Catherine Tomatis – Vergessene Malerin des 19. Jh.
Catherine Tomatis – Blumen aus dem Vergessen
Eine piemontesische Malerin des 19. Jahrhunderts taucht wieder auf
Es gibt Malerinnen, die die Kunstgeschichte vergessen hat. Nicht weil ihre Werke schlecht waren – wohl weil sie Frauen waren. In einer Zeit, in der Frauen an Akademien nicht zugelassen wurden, ihre Werke selten signiert und noch seltener ausgestellt wurden, verschwanden viele von ihnen spurlos aus dem kollektiven Gedächtnis. Catherine Tomatis ist eine von ihnen.
Ihr Name taucht in keinem der großen kunsthistorischen Lexika auf. Keine Biografie, kein Ausstellungskatalog, kein Eintrag in den Datenbanken der Museen. Und doch: Im Jahr 2024 tauchte ein Werk von ihr auf – „Blumenstilleben“ (dat. 1891, Öl auf Leinwand, 47,5 x 38 cm), das beim renommierten Bonner Auktionshaus von Zengen versteigert wurde. Ein einziges Gemälde, das aus dem Dunkel der Geschichte auftauchte und uns eine Frage stellt: Wer war Catherine Tomatis?
Eine Spur im Piemont
Der Familienname Tomatis ist typisch piemontesisch. Er ist in der Region Cuneo und Mondovì verbreitet – einer Gegend, die im 19. Jahrhundert eine lebhafte Kunstszene hatte. Turin, die Hauptstadt des Piemont, war im 19. Jahrhundert ein bedeutendes Kunstzentrum: Die Pinacoteca Reale, die Accademia Albertina, die Società Promotrice delle Belle Arti – all diese Institutionen förderten die Kunst, wenn auch hauptsächlich die Kunst der Männer.
Im „Dizionario della pittura piemontese dell’Ottocento“ (Wörterbuch der piemontesischen Malerei des 19. Jahrhunderts), herausgegeben von AdArte in Turin, erscheint ein Maler namens Michele Tomatis (1868–1904). Artprice bestätigt seine Existenz und verzeichnet drei Werke, die bei Auktionen angeboten wurden. In der Guida Generale-Commerciale di Torino von 1871/72 ist ein „Tomatis Michele“ als Maler mit Adresse Via della Consolata 5 in Turin eingetragen.
Ob Catherine Tomatis mit Michele Tomatis verwandt war – ob sie seine Mutter, Schwester oder Tante war –, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber die geografische und zeitliche Nähe legt eine Verbindung nahe. Die Familie Tomatis war im Piemont des 19. Jahrhunderts offenbar künstlerisch tätig.
Das Blumenstilleben – ein Genre der Frauen
Das Blumenstilleben war im 19. Jahrhundert eines der wenigen Genres, in denen Frauen als Malerinnen akzeptiert wurden. Es galt als „weiblich“ genug, um nicht als Bedrohung für die männliche Kunstwelt zu gelten – und war gleichzeitig technisch anspruchsvoll genug, um echtes Können zu erfordern.
In Frankreich, dem Piemont und ganz Europa malten Frauen Blumen: Rosen, Lilien, Pfingstrosen, Tulpen – arrangiert in Vasen, auf Tischen, vor dunklen Hintergründen. Diese Werke wurden selten signiert, selten ausgestellt, selten verkauft. Viele verschwanden in Privatsammlungen, wurden vererbt, vergessen, auf Dachböden gelagert.
Das „Blumenstilleben“ (1891) von Catherine Tomatis, das 2024 bei von Zengen in Bonn auftauchte, ist ein solches Werk. Es ist das einzige bekannte Gemälde dieser Malerin – und es ist ein Zeugnis einer vergessenen Künstlerin.
Kunstperiode und Malstil
Aufgrund der verfügbaren Informationen lässt sich Catherine Tomatis dem Realismus und Naturalismus des 19. Jahrhunderts zuordnen – einer Epoche, in der die piemontesische Malerei stark von französischen Einflüssen geprägt war. Das Blumenstilleben als Genre war in dieser Zeit besonders beliebt und wurde von Malerinnen wie Pauline Auzou, Constance Mayer und vielen anderen gepflegt.
Die piemontesische Malerei des 19. Jahrhunderts war, wie der Kunstkritiker Mario Soldati in seinem Katalog der Städtischen Galerie Turin (1927) schrieb, von einem „Naturalismus“ geprägt, der die direkte Beobachtung der Natur in den Vordergrund stellte. Malerinnen wie Catherine Tomatis folgten dieser Tradition – sie malten, was sie sahen, mit Sorgfalt und Präzision.
Verschollene Werke?
Das „Blumenstilleben“ bei von Zengen 2024 ist das einzige bekannte Werk von Catherine Tomatis. Es ist möglich – ja, sogar wahrscheinlich –, dass weitere Werke existieren, die in Privatsammlungen schlummern, auf Dachböden lagern.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.