Erna Plachte – Chronistin der Weltpolitik

Die vergessene Porträtistin des Völkerbunds, die mit Pastell Geschichte schrieb

Erna Plachte ist eine deutsche Malerin.

Sie saß in den Sälen der Macht, als die Welt versuchte, sich nach dem Ersten Weltkrieg neu zu ordnen. Mit Pastellkreide in der Hand hielt Erna Plachte fest, was Fotografien nicht einfangen konnten: die Gesichter jener Männer und Frauen, die über Krieg und Frieden, über Grenzen und Zukunft verhandelten. 163 Porträts entstanden zwischen den 1920er und 1930er Jahren – ein einzigartiges visuelles Archiv der Diplomatie. Doch wer war diese Frau, die als offizielle Zeichnerin beim Völkerbund in Genf arbeitete und deren Name heute kaum noch bekannt ist?

Eine Berlinerin zwischen den Welten

Erna Plachte wurde 1893 in Berlin geboren – in eine Zeit, in der Frauen der Zugang zu Kunstakademien noch weitgehend verwehrt war. Über ihre Ausbildung schweigen die Quellen, doch ihr Werk spricht Bände: Sie entwickelte eine virtuose Technik in Pastell, Kohle und Kreide, die sie zur gefragten Porträtistin machte.

Anmerkung zu Widersprüchen: Einige Quellen nennen 1883 als Geburtsjahr, doch die überwiegende Mehrheit der Dokumente – darunter das Ashmolean Museum Oxford und mehrere Auktionskataloge – bestätigen 1893. Dieser Widerspruch könnte auf Transkriptionsfehler zurückzuführen sein.

In den 1920er Jahren erhielt Plachte eine außergewöhnliche Aufgabe: Als offizielle Künstlerin beim Völkerbund in Genf sollte sie die führenden Politiker und Diplomaten porträtieren. Zwischen 1920 und 1936 pendelte sie zwischen Deutschland und der Schweiz, später auch nach Moskau, Rom und andere europäische Metropolen. Ihre Pastelle zeigen Staatsmänner in konzentrierten Momenten, Denker in nachdenklicher Pose – Gesichter der Geschichte, eingefangen mit psychologischem Feingefühl.

Die Kunst des flüchtigen Moments

Plachtes bevorzugtes Medium war das Pastell – eine Technik, die Unmittelbarkeit und Intimität vereint. Anders als Ölmalerei erlaubt Pastell keine Korrekturen, jeder Strich muss sitzen. Genau diese Direktheit macht ihre Porträts so lebendig: Man spürt die Präsenz der Dargestellten, ihre Persönlichkeit scheint durch die zarten Farbschichten hindurch.

Ihr Stil lässt sich dem Impressionismus und der Moderne zuordnen, mit deutlichen Einflüssen der deutschen Porträttradition. Die Farbpalette ist oft gedämpft – Grau-, Braun- und Beigetöne dominieren, durchbrochen von gezielten Akzenten. Ihre Kompositionen sind klassisch, doch die Ausführung atmet die Frische der Moderne.

Neben den Porträts schuf Plachte auch Stadtansichten und Landschaften. Besonders bemerkenswert: Ihr Pastell der Basilius-Kathedrale und des Roten Turms im Kreml, Moskau (1931) – ein faszinierendes Zeugnis ihrer Reisen in die junge Sowjetunion. Weitere Werke zeigen den Titusbogen in Rom (1920/21), Bootsszenen (1958) und später, nach ihrer Flucht, Oxford-Motive wie die Radcliffe Camera (1949) und die Magpie Lane (1940).

Flucht vor dem Terror – Neubeginn in Oxford

1939 musste Erna Plachte als Jüdin vor dem Nationalsozialismus fliehen. Sie fand Zuflucht in Oxford, wo sie bis zu ihrem Tod 1986 lebte und arbeitete. Die Universitätsstadt wurde zu ihrer neuen Heimat – und zu ihrem Motiv. Sie porträtierte weiterhin, nun Akademiker und Oxforder Persönlichkeiten, und hielt die Architektur der Stadt in atmosphärischen Pastellen fest.

Das Ashmolean Museum in Oxford beherbergt heute mehrere ihrer Werke, darunter drei Pastelle von Oxford-Ansichten, die sie dem Museum 1987 (posthum) schenkte. Ihre Arbeiten befinden sich auch in der Sammlung jüdischer Künstler des Museums – ein stilles Zeugnis ihrer Biografie als Flüchtlingskünstlerin.

Ein verschollenes Vermächtnis?

Die 163 Porträts aus ihrer Zeit beim Völkerbund wurden 1985 in einem Buch veröffentlicht: „An Artist at the League of Nations / Als Zeichnerin beim Völkerbund“ (ISBN 3871791016). Doch wo befinden sich die Originale heute? Sind sie in Privatbesitz zerstreut? In Archiven vergessen? Diese Sammlung wäre ein spektakuläres Zeitdokument – ein visuelles Who’s Who der Zwischenkriegszeit.

Auch ihre frühen Arbeiten aus den 1920er Jahren, etwa die Reisebilder aus Moskau und Rom, tauchen nur sporadisch bei Auktionen auf. Preise bewegen sich zwischen 60 und 428 US-Dollar – ein Bruchteil dessen, was ihre historische Bedeutung rechtfertigen würde.

Wiederentdeckung einer Chronistin

Erna Plachte war mehr als eine Porträtistin – sie war eine Chronistin ihrer Zeit. In einer Ära, in der Frauen in der Kunstwelt noch um Anerkennung kämpfen mussten, schuf sie ein Werk von dokumentarischer und künstlerischer Bedeutung. Ihre Pastelle sind nicht nur ästhetisch ansprechend, sie sind historische Quellen, die uns die Gesichter jener Menschen zeigen, die versuchten, eine friedlichere Welt zu bauen.

Dass ihr Name heute kaum bekannt ist, liegt nicht an mangelnder Qualität, sondern an den Mechanismen des Vergessens: Sie war eine Frau, eine Jüdin, eine Flüchtlingskünstlerin. Ihre Karriere wurde durch die Flucht unterbrochen, ihre Werke zerstreut. Doch ihre Kunst überdauert – in Museen, Sammlungen und auf dem Auktionsmarkt, wo sie darauf wartet, wiederentdeckt zu werden.

Ausblick

Aktuell gibt es keine großen Ausstellungen zu Erna Plachte, doch das Ashmolean Museum in Oxford bewahrt ihre Werke und macht sie auf Anfrage zugänglich. Die Ruskin School of Art der Universität Oxford vergibt seit Jahren den Erna Plachte Award an herausragende Studierende – eine späte, aber würdige Ehrung.

Es wäre an der Zeit, ihre Völkerbund-Porträts zusammenzuführen und in einer Ausstellung zu zeigen. Sie würden nicht nur kunsthistorisch faszinieren, sondern auch politisch: als Erinnerung an eine Zeit, in der die Welt versuchte, Konflikte mit Worten statt Waffen zu lösen – und an eine Künstlerin, die diese Hoffnung mit ihren Händen festhielt.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über die Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen zu vergessenen Künstlerinnen, die die Kunstgeschichte neu schreiben.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.

Quellen:

  1. Ashmolean Museum Oxford: „Notes on the Works of Jewish Artists in the Ashmolean Museum“ (1992)
  2. Artbiogs.co.uk: Artist Biography Erna Plachte
  3. Invaluable.com: Auction records Erna Plachte
  4. MutualArt.com: Artist profile and price database
  5. Olympia Auctions: Lot 67 – Erna Plachte, St Basil’s Cathedral
  6. Oxford Jewish Heritage: Documentation of refugee artists
  7. Buchnachweis: „An Artist at the League of Nations / Als Zeichnerin beim Völkerbund. 163 Porträt-Zeichnungen prominenter Persönlichkeiten“ (ISBN 3871791016)
  8. Academia.edu: „Identity and Image. Refugee Artists from Nazi Germany in Britain 1933-1945“