Michel-Marie Poulain: Malerin zwischen den Welten
Eine Malerin, die Frankreich liebte – und die Frankreich lange vergaß
Michel-Marie Poulain war eine französische Malerin.
Paris, Montmartre, Mitte des 20. Jahrhunderts: In den Galerien der Rive Gauche und den Salons der Großen hängen Bilder, die leuchten wie Feste – Cancan-Tänzerinnen im Moulin Rouge, silbrig schimmernde Häfen der Bretagne, das quirlige Treiben auf dem Place du Tertre. Gemalt von einer Frau, die die Kunstkritik gleichzeitig feierte und belächelte, die Jean Anouilh verteidigte und Georges Pillement angriff, die Charles Trenet sammelte und Magnus Hirschfeld konsultierte. Ihr Name: Michel-Marie Poulain (1906–1991).
Poulain ist eine Künstlerin der klassischen Moderne, eine Tochter des 20. Jahrhunderts in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: Weltkrieg, Besatzung, Befreiung, Aufbruch. Und sie ist mehr als das: Sie gilt heute als eine der ersten Transgender-Frauen, die in Frankreich öffentliche Bekanntheit erlangte – lange bevor es dafür ein Wort gab.
Ein Leben, das keiner Schublade passt
Michel-Marie Poulain wird am 5. Dezember 1906 in Nogent-sur-Marne bei Paris geboren – bei der Geburt als Junge eingetragen, von den Eltern aber von Anfang an als Mädchen erzogen: lange Haare, Kleider, Mädchenschule. Als sie auf die Jungenschule wechseln muss, beginnt ein täglicher Spießrutenlauf. Doch Poulain ist groß, stark – und schlägt zurück. Sonntags darf sie sich wieder als Mädchen kleiden. Mit 15 lässt sie sich die Ohren stechen und geht in einem Mädchenkleid zu ihrem ersten Ball.
Mit 20 schneidet sie zum ersten Mal ihre langen Locken ab und leistet Militärdienst bei den Dragonern. Danach lebt sie in Paris von einem Erbe, arbeitet als Mannequin bei Pariser Modehäusern, als Akrobatin im Cirque d’Hiver – sogar mit der legendären Trapez-Künstlerin Barbette –, und schließlich als Cabaret-Tänzerin unter dem Künstlernamen „Micky“. Sie heiratet die Tänzerin Solange, mit der sie eine Tochter, Michèle, hat.
Ende der 1930er Jahre eröffnet Poulain in der Rue des Colonels Renard, unweit des Arc de Triomphe, ihr eigenes Cabaret und ihre eigene Kunstgalerie: „Le Vol de Nuit“ – benannt nach Antoine de Saint-Exupérys Roman. Hier singen Dichter, hier hängen Gemälde, hier ist Poulain Gastgeberin und Rätsel zugleich: „Mann oder Frau? Gastgeber oder Gastgeberin?“, fragt ein zeitgenössischer Rezensent.
Krieg, Gefangenschaft, Flucht – und die Rückkehr zur Malerei
Der Zweite Weltkrieg reißt alles auseinander. Poulain meldet sich als Unteroffizier der Dragoner, kämpft – und wird von den Deutschen gefangen genommen. Im Stalag XI-B organisiert sie Aufführungen für die Mitgefangenen, tritt in Frauenkleidern auf. Die Kameraden danken es ihr: „Für dich, für den weiblichen Charme, den du uns wiederfinden ließest.“
1941 gelingt die Flucht mit gefälschten Papieren – zu Fuß, ohne Deutschkenntnisse, von Polen zurück nach Frankreich. (Anmerkung: Das Allgemeine Künstlerlexikon von Treydel gibt abweichend an, Poulain sei bis 1945 in Gefangenschaft geblieben. Die Mehrheit der Primärquellen – darunter Rapazzini und zeitgenössische Presseberichte – belegt jedoch die Flucht 1941.)
Zurück in Paris, verlässt Poulain das Varieté und widmet sich ganz der Malerei. Bereits 1943 stellt sie in der Galerie Paul Blauseur aus, 1945 erscheint die legendäre Schlagzeile: „Diese Frau ist ein Mann – dieser Mann ist ein Maler!“
Die Malerin: Zwischen Expressionismus und Fauvismus
Kunsthistorisch ist Michel-Marie Poulain dem expressiven Fauvismus zuzuordnen – genauer: dem Montmartre-Expressionismus der Nachkriegszeit. Ihre Werke zeigen:
- Kräftige, skizzenhafte Linien mit schwarzen Konturen, die an Bernard Buffet erinnern
- Leuchtende, fauvismusnahe Farbigkeit, beeinflusst von Henri Matisse und den Brüdern Raoul und Jean Dufy
- Weiche, feminine Pinselführung, die die Strenge der Linie mildert
- Eine Vorliebe für Bewegung: Tänzerinnen, Seeleute, flatternde Blätter
Poulain selbst formuliert ihr künstlerisches Credo so: „Was ich suche, ist das Gefühl von Bewegung. Ich will, dass meine Tänzerinnen tanzen, meine Matrosen schwanken, die Blätter der Bäume im Wind zittern.“
Ihre Themen sind so vielfältig wie ihr Leben: Ansichten des alten Montmartre, Hafenszenen aus der Bretagne (Quimper, Concarneau), Stadtbilder aus Paris und der Côte d’Azur, Stillleben mit üppigen Blumenarrangements, Porträts, Theaterszenen und immer wieder das Moulin Rouge – für Poulain ein Symbol für Frankreich schlechthin. Der Kunstkritiker Francesco Rapazzini beschreibt ihre Moulin-Rouge-Gemälde als Meisterwerke der Reduktion: drei Farben – Weiß, Blau, Rot – und eine einzige ausdrucksstarke Kurve genügen, um eine ganze Welt zu beschwören.
Das Allgemeine Künstlerlexikon (Treydel, 2017) hebt hervor, dass Poulains langer Prozess der Geschlechtsidentitätsfindung sich unmittelbar in ihrer Malerei niederschlägt: „Kraftvolle, skizzenhafte, flüchtige Linien paaren sich mit einer sanften, weichen Pinselführung, und eine gewisse Strenge wird durch Figuren gemildert, die feminine Anmut ausstrahlen.“
Kirchenkunst an der Côte d’Azur: Das stille Vermächtnis
Weniger bekannt, aber kunsthistorisch bedeutsam ist Poulains Werk als Glasmalerin und Freskenmalerin. In den 1950er Jahren schafft sie:
- Kirchenfenster der Abtei von La Colle-sur-Loup
- Glasfenster und elf Gemälde für die Chapelle Sainte-Croix des Pénitents Blancs in Èze (um 1953) – darunter La Vierge à l’Enfant, La Crucifixion und La Déploration du Christ
- Restaurierung der Chapelle Saint-Sébastien in Sainte-Agnès (Alpes-Maritimes)
Diese Werke sind heute noch vor Ort zu besichtigen und stehen unter Denkmalschutz des französischen Kulturministeriums (Inventaire Général du Patrimoine Culturel).
Ruhm, Autobiografie und Wiederentdeckung
In den späten 1940er und 1950er Jahren ist Poulain auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Sie stellt in Stockholm, Madrid, New York und Rio de Janeiro aus, eröffnet eine eigene Galerie in Cannes und wird von Sammlern wie dem Chansonnier Charles Trenet und dem Politiker Albert Sarraut geschätzt. Trenet sagt, er finde in Poulains Bildern „einen Widerschein seiner eigenen poetischen Verrücktheit“.
1946 unterzieht sich Poulain in der Schweiz mehreren chirurgischen Eingriffen und lebt fortan vollständig als Frau. 1954 erscheint ihre Autobiografie „J’ai choisi mon sexe“ (Ich habe mein Geschlecht gewählt), verfasst mit Claude Marais – ein Buch, das in Frankreich erstmals öffentlich über Transidentität spricht und heute als historisches Dokument gilt.
Jean Anouilh, der Poulain als Kavallerieoffizier kannte und nach dem Krieg als Nachbar wiedertraf, schreibt: „Der Skandal, der die Freiheit stets umgibt, darf nicht auf ihr Werk zurückfallen. Poulain ist keine amüsante Figur der Pariser Fauna, die nebenbei Gemälde pinselt – sie ist in erster Linie eine Künstlerin, oder besser: eine robuste und gewissenhafte Arbeiterin vor den Gesetzen ihrer Kunst.“
Verschollene Werke: Das Rätsel von „Le Vol de Nuit“
Ein kunsthistorisches Rätsel umgibt die Werke, die Poulain in ihrer Galerie und ihrem Cabaret „Le Vol de Nuit“ ausstellte, bevor der Krieg 1939 alles beendete. Was mit diesen frühen Gemälden geschah, ist nicht dokumentiert. Zumindest ein Werk – „Back Stage at Le Vol de Nuit“ – tauchte später bei Auktionen auf und belegt, dass zumindest Teile dieses frühen Schaffens überlebt haben. Viele Werke aus der bedeutenden Sammlung des luxemburgischen Architekten Paul Retter, Poulains wichtigstem Mäzen, wurden nach dessen Tod 1980 versteigert; die meisten verblieben in luxemburgischem Privatbesitz und sind der Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich.
Bedeutung für die Kunstgeschichte
Michel-Marie Poulain ist eine doppelte Pionierin: als Malerin der École de Paris und als eine der ersten öffentlich bekannten Transgender-Frauen Frankreichs. Lange wurde ihre Kunst im Schatten ihrer Biografie diskutiert – oder umgekehrt. Heute, nach der Ausstellung „Over the Rainbow“ im Centre Pompidou (2023), in der Poulain einen eigenen Katalogeintrag erhielt, beginnt die Kunstwelt, beides zusammenzudenken: das Leben und das Werk, die Identität und die Leinwand.
Ihre Gemälde hängen im Musée National d’Art Moderne (Centre Pompidou), im Centre National des Arts Plastiques und im Musée Renoir de Cagnes-sur-Mer. Bei Auktionen erzielen ihre Werke regelmäßig Zuschläge – ein Zeichen, dass der Markt längst erkannt hat, was die Kunstgeschichte noch aufzuholen hat.
Wo kann man Poulains Werke heute sehen?
- Centre Pompidou / Musée National d’Art Moderne, Paris: La partie de cartes (Ölgemälde)
- Centre National des Arts Plastiques (Cnap), Paris: Cathédrale de Strasbourg (ca. 1946), Femme au châle (1953), Le bridge (ca. 1945)
- Musée Renoir de Cagnes-sur-Mer: Toulon (Ölgemälde)
- Chapelle Sainte-Croix des Pénitents Blancs, Èze: Glasfenster und Gemälde (in situ, besichtigbar)
- Chapelle Saint-Sébastien, Sainte-Agnès: Fresken (in situ)
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den vergessenen Malerinnen und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – darunter die Dauersammlung des Centre Pompidou in Paris, wo Michel-Marie Poulains Werk „La partie de cartes“ zu sehen ist, sowie die Kirchenkunst an der Côte d’Azur, die Poulains stilles, sakrales Vermächtnis bewahrt.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.