Arina Hugenholtz – Grande Dame der Larener Schule
Arina Hugenholtz – Die Grande Dame von Laren
Arina Hugenholtz war eine niederländische Malerin.
Sie malte das silberne Licht der Heide, lernte vom melancholischen Anton Mauve und baute, fast nebenbei, eine Brücke über den Atlantik. Und doch kennt heute kaum jemand ihren Namen. Eine Spurensuche im Gooi.
Eine Pfarrerstochter, die nicht ins Vorzimmer wollte
Manche Künstlerinnen muss man förmlich aus dem Schatten ziehen, in den die Kunstgeschichte sie verbannt hat. Arina Hugenholtz ist eine von ihnen. Geboren 1848 im südholländischen Cillaarshoek – einem Flecken, der heute zur Gemeinde Strijen gehört –, war sie die Tochter eines Mannes, der selbst gegen den Strom schwamm: Pfarrer Philip Reinhard Hugenholtz, Mitbegründer der freisinnigen „Vrije Gemeente“, deren Amsterdamer Saal später zum legendären Musiktempel Paradiso werden sollte. Aufmüpfigkeit lag also in der Familie.
Schon als Kind griff Arina zum Stift. Die ersten Zeichenstunden nahm sie in Haarlem, später kam Privatunterricht in Amsterdam hinzu, dazwischen ein standesgemäßer Aufenthalt in einem Schweizer Pensionat. Doch das brave Programm einer höheren Tochter genügte ihr nicht. Mit fünfundzwanzig wurde sie an der Amsterdamer Rijksacademie zugelassen – als eine der allerersten Frauen überhaupt, in jenen Jahren, in denen sich auch ihre spätere Freundin Wally Moes durch die noch frisch geöffneten Akademietüren drängte. Es war ein kleiner, leiser Skandal: Frauen, die nicht Modell saßen, sondern selbst die Staffelei aufstellten.
Im Bann des melancholischen Mauve
Über ihren lebensfrohen Vater trat eine Gestalt in Arinas Leben, die ihr ganzes Werk prägen sollte: Anton Mauve, der schwermütige Großmeister der Haager Schule – und angeheirateter Vetter eines gewissen Vincent van Gogh. Zwischen dem heiteren Prediger und dem grüblerischen Maler entspann sich eine ungleiche, herzliche Freundschaft, und Mauve sah eines Tages die Bilder der jungen Arina.
Sie wollte nach Paris, in die Hauptstadt der Avantgarde. Mauve riet ab. Erst solle sie bei Bernard Blommers lernen, einem Maler der ersten Haager Generation. Sie folgte dem Rat. Mauve unterrichtete eigentlich ungern, doch dieser Schülerin gab er immer wieder kostbare Hinweise – so beharrlich, dass spätere Stimmen sogar von mehr als nur Lehrer und Schülerin raunten. Belegt ist solche Romanze nicht; geblieben ist etwas Greifbareres: In Arinas Bildern lebt Mauves Handschrift fort, im silbrig gedämpften Kolorit ebenso wie in der Wahl der Motive.
Laren – das niederländische Barbizon
1885 zog es Arina erstmals ins Gooi, jene sanfte Landschaft aus Heide, Wäldern und Bauerngehöften rund um die Dörfer Laren und Blaricum. Mauve war schon dort, und auch sie blieb zunächst im Gasthof Hamdorff, der bald ihr Zuhause werden sollte. 1894 ließ sie sich endgültig nieder, baute ein Atelier an der Stationsweg und gehörte fortan zum festen Kreis der Larener Schule – jenem Gooi-Ableger der Haager Schule, in dem niederländische Maler dem Impressionismus huldigten, ohne den Realismus je ganz aufzugeben: Sie arbeiteten unter freiem Himmel, dem Licht und der Farbe verschworen, und gaben den Bauern und ihrer kargen Schönheit ein Gesicht.
In dieser Gemeinschaft wurde Arina zur „Grande Dame“. Nicht, weil sie sich vordrängte, sondern weil sie verband: das ältere mit dem jüngeren Malergeschlecht, den armen Bohémien mit dem gefeierten Star. Sie ging auf jedes Fest, sprach mit jedem, mit Reichen wie mit Habenichtsen. Mit Albert Neuhuys verband sie eine Freundschaft – und ein gemeinsames Anliegen: die unberührte Natur Larens für die Kunst zu bewahren, ehe der Fortschritt sie verschluckte.
Was ihre Bilder erzählen
Wer eine Hugenholtz betrachtet, spürt sofort die Atmosphäre des Gooi. Da sind die weiten Heideflächen mit ihren Schafherden, die im Abendlicht zu grauen Wolken verschmelzen. Da sind die Kiefernwälder, durch die ein schmaler Pfad führt, an dem gebückte Gestalten arbeiten. Da sind die Dorfszenen – der Kirchgang im klirrenden Winter, das gedämpfte Licht aus den Fenstern des Gotteshauses gegen den frostigen Himmel. Und da sind, immer wieder, Kinder: am Strand spielend, an einem Gatter lehnend, von der Mutter an der Hand geführt.
Stilistisch gehört Arina Hugenholtz damit eindeutig in den niederländischen Impressionismus der Jahrhundertwende, im engeren Sinne in die Larener Schule. Ihre bevorzugte Bildgattung ist die Landschafts- und Genremalerei: Stimmungslandschaften mit Tieren, Dorf- und Kinderszenen, bäuerliche Interieurs, dazu Tierstudien und üppige Blumenstillleben. Sie malte in Öl und Aquarell, griff gelegentlich zur Radiernadel – und blieb in der Farbpalette stets eine Tochter Mauves: jenes berühmte silbrige Grau, in dem die Haager Schule die Feuchtigkeit der holländischen Luft selbst sichtbar machte.
Eine Brücke über den Atlantik
Doch Arina Hugenholtz war mehr als eine begabte Stimmungsmalerin. Ihr vielleicht größtes Verdienst lag jenseits der Leinwand. Dank ihrer internationalen Kontakte – sie hatte selbst ein Jahr in Amerika gelebt – wurde sie zur Vermittlerin zwischen den Vereinigten Staaten und den Larener Künstlern. Hier knüpfte sie Fäden, die für den Erfolg der ganzen Schule entscheidend werden sollten.
1893 stellte sie im Palace of Fine Arts der World’s Columbian Exposition in Chicago aus – jener gigantischen Weltausstellung, die Millionen Besucher anzog und Amerikas Blick auf die europäische Malerei schärfte. Ihre Freundschaft mit dem amerikanischen Sammlerpaar William und Anna Singer trug späte Früchte: Anna Singer erwarb ein Aquarell direkt von ihrer Freundin Arina, und bis heute hängt es im Singer Museum in Laren – jenem Haus, das aus der Singer-Sammlung erwuchs und zu einem Wahrzeichen der Larener Kunst wurde.
Verschollen? Eher vergessen.
Gibt es das eine spektakuläre, verlorene Hauptwerk, das Schatzsucher elektrisiert? Die ehrliche Antwort lautet: nein. Kein Raub, kein Brand, kein berühmtes verschwundenes Bild ist überliefert. Das eigentlich Verschollene an Arina Hugenholtz ist ihr Name. Wie so viele „Malweiber“ ihrer Generation verschwand sie aus dem Kanon, kaum dass die letzte Farbe getrocknet war. Ihre oft undatierten Werke ruhen in Privatbesitz und tauchen einzeln im Auktionshandel wieder auf – kleine Wiederentdeckungen, eine nach der anderen. Wer sie sehen will, findet sie im Singer Museum in Laren und im Frans Hals Museum in Haarlem.
Ein stiller Abschied im Hamdorff
Arina Hugenholtz blieb dem Pinsel treu bis zuletzt. Vierzig Jahre lang wohnte sie im Hotel Hamdorff, dem gesellschaftlichen Herzen Larens, und dort starb sie eines Morgens im April 1934, unerwartet und ohne Aufhebens. Am 7. April wurde sie unter großer Anteilnahme auf dem Allgemeinen Friedhof beigesetzt – die Grande Dame, die ein halbes Jahrhundert lang die Brücke zwischen den Generationen, zwischen den Kontinenten und zwischen den Geschlechtern in der Kunst gehalten hatte.
Heute schaut man auf ihre silbrigen Heidelandschaften und versteht: Diese Malerin gehört nicht ins Vorzimmer der Kunstgeschichte. Sie gehört in den Saal.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über solche Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – etwa im Singer Museum in Laren und im Frans Hals Museum in Haarlem, wo Werke von Arina Hugenholtz und ihrer Künstlerkollegen der Larener Schule zu sehen sind.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata25-3831.