. Dass ihr Name danach für fast 400 Jahre in Vergessenheit geriet, ist eine der großen Ungerechtigkeiten der Kunstgeschichte. Dass er heute zurückkehrt – in Ausstellungen, Monographien, Wiederentdeckungen – ist eine der schönsten Korrekturen.

Schlussabsatz

Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ der Renaissance und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über die Entdeckungen vergessener Malerinnen – von Sofonisba Anguissola bis zu ihren Nachfolgerinnen – und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Sofonisba Anguissola im Original erleben möchte, findet ihre Werke unter anderem im Kulturforum Berlin, im Museo del Prado (Madrid), in der Pinacoteca di Brera (Mailand), im Kunsthistorischen Museum Wien, im Nationalmuseum Posen sowie im Szépmüvészeti Múzeum Budapest. Die Ausstellung „A Tale of Two Women Painters“ im Prado widmete ihr und Lavinia Fontana eine gemeinsame Retrospektive – ein überfälliges Zeichen der Anerkennung.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Gemäldes von Sofonisba Anguissola ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-0614. 

 

Quelle Sprache Inhalt
de.wikipedia.org/wiki/Sofonisba_Anguissola DE Biografie, Werkverzeichnis, Bedeutung
artinwords.de/sofonisba-anguissola/ DE Ausbildung, Stil, Hofzeit, Spätwerk
smithsonianmag.com (2024/2025) EN Wiederentdeckung „Bildnis eines Regularkanonikers“
news.artnet.com (2025) EN Winter Show, Wiederentdeckung, Marktpreis
britannica.com/biography/Sofonisba-Anguissola EN Biografie, Kunstperiode
europeana.eu/de/exhibitions/pioneers/sofonisba-anguissola DE/EN Erste international anerkannte Künstlerin
fr.wikipedia.org/wiki/Sofonisba_Anguissola FR Biografie, Hofzeit
awarewomenartists.com/artiste/sofonisba-anguissola/ FR Porträtkunst, Stil
es.wikipedia.org/wiki/Sofonisba_Anguissola ES Biografie (Geburtsjahr-Abweichung: 1535)
museodelprado.es ES Werke im Prado, Hofzeit
it.wikipedia.org/wiki/Sofonisba_Anguissola IT Biografie (Todesjahr-Fehler: 1629 – korrigiert)
mymodernmet.com/lost-sofonisba-anguissola-renaissance-painting/ EN Verschollenes Werk, Wiederentdeckung
Michael W. Cole: Sofonisba’s Lesson, Princeton UP 2019 EN Standardwerk der Forschung