Elisabeth Johanna Koning – Malerin mit einer Hand

Elisabeth Johanna Koning: Die Königin der Blumen malte mit links

Eine Frau, eine Hand, ein Lebenswerk

Elisabeth Johanna Koning war eine niederländische Blumenmalerin.

Es gibt Lebensgeschichten, die so unwahrscheinlich klingen, dass man sie erfinden müsste – wäre da nicht die Wirklichkeit. Elisabeth Johanna Koning, geboren am 1. März 1816 in Haarlem, kam mit einem unterentwickelten rechten Arm zur Welt: Der Arm endete kurz unterhalb des Ellenbogens. Was für viele das Ende einer künstlerischen Karriere bedeutet hätte, war für sie der Anfang einer außergewöhnlichen. Mit ihrer linken Hand schuf sie Blumenstillleben von atemberaubender Präzision, die Könige entzückten, Botaniker begeisterten und Kunstsammler bis heute in Auktionshäusern aufhorchen lassen.

Ihr Name ist heute kaum bekannt. Dabei war Elisabeth Johanna Koning zu Lebzeiten eine der gefragtesten Malerinnen der Niederlande – eine Frau, die in einer Welt, die Künstlerinnen systematisch an den Rand drängte, ins Zentrum des Kunstbetriebs vorgedrungen war. Es ist höchste Zeit, sie zurückzuholen.

Haarlem, Blumen und ein Vater, der glaubte

Haarlem, die Stadt der Tulpen und des Lichts, war der denkbar beste Geburtsort für eine Blumenmalerin. Die Stadt lag inmitten der berühmten Bollenstreek, der niederländischen Blumenzwiebelregion, und ihre Märkte dufteten nach Rosen, Tulpen und Hyazinthen. Elisabeths Vater Leendert Koning führte eine angesehene Kostschule – ein Bildungsinstitut, das Sprachen, Wissenschaften und Künste lehrte. Einer seiner Schüler war der spätere Dichter Nicolaas Beets, mit dem Elisabeth zeitlebens befreundet blieb.

Leendert Koning war selbst ein verdienstvoller Amateurzeichner. Er erkannte früh das Talent seiner einzigen Tochter – und förderte es, obwohl oder gerade weil sie mit ihrer Behinderung kämpfte. Mit fünf Jahren schnitt sie Scherenschnitte und zeichnete ihre Umgebung. Mit neun Jahren wurden ihre Tierzeichnungen auf der ersten Kunstgewerbeausstellung in Haarlem (1825) mit einem Ehrenplatz ausgezeichnet. Mit elf stellte sie ein Aquarell auf der renommierten Ausstellung der Levende Meesters (Lebende Meister) in Amsterdam aus.

Das war keine Kuriosität. Das war Talent.

Lehrjahre bei den Besten

Elisabeth Johanna Koning lernte bei den bedeutendsten Stilleben-Malerinnen ihrer Zeit: bei Maria Geertruida Barbiers und bei Henriette Ronner-Knip (damals noch Henriette Geertruida Knip), die später als Katzenmalerin Weltruhm erlangen sollte. Den entscheidenden Schliff erhielt sie im Atelier von Albert Steenbergen, einem Haarlemse Maler, Schriftsteller und Poeten, bei dem sie bis zu ihrem 24. Lebensjahr blieb. Dort begegnete sie erstmals anderen jungen Künstlern – und fand ihren Weg in die professionelle Kunstwelt.

Mit sechzehn Jahren erhielt sie ihren ersten Auftrag: Der Haarlemse Blumenhändler Van Eeden beauftragte sie, die seltenen Blumen in seinen Gewächshäusern zu zeichnen. Es war der Beginn einer langen Karriere als botanische Illustratorin und Malerin. Von 1835 bis 1848 arbeitete sie für den Amsterdamer Bankier und Kunstsammler Adriaan van der Hoop, der sie auf seinem Landsitz Spaanberg mit der Dokumentation seiner Gartenflora betraute. Ihre Aquarelle und Ölgemälde aus dieser Zeit zeigen eine Meisterin der botanischen Präzision – und zugleich eine Künstlerin, die das Dekorative nie über das Lebendige stellte.

Stillleben mit Seele: Zwischen Biedermeier und Realismus

Kunsthistorisch lässt sich Elisabeth Johanna Konings Werk dem Biedermeier zuordnen – jener Epoche zwischen etwa 1815 und 1848, die in den Niederlanden als eine Blütezeit der Stilleben- und Blumenmalerei gilt. Doch Konings Werk geht über den gemütlichen Biedermeier-Kanon hinaus: Ihre Kompositionen verbinden die wissenschaftliche Genauigkeit der botanischen Illustration mit der malerischen Sinnlichkeit der niederländischen Goldenen-Zeitalter-Tradition. Vorbilder wie Rachel Ruysch und Jan van Huysum sind spürbar – doch Koning entwickelt eine eigene Handschrift: weniger theatralisch, dafür präziser, fast wissenschaftlich, und doch von einer stillen Schönheit durchdrungen.

Ihre Werke zeigen Tulpen, Rosen, Anemonen, Früchte und totes Wild – klassische Vanitas-Motive, die an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern. Doch bei Koning wirken diese Motive nie schwer oder moralisierend. Sie malt das Leben, nicht den Tod. Ihre Blumen leuchten, ihre Früchte glänzen, ihre Insekten krabbeln mit einer Lebendigkeit, die den Betrachter vergessen lässt, dass hier eine Frau mit nur einer Hand am Werk war.

Preislich bewegten sich ihre Werke zwischen 25 Gulden für ein kleines Blumenstilleben und 200 bis 300 Gulden für größere Kompositionen – zu ihrer Zeit beachtliche Summen, die zeigen, wie hoch sie geschätzt wurde.

Königliche Anerkennung und akademische Ehren

1843 gewann Elisabeth Johanna Koning die Silbermedaille der Amsterdamer Gesellschaft Felix Meritis im Wettbewerb für Blumen- und Früchtemalerei. Der Dichter C.P.E. Robidé van der Aa widmete ihr daraufhin ein Lobgedicht, in dem er sie mit der legendären Haarlemse Heldin Kenau Simons Hasselaer verglich – nicht mit Muskete und Schwert, sondern mit dem Pinsel kämpfend, um Floras Kinder lebendig zu machen.

1844 wurde sie Ehrenmitglied der Haarlemse Zeichengesellschaft Kunst zij ons doel, 1845 Mitglied der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Diese Auszeichnungen öffneten ihr die Türen der Amsterdamer und Haarlemse Patrizierfamilien – Crommelin, Bicker und andere –, bei deren Töchtern sie sechzehn Jahre lang Zeichen- und Malunterricht gab: winters in der Stadt, sommers auf den Landsitzen.

Zu ihren Käufern zählte König Wilhelm II. der Niederlande. Das Teylers Museum in Haarlem, das Museum Van der Hoop und zahlreiche Privatsammler erwarben ihre Werke. Fast jährlich sandte sie Gemälde zu den Ausstellungen der Levende Meesters in Amsterdam, Den Haag, Groningen, Rotterdam, Utrecht und Zwolle.

Java: Die Reise, die alles veränderte

1859, mit 43 Jahren, heiratete Elisabeth Johanna Koning den Kapitän Sijbrand Stapert – nach einer früheren Verlobung mit einem Haarlemse Chemiker, der gestorben war. Die Hochzeitsreise führte das Paar nach Java, in die damaligen Niederländisch-Ostindien. Für Koning war es eine künstlerische Offenbarung.

Auf Java malte sie mit einer Intensität und Farbigkeit, die ihre früheren Werke überstrahlte: Orchideen, Mangostan, Langsat, Cashewnüsse, tropische Früchte und kleine Tiere – alles festgehalten in detaillierten, leuchtenden Aquarellen. Diese Sammlung, bekannt als die „Indische Portefeuille“, gilt als ihr bedeutendstes Werk. Sie wurde dafür als erste Frau in die Natuurkundige Vereniging in Nederlandsch-Indië (Naturkundliche Gesellschaft der Niederländisch-Ostindien) aufgenommen – eine wissenschaftliche Auszeichnung, die ihre Arbeit weit über das Dekorative hinaus verortete.

Nach der Rückkehr ließ sich das Paar in Groningen nieder. Koning wurde Vorstandsmitglied der Künstlergesellschaft Pictura und organisierte Ausstellungen. 1874 zog die Familie nach Rotterdam, wo sie bis zu ihrem Tod am 25. Juni 1887 weitermalte – zuletzt oft in den Gewächshäusern des Zoos Diergaarde Blijdorp.

Widersprüche in den Quellen – und ihre Auflösung

Die Recherche fördert einige Unstimmigkeiten zutage, die der Klärung bedürfen:

Angabe Falsche Quelle Korrekte Information
Geburtsjahr 1818 invaluable.com Korrekt: 1. März 1816 (Huygens, Rijksmuseum)
Sterbejahr 1888 invaluable.com Korrekt: 25. Juni 1887 (Huygens, Wikipedia)
„Sieben Brüder“ Huygens (DVN) Grokipedia nennt auch eine Schwester Henrietta Alida – möglicherweise hatte sie beides
Akademiemitglied 1844 oder 1845 Simonis-Buunk: 1845 Huygens: Ehrenmitglied Kunst zij ons doel 1844, Akademiemitglied Amsterdam 1845 – beides korrekt, verschiedene Institutionen

Die Abweichungen beim Geburts- und Sterbejahr bei invaluable.com sind schlicht Fehler in der Auktionsdatenbank. Die maßgeblichen wissenschaftlichen Quellen – das Huygens-Institut (Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland) und das Rijksmuseum – sind eindeutig.

Verschollene Werke – ein offenes Rätsel

Die „Indische Portefeuille“ ist erhalten und befindet sich im Teylers Museum in Haarlem. Doch ein erheblicher Teil von Konings Oeuvre – insbesondere die Auftragsarbeiten für Privatfamilien wie Crommelin und Bicker sowie die illustrierten Reiseberichte aus London (1851), Paris (1854) und Brüssel/Lüttich (1855) – ist in Privatbesitz oder schlicht verschollen. Das Huygens-Institut verweist auf Archivmaterial im Noord-Hollands Archief, darunter illustrierte Reiseberichte, Gedichte, Stickereien und ein Album amicorum. Wie viele ihrer Gemälde aus den Lehrjahren bei den Patrizierfamilien heute noch existieren, ist unbekannt. Hier liegt ein weißer Fleck in der Kunstgeschichte – und eine Einladung zur weiteren Forschung.

Das Erbe: Vergessen und Wiederentdeckt

Nach ihrem Tod verblasste Konings Ruhm rasch – wie der so vieler Malerinnen des 19. Jahrhunderts. Es war ihre Tochter Cornelia Stapert-Koning, die das Andenken ihrer Mutter wachhielt: 1906 veröffentlichte sie in der Zeitschrift Op de Hoogte den Artikel „Een merkwaardige vrouw uit de vorige eeuw“ (Eine bemerkenswerte Frau aus dem vorigen Jahrhundert), 1916 folgte eine Gedenkschrift in Eigen Haard.

1919 wurde die „Indische Portefeuille“ im Stedelijk Museum Amsterdam anlässlich des 300-jährigen Jubiläums von Batavia (heute Jakarta) ausgestellt. 1989 zeigte das Teylers Museum in Haarlem ihre Werke in der Ausstellung Portrettisten van Flora. 1999/2000 war sie Teil der großen Überblicksschau Elck zijn Waerom: Vrouwelijke kunstenaars in België en Nederland, 1500–1950 im Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen. 2012 war sie in Penseelprinsessen II: Schilderen als beroep in der Mesdag Collectie in Den Haag vertreten. Und 2024 zeigte das Teylers Museum ihre Java-Panoramen in der Ausstellung Panorama: Four Centuries of Vistas.

Ihre Werke erzielen heute bei Auktionen Preise zwischen 5.000 und 20.000 Euro – ein Zeichen dafür, dass der Markt sie längst wiederentdeckt hat. Die Kunstgeschichte ist dabei, nachzuziehen.

Wo ihre Werke heute zu sehen sind

  • Teylers Museum, Haarlem – „Indische Portefeuille“ und weitere Werke
  • Frans Hals Museum, Haarlem
  • Hortus Botanicus, Amsterdam
  • Rijksmuseum, Amsterdam – u.a. Echeveria Grandiflora (1847), Een roos en vergeet-mij-nietjes (1850)
  • Koninklijk Instituut voor de Tropen / Tropenmuseum, Amsterdam
  • Stadhuis-Sammlung, Groningen – Stilleven met fruit (Öl auf Holz, 47 × 40 cm)
  • Simonis & Buunk Galerie, Oosterbeek – regelmäßig Werke im Angebot

Eine Entdeckung, die wartet

Elisabeth Johanna Koning ist eine jener Malerinnen, die die Kunstgeschichte zu lange übersehen hat. Eine Frau, die mit einer Hand malte, was andere mit zweien nicht erreichten. Eine Botanikerin des Pinsels, die von Haarlem nach Java reiste und überall Schönheit fand. Eine Pionierin, die in einer Männerwelt Mitglied königlicher Akademien wurde – und deren Werke heute in den bedeutendsten Museen der Niederlande hängen.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Malerinnen des 19. Jahrhunderts, die zu Lebzeiten gefeiert und nach ihrem Tod vergessen wurden. Er ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – darunter die Bestände im Teylers Museum Haarlem, das Konings „Indische Portefeuille“ dauerhaft in seiner Sammlung bewahrt, sowie die Simonis & Buunk Galerie in Oosterbeek, die regelmäßig Werke von Elisabeth Johanna Koning anbietet.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.

Quellen

Nr. Quelle URL
1 Huygens Instituut / Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland (Hanna Klarenbeek, 2015) https://resources.huygens.knaw.nl/vrouwenlexicon/lemmata/data/Stapert
2 Wikipedia EN: Elisabeth Johanna Koning https://en.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Johanna_Koning
3 Rijksmuseum Amsterdam – Künstlerseite https://www.rijksmuseum.nl/en/collection/node/Elisabeth-Johanna-Koning
4 Simonis & Buunk Galerie, Oosterbeek https://www.simonis-buunk.com/artist/elisabeth-johanna-koning/artworks-for-sale/316/
5 Kunstpunt Groningen – Still life with fruit https://www.kunstpuntgroningen.nl/en/art-on-location/town-hall-collection/still-life-with-fruit/
6 Grokipedia – Elisabeth Johanna Koning https://grokipedia.com/page/elisabeth_johanna_koning
7 invaluable.com – Auktionsergebnisse https://www.invaluable.com/artist/koning-elizabeth-johanna-ta0pu3dq0p/
8 Lempertz Auktionshaus – Künstlerindex https://www.lempertz.com/en/catalogues/artist-index/detail/koning-elisabeth-johanna.html
9 Facebook / Female Artists in History https://www.facebook.com/female.artists.in.history/albums/1498879837063567/