Anna Ancher – die Malerin des Lichts von Skagen

Die Frau, die einen Sonnenstrahl einfing

Anna Ancher war eine dänische Malerin.

Es gibt Bilder, die man nicht betrachtet, sondern betritt. „Sonnenschein in der blauen Stube“ ist so eines: Ein kleines Mädchen sitzt mit dem Rücken zu uns und häkelt, versunken, ahnungslos beobachtet. Nichts geschieht – und doch geschieht alles. Denn das eigentliche Ereignis ist das Licht, das durch das Fenster fällt und an der blauen Wand zu einem hellen, fast körperlichen Fleck gerinnt. Gemalt hat es 1891 eine Frau, die als Einzige der berühmten Skagener Künstlerkolonie tatsächlich in jenem Fischerdorf am äußersten Zipfel Jütlands geboren wurde: Anna Ancher. Sie malte das Licht von Skagen wie keine andere – und hält bis heute eine Überraschung bereit, die in einer Schublade schlummerte

Ein Kind zwischen zwei Meeren

Skagen, 1859: eine Wildnis aus Wanderdünen „zwischen zwei tosenden Meeren“, wie es der Märchendichter Hans Christian Andersen beschrieb, der im Gasthof der Familie Brøndum logierte. Dort, im einzigen Hotel des Ortes, wurde Anna Brøndum geboren – Tochter des Wirts, aufgewachsen zwischen Gästen, Salzluft und Möwenschreien. Als ab den 1870er Jahren die Maler dem Ruf Andersens folgten und Skagens einzigartiges Licht entdeckten, quartierten sie sich allesamt bei den Brøndums ein und hängten ihre Werke an die Wände. Das Mädchen wuchs buchstäblich in einer Gemäldegalerie auf.

Eine Künstlerinnenlaufbahn war damals alles andere als selbstverständlich – die Königlich Dänische Akademie nahm noch keine Frauen auf. Doch Anna hatte Glück: Ihre Mutter, selbst nicht glücklich verheiratet, drängte ihre Töchter nicht zur Ehe und bezahlte stattdessen den Unterricht. Ab 1875 besuchte Anna die private Zeichenschule Vilhelm Kyhns in Kopenhagen; die Sommer verbrachte sie in Skagen, lernend von der ständig wachsenden Malerschar. 1880, an ihrem 21. Geburtstag, heiratete sie den Maler Michael Ancher – und debütierte im selben Jahr auf der Charlottenborg-Ausstellung, an der sie fortan bis zu ihrem Tod fast jährlich teilnahm.

Während die Männer ans Meer gingen

Hier liegt das Eigensinnige ihrer Kunst: Während die männlichen Kollegen mit der Staffelei an den Strand zogen, um Fischer und Brandung im Freien zu malen, wandte sich Anna Ancher nach innen – in die Stuben, Küchen und Salons. Ihre Motive sind Frauen bei alltäglichen Verrichtungen: Sie rupfen Hühner, nähen, stillen ihr Kind oder sitzen, wie die „Blinde Frau in ihrer Stube“, in sich versunken im Lehnstuhl. Das klingt bescheiden, ist aber radikal. Denn Ancher ging es nie um die Anekdote, sondern um das, was bleibt, wenn man alles Erzählerische abzieht: Farbe, Form und Licht.

Den Weg dorthin ebneten ihr zwei Studienquellen. In den Museen Europas – Berlin, Dresden, Wien, Paris, den Niederlanden – entdeckte sie die holländischen Meister des 17. Jahrhunderts, Vermeer und Pieter de Hooch, deren Innenraumlicht sie prägte. Und in Paris, wo sie 1888/89 bei Puvis de Chavannes lernte, sog sie die Moderne auf. Den Sonnenfleck an der Wand baute sie mit dickem, rauem Farbauftrag, dessen winzige Facetten das Licht auf der Bildoberfläche zurückwerfen – eine Technik, die sie bei Rembrandt abgeschaut zu haben scheint. Der Kunsthistoriker Karl Madsen sagte, erst sie habe es richtig verstanden, einen Sonnenstrahl zu erhaschen.

Naturalismus, der ins Moderne kippt

Stilistisch lässt sich Anna Ancher nicht auf ein Etikett festnageln. Sie begann im Naturalismus, der unter den jungen Künstlern ihrer Zeit dominierte, öffnete sich dann der impressionistischen Lichtmalerei – beeinflusst von Christian Krohg und Peder Severin Krøyer – und trieb ihre Bilder, besonders nach 1900, in eine ganz eigene Richtung: hin zu reduzierten, beinahe abstrahierenden Formen und kühn gesetzten Farbflächen, die an den Post-Impressionismus eines Gauguin denken lassen. Die Kunsthistorikerin Delia Gaze zählt sie deshalb zu den innovativsten Malerinnen ihrer Generation – ihre männlichen Kollegen, den eigenen Ehemann eingeschlossen, übertreffe sie an Modernität der Bildsprache. Ihr Hauptmedium war das Öl, doch auch als Pastellistin schuf sie ein bedeutendes Werk.

Die Überraschung in der Schublade

Und nun das eigentlich Spektakuläre. Fast ein Jahrhundert lang galt Anna Ancher als die Meisterin des Interieurs, der stillen Innenräume. Doch als 2014 das Skagens Museum und ihr ehemaliges Wohnhaus, das Anchers Hus, zusammengelegt wurden, stieß man auf einen großen, bis dahin völlig undokumentierten Bestand: Bilder, in Schubladen übereinandergestapelt, viele davon Außenszenen und Landschaften. Werke wie das stille „Blue Sunset“, in dem man die Wellen beinahe hört, oder die in Farbblöcken gemalte Dorfstraße „Østerbyvej“ – Arbeiten, die sie zu Lebzeiten nie ausstellte und vielleicht für bloße Skizzen hielt.

Dieser Fund hat eine Neubewertung ausgelöst: Die vermeintlich häusliche Anna Ancher entpuppt sich als unermüdliche Lichtforscherin, die bis an die Schwelle zur Abstraktion ging. Berührend ist ein wiederentdecktes Schlüsselbild, „Abendsonne im Atelier der Künstlerin am Markvej“ – heute bewusst ungerahmt gezeigt, so wie es zu ihren Lebzeiten blieb. Zu privat, zu minimalistisch für die Öffentlichkeit, mag sie gedacht haben. Und doch ist es eine Art „Essenz Ancher“: Zeugnis eines lebenslangen Strebens, das magische Wesen des Lichts einzufangen.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit Langem mit den großen Malerinnen der Moderne und ihrer Wiederentdeckung. Dieser Blog berichtet über solche Funde und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – wie derzeit „Anna Ancher: Painting Light“ in der Dulwich Picture Gallery in London (4. November 2025 bis 8. März 2026), die erste Anna Ancher gewidmete Einzelausstellung Großbritanniens. Eine der größten Werksammlungen ist dauerhaft im Skagens Museum in Dänemark zu sehen.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26.