Anna Dorothea Therbusch – Rokoko-Malerin
Anna Dorothea Therbusch – Die Frau, die Könige porträtierte und Diderot nackt malte
Anna Dorothea Therbusch war eine deutsche Malerin des Rokoko.
Eine Berliner Malerin zwischen Rokoko und Aufklärung
Es gibt Künstlerinnen, die zu ihrer Zeit gefeiert wurden wie Sterne – und dann von der Kunstgeschichte so gründlich vergessen wurden, als hätten sie nie existiert. Anna Dorothea Therbusch (1721–1782) ist eine von ihnen. Dabei war diese Berlinerin alles andere als eine Randfigur: Sie malte Friedrich den Großen, porträtierte die preußische Königsfamilie im Auftrag Katharinas der Großen, wurde als erste Frau in die Wiener Akademie der bildenden Künste aufgenommen, malte den nackten Denis Diderot – und schuf dabei ein Werk von über 250 Gemälden, das sie zu einer der bedeutendsten Malerinnen des 18. Jahrhunderts macht. Dass ihr Name heute kaum bekannt ist, sagt mehr über die Kunstgeschichtsschreibung aus als über ihr Talent.
Aus einer Malerfamilie in die Welt der Höfe
Anna Dorothea Therbusch wurde am 23. Juli 1721 in Berlin als siebtes von neun Kindern des polnischstämmigen Hofporträtisten Georg Lisiewski (1674–1750) und seiner Frau Maria Elisabeth Kahlow geboren. Da Frauen der Zugang zu Kunstakademien verwehrt war, erhielt sie ihre Ausbildung im väterlichen Atelier – gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Anna Rosina (später de Gasc, 1713–1783) und ihrem Bruder Christoph Friedrich Reinhold Lisiewsky (1725–1794). Beide Schwestern galten als Wunderkinder der Malerei.
Schon in ihrer Jugend kopierte Anna Dorothea die fêtes galantes des Hofmalers Antoine Pesne und studierte dabei die Meister des französischen Rokoko: Watteau, Lancret, Pater – jene Maler, die auch Friedrich II. besonders verehrte.
Die verlorenen Jahre – und der späte Aufbruch
1742 heiratete Anna Dorothea den Berliner Gastwirt Ernst Friedrich Therbusch (1711–1773) und gab die Malerei weitgehend auf, um ihrem Mann in der Gaststätte „Zur Weißen Taube“ in der Heiliggeiststraße zu helfen. Das Paar hatte fünf Kinder, von denen vier das Erwachsenenalter erreichten. Fast zwanzig Jahre lang war die Malerei Nebensache.
Dann, mit vierzig Jahren, wagte Anna Dorothea Therbusch das Unwahrscheinliche: Sie kehrte zur Kunst zurück – und zwar mit einer Energie und Entschlossenheit, die ihre Zeitgenossen verblüffte. 1761 rief Herzog Carl Eugen von Württemberg sie an seinen Stuttgarter Hof. In kürzester Zeit malte sie dort 18 Supraporten für die Spiegelgalerie des Neuen Schlosses. Diese Werke sind heute verschollen – sie fielen noch im selben Jahr 1762 einem verheerenden Schlossbrand zum Opfer. Es ist einer der spektakulärsten Verluste in Therbuschs Œuvre: 18 Gemälde, entstanden in einem kreativen Kraftakt, vernichtet, bevor die Welt sie wirklich wahrnehmen konnte.
1762 wurde sie Ehrenmitglied der Académie des Arts in Stuttgart, 1764 ernannte Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz sie zur Hofmalerin in Mannheim. Ihre Porträts des Kurfürsten – heute im Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim und in der Alten Pinakothek München – gelten kunsthistorisch als Belege für den Wandel vom repräsentativen Standesporträt hin zur psychologisch differenzierten Darstellung des aufgeklärten Herrschers.
Paris: Triumph und Demütigung
1765 reiste Anna Dorothea Therbusch nach Paris – allein, ohne Mann und Kinder, in einer Zeit, in der das für eine Frau mittleren Alters schlicht unerhört war. Die Académie Royale de Peinture et de Sculpture lehnte ihre Arbeiten zunächst ab – mit der bemerkenswerten Begründung, sie seien zu gut, um von einer Frau zu stammen. Am 28. Februar 1767 wurde sie schließlich mit der Genreszene Junger Mann, ein Glas in der Rechten haltend, von einer Kerze beleuchtet als Mitglied aufgenommen – als einzige Frau stellte sie ihre Gemälde im Pariser Salon von 1767 aus.
Der Philosoph und Kunstkritiker Denis Diderot wurde zu ihrem wichtigsten Fürsprecher – und zu ihrem berühmtesten Modell. Er posierte nackt für sie, ein Akt, der die Pariser Gesellschaft schockierte und bis heute Gesprächsstoff ist. Diderots Verhältnis zu Therbusch war jedoch widersprüchlich: Einerseits bewunderte er ihr Talent, andererseits schrieb er in der Correspondance littéraire von 1767 über sie mit einer Mischung aus Bewunderung und herablassender Kritik. Sein berühmtes Zitat – sie fehle es an „Jugend, Schönheit, Bescheidenheit und Koketterie“ – offenbart mehr über die Vorurteile seiner Zeit als über ihre Kunst. Ihr Gemälde Jupiter verwandelt in Pan, die schlafende Antiope überraschend (1767) lehnte die Académie Royale als „obszön“ ab; Diderot kritisierte, sie habe „ihre Kammerzofe oder ihre Gasthausmagd“ als Modell benutzt. Therbusch ließ sich davon nicht beirren.
Wirtschaftlich blieb Paris ein Misserfolg. Hoch verschuldet verließ sie die Stadt im November 1768. Auf dem Rückweg nach Berlin – über Brüssel, Den Haag und Amsterdam – vervollständigte sie ihre Ausbildung durch das Studium der Kunstsammlung Braamcamp und porträtierte den Sammler Gerrit Braamcamp. Am 6. Dezember 1768 wurde sie als erste Frau in die Akademie der bildenden Künste Wien aufgenommen – mit ihrem Porträt des Landschaftsmalers Jakob Philipp Hackert als Aufnahmestück.
Rückkehr nach Berlin: Triumph im Alter
Mit fünfzig Jahren kehrte Anna Dorothea Therbusch nach Berlin zurück und erlebte dort den Höhepunkt ihrer Karriere. Sie wurde Hofmalerin Friedrichs II. und lieferte mythologische Historienbilder für Schloss Sanssouci. 1775 porträtierte sie den 63-jährigen König – der kommentierte mit preußischer Trockenheit: „Um ihren Pinsel nicht zu entehren, hat sie mein verzerrtes Gesicht wieder mit der Grazie der Jugend aufgeschmückt.“ Kaiserin Katharina II. von Russland beauftragte sie, die gesamte preußische Königsfamilie in lebensgroßen Ganzporträts zu malen – diese Werke befinden sich heute in der Eremitage in Sankt Petersburg.
Nach dem Tod ihres Mannes 1773 unterhielt sie gemeinsam mit ihrem Bruder ein Atelier Unter den Linden. Sie begann, ihre Werke mit dem stolzen Zusatz „peintre du Roy de France“ zu signieren – obwohl sie kein offizielles Amt am französischen Hof innehatte. Es war eine selbstbewusste Geste der Selbstvermarktung, die zeigt, wie klug Therbusch ihre internationale Reputation zu nutzen wusste.
Malstil und Bildgattungen: Rokoko mit aufklärerischer Tiefe
Anna Dorothea Therbusch ist überwiegend dem Rokoko zuzuordnen, zeigt aber in ihrem Spätwerk deutliche Einflüsse des Frühklassizismus und der Aufklärungsästhetik. Ihr Stil verbindet die elegante Leichtigkeit des französischen Rokoko – inspiriert von Watteau, Lancret und Pesne – mit einer psychologischen Tiefe in der Porträtdarstellung, die über das bloß Dekorative weit hinausgeht.
Charakteristisch für ihre Malweise ist:
- Präzise Texturwiedergabe kombiniert mit lockeren, fast impulsiven Pinselstrichen – besonders in Gewändern und Hintergründen
- Starke Verwendung von Rot- und Rosatönen in der Fleischdarstellung (Inkarnat), aufgebaut mit zahlreichen dünnen Lasuren nach dem Vorbild von Rubens
- Psychologisch differenzierte Porträts, die Persönlichkeit und Physiognomie ihrer Modelle realistisch erfassen
- Mythologische Historienbilder mit weiblichen Akten (Venus, Diana, Ariadne, Antiope), die sie als eine der wenigen Frauen in dieser traditionell männlich dominierten Gattung ausweisen
Ihre Bildgattungen umfassen: Porträt (Hauptgattung, darunter mindestens 85 gesicherte Porträts), Historienmalerei/Mythologie, Genremalerei (nach niederländischem Vorbild, besonders Gerard Dou), Selbstporträt (zwölf bekannte Selbstbildnisse) und Allegorie.
Das ikonische Selbstbildnis mit Monokel

Unter ihren zwölf Selbstporträts ragt das Selbstbildnis mit Monokel (um 1776/77, Gemäldegalerie Berlin) heraus. Es zeigt die Malerin in fortgeschrittenem Alter, selbstbewusst und gelassen, mit einem Einhandglas vor dem Auge – ein Hilfsmittel, das sie wegen ihrer nachlassenden Sehkraft benötigte, das sie aber zugleich als Zeichen intellektueller Würde inszeniert. Neuere Forschungen bezeichnen es als „eines der bedeutendsten Selbstporträts der Frühen Neuzeit“. Ihr letztes, unvollendetes Selbstbildnis (1782, Gemäldegalerie Berlin) entstand kurz vor ihrem Tod am 9. November 1782 – sie starb mit 61 Jahren in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben, wo ihr Grab noch heute erhalten ist.
Verschollene Meisterwerke und das Erbe
Neben den 18 im Stuttgarter Schlossbrand von 1762 vernichteten Supraporten ist der Verbleib zahlreicher weiterer Gemälde unbekannt. Von ihrem Gesamtœuvre von über 250 Werken sind heute etwa 200 erhalten. Besonders schmerzhaft ist der Verlust der frühen Stuttgarter Dekorationsgemälde, die Therbuschs Fähigkeit als Historienmalerin in großem Format hätten belegen können – und die möglicherweise ihr Ansehen als bloße Porträtistin korrigiert hätten.
Ihr Verhältnis zu Diderot inspirierte den belgisch-französischen Autor Éric-Emmanuel Schmitt 1997 zu seinem Theaterstück Le Libertin (Der Freigeist), das 2000 verfilmt wurde.
Anlässlich ihres 300. Geburtstages zeigte die Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin von Dezember 2021 bis April 2022 eine große Sonderausstellung. 2024 erschien mit Christina K. Lindemans The Art of Anna Dorothea Therbusch (1721–1782) (Amsterdam University Press / Routledge) die erste englischsprachige Monografie über die Künstlerin.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ – jenem Begriff, den die Kunstgeschichte für Malerinnen prägte, die sich trotz aller Widerstände durchsetzten – und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über die Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen und Publikationen zu Anna Dorothea Therbusch: Wer die Malerin in Originalen erleben möchte, findet ihre Werke in der Gemäldegalerie Berlin, im Staatlichen Museum Schwerin, in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, in der Alten Pinakothek München, in den Schlössern Sanssouci und im Neuen Palais Potsdam sowie in der Eremitage Sankt Petersburg.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-0578.
Quellennachweis
| Quelle | Sprache | Verwendung |
| de.Wikipedia: Anna Dorothea Therbusch | DE | Biografie, Werkverzeichnis, Widerspruchsprüfung |
| en.Wikipedia: Anna Dorothea Therbusch | EN | Biografie, Pariser Jahre, Diderot |
| fr.Wikipedia: Anna Dorothea Therbusch | FR | Werkliste, Pariser Periode, Diderot-Briefe |
| AWARE Women Artists (awarewomenartists.com, 2024) | EN/FR | Malstil, Werkanzahl, Selbstporträt |
| artherstory.net / Christina K. Lindeman (2021) | EN | Historienmalerei, Akademiemitgliedschaft, Diderot |
| apollo-magazine.com (2021) | EN | Ausstellung Gemäldegalerie Berlin 2021/22 |
| smb.museum (Staatliche Museen zu Berlin) | DE/EN | Ausstellung, Forschungsprojekt |
| museum-digital.org (Georg Lisiewski) | DE | Todesjahr Vater (6. Januar 1750) |
| Neue Deutsche Biographie, Bd. 14 (Börsch-Supan, 1985) | DE | Biografie, Kinderzahl |
| Routledge / Lindeman: The Art of Anna Dorothea Therbusch (2024) | EN | Monografie, Malstil |
| arthist.net (Rezension, 2024) | DE | Selbstporträt als bedeutendstes Frühneuzeitporträt |
| artinwords.de | DE | Kinderzahl (fünf, vier überlebend) |