Angelika Kauffmann – Europas erste Malstar

Angelika Kauffmann – Die Malerin, die Europa eroberte

Angelika Kauffmann war eine europäische Malerin des Neoklassizismus.

Sie war der Star ihrer Zeit. Gefeiert in London, verehrt in Rom, bewundert von Goethe und Königen: Angelika Kauffmann (1741–1807) zählt zu den bedeutendsten Malerinnen der europäischen Kunstgeschichte – und ist heute noch immer viel zu wenig bekannt. Höchste Zeit, das zu ändern.

Ein Wunderkind aus den Alpen

Maria Anna Angelika Kauffmann wurde am 30. Oktober 1741 in Chur (Graubünden, Schweiz) geboren, wuchs aber im österreichischen Vorarlberg auf. Ihr Vater Johann Joseph Kauffmann war selbst Maler – und erkannte früh das außergewöhnliche Talent seiner Tochter. Er förderte sie nach Kräften, nahm sie mit auf Reisen durch die Schweiz und nach Italien, wo sie die großen Meister der Renaissance und des Barock studieren konnte.

Schon als Kind malte sie Porträts, die Erwachsene verblüfften. Mit zwölf Jahren soll sie den Bischof von Como porträtiert haben – eine Anekdote, die zeigt, wie früh ihr Ruf begann. Angelika Kauffmann war nicht nur hochbegabt, sie war auch mehrsprachig, musikalisch und von bestechender Intelligenz. Tatsächlich stand sie zeitweise vor der Wahl zwischen einer Karriere als Sängerin und einer als Malerin. Sie entschied sich für die Malerei – zum Glück der Kunstgeschichte.

Der Aufstieg zur Berühmtheit: London und die Royal Academy

1766 reiste Angelika Kauffmann nach London – und die Stadt lag ihr zu Füßen. Die britische Gesellschaft war begeistert von der charmanten, gebildeten Künstlerin aus den Alpen. Sie malte Porträts der Aristokratie, verkehrte in den besten Kreisen und wurde zur gefragten Gesellschaftsdame.

Doch Angelika Kauffmann wollte mehr als Porträts malen. Ihr eigentliches Ziel war die Historienmalerei – also großformatige Gemälde mit mythologischen, historischen oder biblischen Themen. Diese Gattung galt damals als die höchste und anspruchsvollste Form der Malerei, reserviert für die großen Meister. Für eine Frau war das ein unerhörter Anspruch.

Und dennoch: 1768 wurde Angelika Kauffmann als eine von nur zwei Frauen zu Gründungsmitgliedern der renommierten Royal Academy of Arts in London ernannt. Die andere war die Blumenmalerin Mary Moser. Dieser Umstand allein macht deutlich, wie außergewöhnlich ihre Stellung war – denn für Frauen blieb die Akademie danach für mehr als hundert Jahre geschlossen.

Kleiner Hinweis: Die Royal Academy of Arts ist bis heute eine der wichtigsten Kunstinstitutionen Großbritanniens. Ihre Gründungsmitglieder zu sein, war damals so bedeutsam wie heute ein Oscar.

Der Neoklassizismus – ihre künstlerische Heimat

Angelika Kauffmanns Stil ist untrennbar mit dem Neoklassizismus verbunden – einer Kunstbewegung, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Antike als Vorbild feierte. Klare Linien, edle Einfachheit, harmonische Kompositionen und eine gedämpfte, elegante Farbpalette: Das sind die Merkmale dieser Epoche, die als Reaktion auf den üppigen Barock und das verspielt-dekorative Rokoko entstand.

Angelika beherrschte diesen Stil meisterhaft. Ihre Gemälde zeigen Szenen aus der griechischen und römischen Mythologie, aus der antiken oder zeitgenössischen Geschichte und aus der Bibel – stets mit einer feinen psychologischen Tiefe und einer Wärme, die ihre Bilder von denen vieler Zeitgenossen unterscheidet. Ihre Figuren wirken nie kalt oder starr, sondern lebendig und emotional.

Besonders bekannt sind Werke wie „Ariadne von Theseus verlassen“, „Penelope beim Weben“ oder „Cornelia, Mutter der Gracchen“ – Bilder, in denen Frauen nicht als passive Objekte erscheinen, sondern als handelnde, fühlende Persönlichkeiten. Das war für die damalige Zeit bemerkenswert.

Rom, Goethe und die große Liebe zur Antike

1781 kehrte Angelika Kauffmann dem regnerischen London den Rücken und zog nach Rom – damals das Zentrum der europäischen Kunstwelt. Dort heiratete sie den venezianischen Maler Antonio Zucchi, mit dem sie bis zu seinem Tod 1795 zusammenlebte. Die Ehe soll glücklich gewesen sein, auch wenn sie kinderlos blieb.

In Rom wurde ihr Haus zu einem kulturellen Mittelpunkt. Zu ihren Gästen zählten Künstler, Schriftsteller und Adlige aus ganz Europa. Einer der berühmtesten war Johann Wolfgang von Goethe, der sie während seiner Italienreise (1786–1788) kennenlernte und tief bewunderte. In seinen Aufzeichnungen beschreibt er sie als außergewöhnlich klug und talentiert – eine Einschätzung, die er nicht leichtfertig vergab.

Goethe und Kauffmann verband eine enge intellektuelle Freundschaft. Er schätzte nicht nur ihre Kunst, sondern auch ihre Bildung und ihren Geist. Für eine Frau des 18. Jahrhunderts war das eine bemerkenswerte Anerkennung.

Eine Frau kämpft um ihren Platz

So gefeiert Angelika Kauffmann auch war – ihr Weg war kein leichter. Die Kunstwelt des 18. Jahrhunderts war eine Männerwelt. Frauen durften in den meisten Akademien nicht studieren, hatten keinen Zugang zu Aktzeichenkursen (die als unverzichtbar für die Historienmalerei galten) und wurden selten ernst genommen, wenn sie über die „niedrigen“ Gattungen wie Porträt oder Blumenmalerei hinausgehen wollten.

Angelika Kauffmann ignorierte diese Schranken so weit es ging. Sie schuf Historiengemälde, obwohl ihr der klassische Akademieweg verwehrt war. Sie baute sich ein europaweites Netzwerk auf. Und sie verstand es, ihren Ruf geschickt zu pflegen – durch Charme, Klugheit und unermüdliche Arbeit.

Ein pikantes Detail am Rande: In dem berühmten Gruppenporträt der Gründungsmitglieder der Royal Academy – gemalt von Johann Zoffany – sind Angelika Kauffmann und Mary Moser nicht als anwesende Personen dargestellt, sondern lediglich als Porträts an der Wand. Die beiden einzigen Frauen unter den Gründungsmitgliedern wurden buchstäblich an den Rand gedrängt – weil es als unschicklich galt, dass Frauen an einem Ort anwesend sind, wo männliche Aktmodelle stehen. Dieses Bild sagt mehr über die Verhältnisse der Zeit als jede Erklärung.

Ihr Erbe: Wiederentdeckt und noch immer unterschätzt

Angelika Kauffmann starb am 5. November 1807 in Rom. Ihr Begräbnis soll dem eines Fürsten geglichen haben – ein letzter Beweis für die Verehrung, die ihr entgegengebracht wurde. Zwei ihrer Gemälde wurden in einer feierlichen Prozession mitgetragen.

Doch wie so vielen Künstlerinnen erging es auch ihr: Nach ihrem Tod geriet sie zunehmend in Vergessenheit. Die Kunstgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessierte sich wenig für Malerinnen, egal wie bedeutend sie zu Lebzeiten gewesen waren.

Heute erlebt Angelika Kauffmann eine verdiente Wiederentdeckung. Ihre Werke hängen in bedeutenden Museen weltweit – darunter das Kunstmuseum Vorarlberg in Bregenz, das Angelika Kauffmann Museum in Schwarzenberg (Vorarlberg), die Royal Academy in London und zahlreiche internationale Sammlungen. Das Museum in Schwarzenberg, ihrem Heimatort, ist besonders empfehlenswert für alle, die mehr über ihr Leben erfahren möchten.

Tipp für Ausstellungsbesuche: Das Angelika Kauffmann Museum in Schwarzenberg (Vorarlberg, Österreich) ist ein wunderbarer Ausgangspunkt. Das kleine, feine Museum zeigt Originale und gibt einen intimen Einblick in ihr Leben und Werk. Kombinierbar mit einem Besuch im Bregenzerwald – einer der schönsten Landschaften Österreichs. Öffnungszeiten und aktuelle Ausstellungen am besten vorab unter www.angelika-kauffmann.com prüfen.

Was macht ihre Kunst so besonders?

Kauffmann, Angelika, Lady Grey bittet bittet Edward IV. ihr den Besitz ihres verstorbenen Mannes zurückzugebenAngelika Kauffmanns Gemälde haben eine Qualität, die man sofort spürt, auch wenn man kein Kunstexperte ist: Sie erzählen Geschichten. Ihre Figuren haben Gefühle, ihre Kompositionen haben Rhythmus, und ihre Farben – zarte Rosas, kühle Blaus, warme Ockertöne – schaffen eine Atmosphäre von Eleganz und Tiefe.

Sie malte Frauen anders als die meisten ihrer männlichen Kollegen: nicht als Dekoration, sondern als Protagonistinnen. Ihre Penelope wartet nicht passiv – sie handelt. Ihre Cornelia ist keine Mutter im Hintergrund – sie ist die moralische Instanz im Vordergrund. Das macht ihre Bilder auch heute noch modern und relevant.

Fazit: Eine Pionierin, die ihren Platz verdient

Angelika Kauffmann war ihrer Zeit weit voraus. Als Frau in einer Männerwelt, als Historienmalerin ohne akademische Ausbildung, als internationale Künstlerin in einer Epoche ohne Flugzeuge oder Internet – sie hat Grenzen überwunden, die kaum vorstellbar waren. Ihr Werk ist nicht nur kunsthistorisch bedeutsam, es ist auch menschlich berührend.

Wer Angelika Kauffmann kennenlernt, versteht: Große Kunst hat kein Geschlecht.

Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Künstlerinnen, die trotz außergewöhnlicher Begabung und Leistung von der offiziellen Kunstgeschichte lange ignoriert oder vergessen wurden. Sein Spezialgebiet ist ihre Wiederentdeckung und Neubewertung – und manchmal, wie im Fall von Angelika Kauffmann, auch über jene Werke, die noch darauf warten, gefunden zu werden. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen, stellt vergessene Malerinnen vor und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Denn diese Frauen haben es verdient, endlich gesehen zu werden.

Wer einen Hinweis auf ein mögliches Kauffmann-Original hat, kann sich direkt an das Angelika Kauffmann Research Project (AKRP) unter www.angelika-kauffmann.de wenden.

Die in diesem Beitrag verwendeten Fotos von Gemälden von Angelika Kauffmann sind selbst erstellte Aufnahmen und stammen von ©renata26 (bacchantin) und von ©pm26 (lady grey).

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Hinweis zu möglichen Widersprüchen in den Quellen: Einige Quellen nennen Chur (Schweiz) als Geburtsort, andere betonen Schwarzenberg (Vorarlberg) als eigentliche Heimat – beides ist korrekt: geboren in Chur, aufgewachsen und verwurzelt in Vorarlberg. Auch das genaue Datum ihrer ersten Italienreise variiert je nach Quelle leicht. Diese Unschärfen sind typisch für Biografien des 18. Jahrhunderts und ändern nichts an der Substanz ihres Lebenswerks.

Quellen:

  • Bregenz, Vorarlberg Tourismus / Angelika Kauffmann Museum Schwarzenberg: www.angelika-kauffmann.com
  • Royal Academy of Arts, London: www.royalacademy.org.uk
  • Kunstmuseum Vorarlberg, Bregenz
  • Goethe, J.W. von: Italienische Reise (1816/1817)
  • Rosenthal, Angela: Angelika Kauffmann. Art and Sensibility, Yale University Press, 2006
  • Baumgärtel, Bettina (Hrsg.): Angelika Kauffmann, Kunstpalast Düsseldorf, 1998
  • Wikipedia (deutsch/englisch): Artikel „Angelika Kauffmann“, abgerufen Juni 2026
  • Hochschule der Künste Bern / Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft: Forschungsdaten zu Kauffmann
  • Interne Recherchegrundlagen