Else Lasker-Schüler: Dichterin und Zeichnerin

Else Lasker-Schüler – Die Zeichnerin, die die Welt vergaß

Else Lasker-Schüler war eine deutsche Zeichnerin und Dichterin.

Dichterin, Bohémienne, Visionärin: Else Lasker-Schüler war eine der faszinierendsten Künstlerinnen des deutschen Expressionismus. Doch ihr bildnerisches Werk – Hunderte von Zeichnungen, Collagen und bemalten Postkarten – wurde von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ vernichtet. Was blieb, ist ein Torso von atemberaubender Schönheit.

„Ich bin in Theben geboren“ – Eine Künstlerin erfindet sich neu

Elberfeld, 11. Februar 1869. In einer gutbürgerlichen jüdischen Bankiersfamilie kommt Elisabeth Schüler zur Welt – das jüngste von sechs Kindern. Doch diese nüchterne Herkunft passt nicht zu dem Wesen, das sie werden wird. Else Lasker-Schüler erfindet sich selbst: Sie behauptet, 1876 geboren zu sein, und erklärt, in Theben (Ägypten) das Licht der Welt erblickt zu haben. „Ich bin in Theben geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland“, schreibt sie – und meint es ernst.

Dieser Widerspruch zwischen dem dokumentierten Geburtsjahr 1869 und dem von ihr selbst angegebenen Jahr 1876 ist heute geklärt: Standesamtliche Unterlagen belegen eindeutig das Jahr 1869. Lasker-Schüler fälschte ihr Alter bewusst, um zu behaupten, ihre frühen Gedichte als 15- bis 17-Jährige geschrieben zu haben – eine Selbstmythologisierung, die zu ihrem Gesamtkunstwerk gehörte.

Berlin, die Bohème und der Zeichenstift

Nach ihrer Heirat mit dem Arzt Jonathan Berthold Lasker zieht sie 1894 nach Berlin – und die Provinz Elberfeld liegt für immer hinter ihr. In der Metropole nimmt sie Zeichenunterricht bei dem bedeutenden jüdischen Maler Simson Goldberg. Ihre ersten bekannten Zeichnungen entstehen um 1906, im Umfeld ihrer wachsenden Freundschaft mit dem Maler Franz Marc. Was als Beiwerk beginnt – Illustrationen zu Gedichten, Karikaturen auf Postkarten –, entwickelt sich zu einem eigenständigen Parallelwerk von erstaunlicher Kraft.

In zweiter Ehe heiratet sie 1903 den Kunstschriftsteller Georg Lewin, dem sie den Künstlernamen Herwarth Walden gibt. Walden gründet 1910 die avantgardistische Zeitschrift Der Sturm – und Lasker-Schüler ist mittendrin: als Autorin, als Zeichnerin, als Muse und als treibende Kraft der Berliner Avantgarde. Im berühmten Café des Westens wird sie zur ungekrönten Königin der Bohème, zur exzentrischen Kristallisationsfigur einer ganzen Epoche.

Prinz Jussuf von Theben – Das bildnerische Alter Ego

Das Herzstück ihres bildnerischen Werks ist die Figur des Prinzen Jussuf von Theben – ihr männliches Alter Ego, das auf dem biblischen Joseph basiert. Mit dunklem Pagenschnitt, Pluderhosen und strengem Linksprofil taucht Jussuf immer wieder in ihren Zeichnungen auf, stilistisch angelehnt an die Porträtbilder der altägyptischen Kunst.

Diese Figur ist mehr als eine Spielerei: Sie ist Ausdruck ihrer jüdischen Identität, ihrer Sehnsucht nach Macht und Freiheit, ihrer Weigerung, sich in die Rolle der bürgerlichen Frau fügen zu lassen. Mit dem Namen „Jussuf, Prinz von Theben“ unterzeichnet sie fortan ihre Korrespondenz – und ihre Zeichnungen.

Ihre Bilder sind gezeichnet, gemalt, collagiert und oft auch beschrieben – eine einzigartige Verbindung von Wort und Bild, die sie zu einer Pionierin des intermedialen Kunstschaffens macht. Die Technik: Feder, Kreide, Aquarell, Collage. Die Motive: thebanische Brautpaare, orientalische Märchenwelten, Porträtkarikaturen ihrer Zeitgenossen, der blaue Jaguar, die Prinzessin Tino von Bagdad.

Kunstperiode und Bildgattung: Zwischen Jugendstil und Expressionismus

Kunsthistorisch ist Else Lasker-Schüler als Zeichnerin und Collagistin des Expressionismus einzuordnen – mit deutlichen Einflüssen aus Jugendstil, Futurismus und der altägyptischen Formensprache. Ihre Strichführung und Farbintensität spiegeln die künstlerische Nähe zu den expressionistischen Malern ihrer Zeit wider, insbesondere zur Gruppe des Blauen Reiters um Franz Marc und Wassily Kandinsky.

Dabei lässt sich ihr Werk keiner einzigen Schule vollständig zuordnen: Der Literaturwissenschaftler Magnus Klaue interpretiert Elemente wie Naivität und Kitsch in ihren Bildern als bewusste ästhetische Entscheidungen, die den radikal revolutionären Gehalt ihres Werkes unterstreichen. Die Bildgattungen: Zeichnung, Collage, illustrierte Postkarte, Briefzeichnung, Buchillustration – ein Gesamtkunstwerk, das Literatur und bildende Kunst untrennbar miteinander verwebt.

Der spektakuläre Verlust: 104 Zeichnungen – fast alle vernichtet

1920 erhalten die Staatlichen Museen zu Berlin / Nationalgalerie ein außergewöhnliches Geschenk: Freunde der Künstlerin – darunter der Verleger und Galerist Paul Cassirer – übergeben dem Museum 104 Zeichnungen von Else Lasker-Schüler, überwiegend Illustrationen zu ihren Prosaschriften.

Siebzehn Jahre später, 1937, schlagen die Nationalsozialisten zu: Im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ werden mehr als 100 dieser Zeichnungen aus der Nationalgalerie entfernt. Bis auf drei Werke werden alle vernichtet. Ein kultureller Kahlschlag von unermesslichem Ausmaß – und einer der spektakulärsten Verluste der deutschen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Immer wieder tauchen einzelne unbekannte Zeichnungen auf. Zuletzt im April 2025, als eine bislang unbekannte Zeichnung entdeckt wurde. Jede neue Entdeckung ist ein kleines Wunder.

Exil, Einsamkeit und das letzte Blau

1933 flieht Else Lasker-Schüler vor den Nationalsozialisten nach Zürich. 1939 reist sie zum dritten Mal nach Palästina – und kann nicht mehr zurück. Der Krieg hat die Grenzen geschlossen. Sie stirbt am 22. Januar 1945 in Jerusalem, begraben auf dem Jüdischen Friedhof am Ölberg.

In Jerusalem gründet sie den literarischen Salon „Der Kraal“, schreibt weiter Gedichte und Zeichnungen. Ihr letzter Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) ist ein Abgesang von erschütternder Schönheit. Das Blau – Farbe des Blauen Reiters, Farbe der Sehnsucht – zieht sich durch ihr gesamtes Werk, in Worten wie in Bildern.

Wiederentdeckung: Die Bilder kehren zurück

Im Nachkriegsdeutschland wird Else Lasker-Schüler als Dichterin geehrt – ihr bildnerisches Werk aber bleibt lange im Schatten. Erst 2010/2011 zeigt die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin die bislang umfassendste Retrospektive ihrer Zeichnungen: 150 Werke aus über 50 Leihgebern, darunter bislang unbekannte Blätter.

Heute befinden sich Zeichnungen und Bildcollagen von Else Lasker-Schüler u.a. im Jüdischen Museum Frankfurt, im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA), in der Sammlung der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft Wuppertal und im Lenbachhaus München. Ihre Werke werden bei internationalen Auktionshäusern wie Lempertz gehandelt.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über die Entdeckungen vergessener Künstlerinnen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – darunter die Dauersammlung der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal, das Deutsche Literaturarchiv Marbach und das Jüdische Museum Frankfurt.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Bildes von Else Lasker-Schüler ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-0292.