Louise Seidler – Goethes Malerin der Romantik

Louise Seidler, das stille Genie der deutschen Romantik

Louise Seidler war eine deutsche Malerin.

Es gibt Künstlerinnen, die man kennt, ohne sie zu kennen. Louise Seidler ist so ein Fall. Wer sich mit Goethes Weimar beschäftigt, stolpert früher oder später über ihren Namen – meist als Fußnote, als „die Malerin, die Goethe porträtiert hat“. Dass hinter dieser Randnotiz eine der eigenständigsten Künstlerinnen der deutschen Romantik steckt, eine Frau, die als erste weibliche Kustodin einer fürstlichen Gemäldegalerie Karriere machte und sich mit den Nazarenern in Rom eine ganz eigene Bildsprache aneignete, gerät dabei leicht aus dem Blick. Zeit, das Bild geradezurücken.

Eine Stallmeisterstochter entdeckt die Malerei

Louise Caroline Sophie  Seidler wird am 15. Mai 1786 in Jena geboren, als Tochter des herzoglichen Universitätsoberstallmeisters August Gottfried Ludwig Seidler. Die Kindheit verläuft behütet zwischen Zeichenstunden und Musikunterricht, doch der eigentliche Wendepunkt kommt auf einem Umweg über den Schmerz: Ihr Verlobter, ein französischer Militärarzt, stirbt 1810 im Krieg an Fieber. Die Eltern schicken die trauernde junge Frau nach Dresden – und dort, vor den Bildern der berühmten Galerie, fasst Louise Seidler den Entschluss, der ihr Leben bestimmen wird: Sie will Malerin werden.

Es ist eine steile Karriere für eine Frau ihrer Zeit. Zunächst unterrichtet sie der Dresdner Professor Christian Leberecht Vogel kostenlos, dann wird sie – gemeinsam mit der später ebenfalls bekannten Malerin Caroline Bardua – Schülerin des Porträtisten Gerhard von Kügelgen. Und dann passiert das, was ihrem Namen bis heute vorausgeht: Eine Kopie der „Heiligen Cäcilie“ nach Carlo Dolci fällt 1810 einem berühmten Galeriebesucher auf. Sein Name: Johann Wolfgang von Goethe.

Der Dichterfürst als Türöffner

Goethe, auf der Rückreise von Karlsbad zehn Tage in Dresden, erkundigt sich nach der Urheberin des Bildes, lobt ihre Arbeit – und lädt sie ein, ihn in Weimar zu porträtieren. Über den Winter 1810/11 entsteht das heute im Bestand der Klassik Stiftung Weimar verwahrte Pastellbildnis, mit dem sich Goethe zufrieden zeigt. Es ist der Beginn einer lebenslangen, komplizierten Beziehung: Goethe fördert die junge Künstlerin mit Stipendien, Empfehlungsschreiben und Aufträgen – etwa 1816 mit dem Altarbild des heiligen Rochus für die von ihm gestiftete Kapelle in Bingen –, bleibt ihr zeitlebens ein „hochverehrter Mentor“, wie es die Neue Deutsche Biographie formuliert. Doch „seine“ Malerin, das betonen mehrere Quellen übereinstimmend, wird Seidler nie. Sie geht ihren eigenen Weg – nach München, wo sie 1817/18 mit einem Stipendium des Großherzogs Carl August an der Kunstakademie studiert, und schließlich nach Rom.

Bezeichnend für das Verhältnis der beiden ist ein Detail, das die Kunsthistorikerin Sylke Kaufmann herausgearbeitet hat: Als Seidler sich in Rom den Nazarenern anschließt, distanziert sich Goethe – erklärter Gegner der „vaterländisch-religiös-patriotischen Kunst“ – zunächst spürbar von ihr. Erst später normalisiert sich die Beziehung wieder. Eine kleine, aber aufschlussreiche Facette, die zeigt: Seidler folgte ihrer eigenen künstlerischen Überzeugung, selbst gegen den Geschmack ihres mächtigsten Förderers.

Rom, die Nazarener – und ein eigener Stil

Die Jahre 1818 bis 1823 in Italien sind die prägendsten ihres Werks. In Rom, wo sie sich meist aufhält, aber auch Neapel und Florenz bereist, schließt sich Seidler dem Kreis um Friedrich Overbeck an – jenen deutschen Malern, die sich selbst „Nazarener“ nannten und in bewusster Rückbesinnung auf die Kunst vor Raffael eine neue religiöse Bildsprache suchten: klare Linien, stille Kompositionen, ein tief empfundener, unpathetischer Glaube als Bildgegenstand. Hier entstehen Hauptwerke wie „Die heilige Elisabeth, Almosen austeilend“ (1822–26) und die 1823 vollendete „Maria mit dem schlafenden Kind, dem Johannesknaben und drei Engeln (Glaube, Liebe, Hoffnung)“, heute in Schloss Friedenstein Gotha zu sehen.

Gleichzeitig bleibt sie, was den Kunsthistorikern zufolge ihre eigentliche Stärke ausmacht: eine Porträtistin von bemerkenswerter Könnerschaft. „Mit leichtem Strich, präzisem Blick, feinem Gespür für die Besonderheiten eines Gesichts zeichnete Seidler wahrhaftig wirkende Bilder“, schreibt die Kunsthistorikerin Uta Baier – ohne ihre Modelle je bloßzustellen. Ihre Aquarell- und Pastellporträts, etwa das ihrer Freundin Fanny Caspers (1819, heute im Thorvaldsens Museum Kopenhagen) oder das des Staatsmanns Bernhard August von Lindenau (1817, Lindenau-Museum Altenburg), gelten als die eigenständigsten Werke ihres Œuvres. Daneben stehen, dem klassizistischen Geschmack Goethes verpflichtet, allegorische und mythologische Kompositionen wie „Malerei und Dichtkunst“ (1831) oder „Odysseus und die Sirenen“ (1837).

Kustodin, Hofmalerin, Zeichenlehrerin – eine Karriere ohne Vorbild

1823 verläßt Louise Seidler Rom, weil ihr Vater schwer erkrankt ist. Was wie ein Abbruch aussieht, wird zum Beginn einer zweiten, institutionellen Karriere: Auf Empfehlung Goethes unterrichtet sie ab 1823 die Prinzessinnen Marie und Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach im Zeichnen – Letztere wird später als deutsche Kaiserin in die Geschichte eingehen. 1824 folgt die Ernennung zur Kustodin der Großherzoglichen Gemäldesammlung, 1835 schließlich die Ernennung zur Hofmalerin durch Großherzog Carl Friedrich. Eine solche Ämterlaufbahn, das betonen sämtliche konsultierten Quellen unisono, war „keinem Künstler ihrer Zeit vergönnt – und schon gar keinen Künstlerinnen“. Möglich wurde sie nicht zuletzt dadurch, dass Seidler unverheiratet blieb; die Entscheidung für die Kunst bedeutete für Frauen ihrer Generation, wie es der Katalog der Ausstellung „Zwischen Ideal und Wirklichkeit“ (1999) festhält, fast zwangsläufig den Verzicht auf eine eigene Familie.

Bis um 1860 eine fortschreitende Erblindung ihr den Pinsel aus der Hand nimmt, bleibt Seidler künstlerisch aktiv – mit einem Spätwerk, das sich zunehmend religiösen Andachtsbildern widmet, inspiriert von ihrer Freundschaft mit dem Weimarer Landschaftsmaler Friedrich Preller d.Ä. In ihren letzten Lebensjahren diktiert die erblindete Künstlerin ihre Memoiren, die 1873/74 postum von Hermann Uhde herausgegeben werden – bis heute eine der wichtigsten kunsthistorischen Quellen zur Weimarer Kunstszene der Goethezeit. Louise Seidler stirbt am 7. Oktober 1866 in Weimar und wird auf dem Historischen Friedhof beigesetzt.

Widersprüche in den Quellen – und ihre Auflösung

Eine gründliche Recherche verschweigt Unstimmigkeiten nicht, sie klärt sie. Zwei Punkte verdienen Erwähnung:

Der Familienname. Während die maßgeblichen wissenschaftlichen Quellen – Neue Deutsche Biographie, Allgemeine Deutsche Biographie, Wikipedia sowie die GND-Normdatei der Deutschen Nationalbibliothek – den Vater übereinstimmend als „August Gottfried Ludwig Seidler“ führen und die Malerin entsprechend als geborene Seidler ausweisen, kursiert in mindestens einer weiteren Quelle die Schreibweise „geb. Seidel“. Da sämtliche Primärquellen und die auf Archivarbeit basierende Standardbiografie von Bärbel Kovalevski „Seidler“ bestätigen, ist „Seidel“ als vereinzelter Übertragungsfehler zu werten.

Das Vollendungsdatum des Goethe-Porträts. Mehrere Quellen datieren die Pastellzeichnung schlicht auf „1811″. Die genauere, quellenkritisch fundierte Angabe der Deutschen Biographie unter Verweis auf ein zeitgenössisches Werkverzeichnis (Zarncke, 1888) präzisiert: Das Bildnis wurde erst im Dezember 1811 vollendet, nachdem die Sitzungen bereits im Winter 1810 begonnen hatten. Beide Angaben widersprechen sich also nicht wirklich – sie beschreiben lediglich Beginn und Abschluss desselben Arbeitsprozesses.

Spektakulär verschollen: Was von Louise Seidler fehlt

Von rund 200 nachgewiesenen Gemälden und mehr als 500 Zeichnungen ist, wie die Forschung übereinstimmend feststellt, ein erheblicher Teil zerstört, verschollen oder in unbekanntem Privatbesitz – ein für die Kunst des 19. Jahrhunderts nicht untypisches, aber im Fall Seidlers besonders schmerzliches Schicksal. Drei Verluste stechen heraus:

  • Das Dresdner Selbstbildnis von 1820. Das Pastell befand sich einst im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – und zählt zu den Kriegsverlusten des Zweiten Weltkriegs. Ausgerechnet das Selbstporträt einer Frau, die sich zeitlebens gegen die Rolle des bloßen Blickobjekts wehrte, ist damit selbst zum Phantombild geworden.
  • Das Ölporträt von Camillo Genelli (1860). Das späte Bildnis der greisen, fast erblindeten Malerin – gemalt im Jahr vor dem Ende ihrer aktiven Schaffenszeit – gilt ebenfalls als verschollen; bekannt ist es nur noch aus einer Abbildung in einer Publikation von 1930.
  • Das Originalmanuskript ihrer Lebenserinnerungen. Auch das handschriftliche Original jener Memoiren, die Louise Seidler kurz vor ihrer völligen Erblindung diktierte und die als eine der wichtigsten Quellen zur Weimarer Kunstwelt der Goethezeit gelten, ist nicht erhalten. Überliefert ist einzig die redigierte Druckfassung Hermann Uhdes von 1873/74 – ein Umstand, der Forscherinnen und Forscher bis heute zur Vorsicht mahnt, wo Uhdes Bearbeitung endet und Seidlers eigene Stimme beginnt.

Epoche und Bildgattung: eine Einordnung

Stilistisch lässt sich Louise Seidler nicht auf eine einzige Schublade reduzieren, doch die Forschung ist sich in der Grundtendenz einig: Sie zählt zu den Nazarenern, jener religiös grundierten Reformbewegung innerhalb der deutschen Romantik, die in Rom um 1810–1820 ihren Ausgang nahm. In dieser Zugehörigkeit steht sie kompositorisch und thematisch – etwa in ihren Madonnen- und Heiligenbildern – Malern wie Overbeck, Philipp Veit oder Friedrich Preller nahe. Zugleich bleibt sie, dem klassizistischen Geschmack ihres Mentors Goethe verpflichtet, in Form und Themenwahl auch dem Klassizismus verbunden. Gattungsmäßig ist ihr eigentliches Meisterfeld jedoch die Porträtmalerei – vor allem in den Techniken Pastell und Aquarell –, ergänzt durch ein umfangreiches Werk als Historien- und Andachtsbildmalerin. Zeitgenossen wie der Weimarer Philosoph Karl Ludwig von Knebel bescheinigten ihr bereits 1812 „ein herrliches Talent zum Porträtmalen“ – eine Einschätzung, die auch aus heutiger kunsthistorischer Sicht Bestand hat.

Ein Nachruhm mit Konjunktur

Zu Lebzeiten wurde Louise Seidler, das zeigt ein vielzitierter, wenig schmeichelhafter Brief des jungen Julius Schnorr von Carolsfeld an seine Schwester (1818), von männlichen Kollegen mitunter unterschätzt und in ihrer Wirkung als Frau in der Kunstwelt herabgesetzt. Geschätzt wurde sie zu ihren Lebzeiten oft mehr für ihre Liebenswürdigkeit und ihre guten Beziehungen zu Mäzenen als für ihre Kunst – ein Muster, das viele Malerinnen ihrer Generation teilten. Nach ihrem Tod geriet ihr eigenständiges Werk lange in den Schatten der Erinnerungsliteratur, wurde primär als Illustration zum Thema „Goethe und sein Kreis“ wahrgenommen. Erst seit den 1990er-Jahren, mit Ausstellungen wie „Zwischen Ideal und Wirklichkeit“ (1999) und der grundlegenden Monografie Bärbel Kovalevskis (2006/2011), gewinnt Louise Seidler als eigenständige Künstlerpersönlichkeit wieder an Kontur. Werke von ihr sind heute unter anderem in der Klassik Stiftung Weimar, im Lindenau-Museum Altenburg und in der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha zu sehen – ein Besuch dieser Häuser lohnt sich für alle, die dem Blick dieser Frau auf ihre Zeit begegnen wollen.

Der Kunsthistoriker und Journalist, der diesen Beitrag recherchiert hat, beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ der Goethezeit und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über solche Entdeckungen und gibt Hinweise auf sehenswerte Sammlungen – im Fall Louise Seidlers vor allem die Dauerpräsentationen der Klassik Stiftung Weimar, des Lindenau-Museums Altenburg und der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha. Eine gesonderte Sonderausstellung zu Louise Seidler ist derzeit nicht angekündigt; es lohnt sich, die Ausstellungskalender der genannten Häuser im Blick zu behalten.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-1813.