Anna Peters – Blumenmalerin und Pionierin

Anna Peters: Die Frau, die mit Blumen Geschichte schrieb

Anna Peters war eine niederländisch-deutsche Blumenmalerin.

Eine Malerin zwischen zwei Welten – und zwei Epochen

Es gibt Künstlerinnen, die ihrer Zeit so weit voraus waren, dass die Zeit selbst sie vergaß. Anna Peters ist eine von ihnen. Geboren am 28. Februar 1843 in Mannheim, gestorben am 26. Juni 1926 in Stuttgart-Sonnenberg – ihr Leben umspannte mehr als acht Jahrzehnte, zwei Kunstepochen und einen stillen, aber beharrlichen Kampf um Anerkennung in einer Welt, die Pinsel und Palette für Männersache hielt.

Dabei war Anna Peters alles andere als eine zaghafte Randfigur. Sie war eine der ersten Frauen in Deutschland, die ihren Lebensunterhalt ausschließlich durch den Verkauf ihrer Gemälde bestreiten konnte – ein Umstand, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts weniger als revolutionär war. Ihre Blumenstillleben, Landschaften und Naturstudien fanden Käufer in Stuttgart, Berlin, Dresden, München und Wien. Und doch: Die Kunstgeschichte hat sie lange übersehen.

Aus einer Malerfamilie – Talent als Erbe und Auftrag

Anna Peters kam buchstäblich mit Farbe auf den Fingern zur Welt. Ihr Vater, Pieter Francis Peters (1818–1903), war ein angesehener niederländischer Landschaftsmaler, der sich in den 1840er Jahren dauerhaft in Stuttgart niederließ und zu den Hofaquarellisten der späteren Königin Olga von Württemberg zählte. Ihr Großvater väterlicherseits war Glasmaler in Nijmegen. Ihre Mutter Heinrike Gertrude Mali war die Schwester von Christian Mali (1832–1906), einem der bedeutendsten Tiermaler der Münchner Schule.

Diese Konstellation war für Anna Peters Segen und Schicksal zugleich: Sie wuchs in einem Haus auf, in dem Kunst nicht Hobby, sondern Beruf war. Ihr Vater erteilte ihr, ihren Schwestern Pietronella (1848–1924) und Ida (1846–1923) sowie dem Onkel Christian Mali den ersten Malunterricht. Eine Ausbildung an der Kunstakademie – für Frauen in Stuttgart zu dieser Zeit schlicht nicht möglich – blieb ihr verwehrt. Doch was die Akademie verweigerte, gab ihr die Familie: handwerkliche Präzision, kunsthistorisches Wissen und den Blick für die niederländische Meistertradition.

1845 zog die Familie nach Stuttgart, wo Anna Peters bis zu ihrem Tod blieb. Sie heiratete nie. Ihre Schwestern auch nicht. Die drei Peters-Frauen lebten und arbeiteten gemeinsam – eine Künstlerinnen-WG avant la lettre, die Stuttgart über Jahrzehnte prägte.

Das Werk: Blumen, Licht und die Natur als Lehrmeisterin

Anna Peters‘ Œuvre umfasst Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde. Ihr erstes bekanntes Bild, ein Herbststrauß, datiert auf das Jahr 1860 – sie war gerade 17 Jahre alt. Von da an blieb die Blumenmalerei ihr Lebensthema, ihr Programm, ihre Passion.

Ihre frühen Werke stehen ganz in der Tradition der niederländischen Blumenmalerei des 17. und frühen 18. Jahrhunderts: fein arrangierte Blüten- und Fruchtkompositionen vor dunklem, lebendigem Grund, ausgeführt in altmeisterlicher Lasurentechnik. Rosen, Sonnenblumen, Herbstblumen, Wiesenblumen – Peters malte sie alle, stets mit botanischer Genauigkeit, stets mit dem Blick für das Unscheinbare. Ihre eigenen Worte sind überliefert: „Je mehr sich der Künstler an die Natur hält, je vollkommener wird sein Werk, denn die Natur ist die höchste Weisheit selbst.“

Doch Peters war keine Kopistín der Vergangenheit. Schon früh entwickelte sie eine eigene Handschrift: Sie stellte Blumensträuße ans Fenster oder in den Garten, bettete Vasen in Landschaften ein, kombinierte Blüten mit Gräsern, Zweigen und gelegentlich Insekten. Sie malte nicht das Arrangement – sie malte das Leben im Arrangement.

Ab 1886 – und damit früher als die meisten Quellen vermuten lassen – begann sich ihr Stil zu wandeln. Der Pinselstrich wurde lockerer, das Atmosphärische gewann an Gewicht, der Wolkenhimmel zog in ihre Landschaften ein. Was die Kunstgeschichte als „Ende der 1890er Jahre“ datiert (so Wikipedia), begann nach Angaben des Geschichtsvereins Köngen bereits 1886: ein gleitender Übergang vom strengen Realismus zu einem eigenständigen Impressionismus, der das Flirren des Lichts auf Blütenblättern ebenso einfing wie die Stimmung eines Sommernachmittags auf Schloss Köngen.

Kunstperiode: Zwischen Realismus und Impressionismus

Anna Peters ist kunsthistorisch dem Spätrealistischen Naturalismus zuzuordnen, der sich in ihrem Spätwerk zu einem schwäbischen Impressionismus öffnet. Sie gehört damit zu jener Generation von Malerinnen, die – wie die Ausstellung „Schwäbische Impressionistinnen“ (2024/25) eindrucksvoll zeigte – den Übergang von der akademischen Dunkeltonigkeit zur hellen, lebendigen Farbpalette des Impressionismus vollzogen, ohne je den Anschluss an die Natur zu verlieren.

Schloss Köngen: Ein Ort, der Bilder gebiert

Dorfansicht, Anna Peters, MalerinWer Anna Peters verstehen will, muss nach Köngen fahren – in das kleine Dorf südöstlich von Stuttgart, wo sie von 1894 bis 1924 fast jeden Sommer verbrachte. Schloss Köngen war ihr Refugium, ihr Freiluftatelier, ihr Inspirationsquell. Dort entstanden Blumenarrangements auf der Schlossmauer, Dorfansichten, Landschaften bei Mondlicht. Titel wie „Schloss Köngen bei Mondlicht“„Dorfgasse mit Gänsen und Wagen“ oder „Flusslandschaft mit Brücke (Köngen)“ zeugen von einer Malerin, die das Alltägliche in Poesie verwandelte.

Auch Christian Mali und sein Malerfreund Anton Braith (1836–1905) besuchten Peters regelmäßig in Köngen.

Ihr Name findet sich im Goldenen Buch eines Künstlerlokals in Bozen – neben dem ihres Onkels und Braiths. Sie war keine Randfigur, sie war mittendrin.

Unternehmerin, Netzwerkerin, Kämpferin

Anna Peters war nicht nur Malerin – sie war auch eine bemerkenswert geschäftstüchtige Frau. Mit 26 Jahren führte sie bereits die Familiengeschäfte, pflegte Handelsbeziehungen zu Kunsthändlern in mehreren Städten und vermarktete ihre Bilder mit einem Gespür, das man heute als professionelles Selbstmarketing bezeichnen würde. Ihre Gemälde kosteten zu Lebzeiten im Schnitt 300 bis 400 Mark – für das Bild „Herbstblumen“ wurden 1878 sogar 800 Mark verlangt, eine für damalige Verhältnisse beachtliche Summe.

1880 trat sie dem Verein Berliner Künstlerinnen bei. 1893 gründete sie gemeinsam mit Sally Wiest und Magdalena Schweizer den Württembergischen Malerinnenverein – eine der frühesten Berufsorganisationen für Künstlerinnen in Deutschland. Sie gewährte dem Verein sogar einen großzügigen Kredit für den Ankauf einer Villa in der Eugenstraße in Stuttgart, die noch heute dem Bund Bildender Künstlerinnen gehört. Den Vereinsvorsitz hielt sie – mit kurzer Unterbrechung – von 1893 bis 1919.

1918 wurde ihr die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft des Königreichs Württemberg verliehen. Eine späte, aber verdiente Ehrung.

Widersprüche in der Überlieferung – und ihre Auflösung

Wer sich durch die Quellen zu Anna Peters arbeitet, stößt auf einige Ungereimtheiten:

Widerspruch Quellen Auflösung
Nationalität: „niederländisch“ vs. „deutsch“ De-Wikipedia vs. En-Wikipedia, Lempertz Peters wurde als niederländische Staatsangehörige geboren (Vater Niederländer) und hat laut Testament die württembergische Staatsangehörigkeit nie angenommen – sie war formal Niederländerin, lebte aber ihr ganzes Leben in Deutschland
Sterbeort: „Stuttgart“ vs. „Sonnenberg/Möhringen“ Wikipedia vs. Staatsgalerie, AskArt Stuttgart-Sonnenberg ist ein Stadtteil von Stuttgart – kein echter Widerspruch
Stilwandel: „ab 1886″ vs. „Ende der 1890er Jahre“ Geschichtsverein Köngen vs. Wikipedia Der Wandel begann nachweislich 1886 (Skizzenbücher), setzte sich aber bis in die 1890er fort – beide Angaben sind partiell korrekt
Onkel Christian Mali: Geburtsjahr 1832 vs. andere Angaben Geschichtsverein vs. Wikipedia Wikipedia nennt ihn „zehn Jahre älter“ als Anna (geb. 1843), was auf ca. 1833 hinweist; 1832 ist die wahrscheinlich korrekte Angabe

Verschollene Werke – eine offene Frage

Ein besonders reizvolles Kapitel in der Peters-Forschung sind die Dekorationsarbeiten für königliche Schlösser in Stuttgart und Friedrichshafen, die die englische Wikipedia erwähnt. Diese Auftragswerke – vermutlich Blumengirlanden oder Wanddekorationen im Stil der niederländischen Meister – sind heute nicht mehr auffindbar oder nicht eindeutig zugeordnet. Ob sie erhalten, übermalt oder schlicht nicht inventarisiert sind, ist ungeklärt. Hier liegt ein echtes Forschungsdesiderat: Wer weiß, welche Blumenpracht von Anna Peters‘ Hand noch in württembergischen Schlössern schlummert?

Darüber hinaus befinden sich viele ihrer Werke in Privatbesitz – nach Angaben von Artprice wechselten zwischen 1989 und 2006 rund 230 Gemälde den Besitzer. Wo sich der Rest ihres umfangreichen Œuvres befindet, ist weitgehend unbekannt.

Wiederentdeckung: Die Ausstellung, die alles veränderte

Im Oktober 2024 eröffnete die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen die Ausstellung „Nicht Ausdruck, sondern Eindruck malen – Schwäbische Impressionistinnen“ (26.10.2024 – 9.3.2025). Mit über 100 Werken von 15 Künstlerinnen – darunter Anna und Pietronella Peters – wurde ein längst überfälliges Kapitel der Kunstgeschichte aufgeschlagen. Der Katalog war schnell ausverkauft, über 15.000 Besucherinnen und Besucher kamen – ein Rekord für das Haus.

Anna Peters‘ Werke sind heute in der Staatsgalerie Stuttgart, im Braith-Mali-Museum Biberach an der Riß und auf Schloss Köngen zu sehen.

Schlussbetrachtung: Eine Stimme, die bleibt

Anna Peters war kein „Malweib“ im abwertenden Sinne, den ihre Zeit diesem Begriff gab. Sie war eine Künstlerin von Rang, eine Unternehmerin mit Weitblick und eine Pionierin, die für ihre Kolleginnen Türen öffnete, die für sie selbst noch verschlossen waren. Ihre Blumen sind keine dekorativen Gefälligkeiten – sie sind Zeugnisse einer Frau, die die Natur als ihre einzige Lehrmeisterin anerkannte und daraus eine Sprache formte, die bis heute spricht.

Wer ihre Bilder sieht – die Sonnenblumen von 1863, die Herbststräuße, die Rosenensembles am Brunnenrand – versteht: Hier malte jemand nicht für den Markt, sondern für die Wahrheit.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ des 19. Jahrhunderts und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Anna Peters‘ Werk in Originalen erleben möchte, findet Gemälde in der Staatsgalerie Stuttgart, im Braith-Mali-Museum Biberach an der Riß sowie auf Schloss Köngen. Auf dem Auktionsmarkt tauchen ihre Werke regelmäßig bei Lempertz, Dorotheum, Ketterer, Siebers und Nagel auf.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.