Cécile Chéron – Malerin und Keramikerin im Paris des 19. Jh.
Cécile Chéron – Malerin und Keramikerin: Eine Wiederentdeckung aus dem Herzen der Normandie
Cécile Chéron war eine französische Malerin des Impressionismus.
Eine Künstlerin zwischen zwei Welten
Es gibt Frauen in der Kunstgeschichte, die so gründlich vergessen wurden, dass selbst ihr Name kaum noch in den Archiven aufleuchtet. Cécile Chéron – mit vollem Namen Anne Louise Cécile Chéron – ist eine von ihnen. Geboren 1841 in Mortagne-au-Perche, einem kleinen Städtchen in der Normandie, gestorben 1911: Siebzig Jahre Leben, davon viele als Malerin und Keramikerin (peintre-céramiste) im pulsierenden Paris des 19. Jahrhunderts. Und doch: Kein Wikipedia-Artikel, keine Retrospektive, kein Museumsraum trägt ihren Namen. Dabei war Cécile Chéron alles andere als eine Randfigur – sie entstammte einem der bemerkenswertesten Künstlerinnen-Netzwerke ihrer Zeit.
Aus einer Künstlerinnenfamilie: Fanny Chéron und ihr Atelier
Wer Cécile Chéron verstehen will, muss ihre Mutter kennen: Fanny Chéron (1830–1917), Portraitmalerin, Lehrerin und Pionierin der Frauenkunstausbildung in Paris. Fanny, geboren in Mortagne-au-Perche, Schülerin von Belloc und des Malers Galbrund, eröffnete in Paris ein Atelier, das ausschließlich jungen Frauen offenstand – eine in der damaligen Zeit geradezu revolutionäre Geste. Denn die großen Kunstakademien blieben Frauen weitgehend verschlossen. Fannys Atelier wurde zu einem Knotenpunkt des weiblichen Kunstlebens: Hier lernte unter anderem Victoria Dubourg (1840–1926), die spätere Ehefrau von Henri Fantin-Latour und eine der bedeutendsten Stilllebenmalerinnnen Frankreichs. Fanny selbst stellte im Pariser Salon aus – nachweislich 1850 und dann regelmäßig von 1864 bis 1883, vorwiegend mit Porträts in Sanguine und Pastell.
Hinweis zu einem Widerspruch in den Quellen: Das Sterbejahr von Fanny Chéron ist in der Forschung umstritten. Die FemBio-Datenbank nennt 1881, während Wikipedia (fr) und andere Quellen 1917 angeben. Wikidata verzeichnet beide Daten. Da Fanny Chéron nachweislich noch 1883 im Salon ausstellte, ist das Jahr 1881 als Sterbedatum mit Sicherheit falsch – 1917 erscheint plausibler und wird hier übernommen.
Cécile Chéron: Malerin und Keramikerin
In diesem Umfeld wuchs Cécile Chéron auf. Es liegt nahe, dass sie ihre erste künstlerische Ausbildung bei ihrer Mutter Fanny erhielt – die Forscherin Marie-Françoise Bastit-Lesourd, die sich intensiv mit dem Netzwerk um Marie Bracquemond beschäftigt hat, formuliert dies als begründete Vermutung. Cécile entwickelte sich zur Malerin und Keramikerin (peintre-céramiste), einer Doppelbegabung, die im Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus Prestige genoss. Die Keramikmalerei -das Bemalen von Fayencen und Porzellan mit künstlerischem Anspruch- erlebte in dieser Epoche eine Blütezeit, befeuert durch den Japonismus, die Weltausstellungen und die Zusammenarbeit von Malern mit Manufakturen wie Haviland in Limoges oder der Manufacture de Sèvres.
Der Kunsthistoriker und Sammlerführer Auguste Demmin verzeichnet Cécile Chéron in seinem maßgeblichen Werk Guide de l’amateur de faïences et porcelaines (erschienen in mehreren Auflagen ab 1863) explizit als Peintre-céramiste – ein Beleg dafür, dass sie in Fachkreisen bekannt und anerkannt war. Gleichzeitig ist dieser Eintrag heute einer der wenigen greifbaren Belege für ihre professionelle Tätigkeit.
Im Schatten einer großen Tante: Marie Bracquemond
Cécile Chérons Tante – genauer: die Halbschwester ihrer Mutter Fanny – war Marie Bracquemond (geb. Quivoron, 1840–1916), heute als eine der vier großen impressionistischen Malerinnen Frankreichs anerkannt, neben Berthe Morisot, Mary Cassatt und Eva Gonzalès. Marie Bracquemond stellte bei den impressionistischen Ausstellungen von 1879, 1880 und 1886 aus, war mit Degas befreundet und arbeitete für das Atelier d’Auteuil der Manufaktur Haviland. Auch sie verband Malerei und Keramik – eine Parallele zu Cécile, die kein Zufall sein dürfte.
Dieses familiäre Netzwerk – Fanny als Lehrerin, Marie als impressionistische Pionierin, Cécile als Malerin und Keramikerin – zeigt, wie Frauen im 19. Jahrhundert Kunstkarrieren aufbauten: nicht durch die Akademien, sondern durch familiäre Netzwerke, private Ateliers und gegenseitige Unterstützung. Es war eine stille, aber wirkungsvolle Gegenwelt zur offiziellen Kunstwelt der Männer.
Die Kunst der Keramikmalerin: Zwischen Pinsel und Brennofen
Was genau malte Cécile Chéron? Die Quellenlage ist dünn, aber aufschlussreich. Als peintre-céramiste bewegte sie sich in einem Bereich, der im 19. Jahrhundert die Grenze zwischen angewandter Kunst und freier Malerei neu verhandelte. Keramikmalerinnen wie Cécile schufen Dekorationen für Teller, Vasen und Wandpaneele, aber auch eigenständige Kunstwerke auf Porzellan oder Fayence – Porträts, Blumenstücke, mythologische Szenen. Die Technik verlangte höchste Präzision: Mineralfarben, die erst im Brennofen ihre endgültige Leuchtkraft entfalteten, duldeten keine Korrekturen. Es war eine Kunst der Konzentration und des Vertrauens in den Prozess.
Dass Cécile Chéron in diesem Bereich tätig war, macht sie zu einer Vertreterin jener Generation von Künstlerinnen, die den Japonismus und die Keramikrenaissance des späten 19. Jahrhunderts aktiv mitgestalteten – auch wenn ihre Namen heute kaum noch fallen.
Wiederentdeckung: Was bleibt?
Cécile Chéron starb 1911, sieben Jahre vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem so vieles versank – auch die Erinnerung an Künstlerinnen wie sie. Ihre Werke sind bislang nicht in öffentlichen Sammlungen nachgewiesen; Auktionshäuser haben sie noch nicht wiederentdeckt. Und doch: Ihr Name steht in Demmin, ihre Mutter Fanny ist in den Salon-Katalogen verzeichnet, ihre Tante Marie hängt im Musée d’Orsay. Die Familie Chéron war Teil der Kunstgeschichte – und Cécile war Teil dieser Familie.
Die Wiederentdeckung von Cécile Chéron ist ein Projekt, das noch aussteht. Es wartet auf Archivarbeit in Mortagne-au-Perche, auf die Durchsicht von Salon-Katalogen der 1860er bis 1900er Jahre, auf Auktionshäuser, die ihre Keramiken vielleicht längst unter falschen Namen führen. Jede Wiederentdeckung beginnt mit einem Namen – und dieser Name lautet: Cécile Chéron, Malerin und Keramikerin, 1841–1911.
Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, die trotz außerordentlicher Begabung von der offiziellen Kunstgeschichte systematisch übergangen wurden. Sein Blog ist ihrer Wiederentdeckung gewidmet: Er stellt vergessene Malerinnen vor, beleuchtet ihre Netzwerke und gibt Hinweise auf aktuelle Ausstellungen. Wer Cécile Chéron und ihrem Umfeld auf der Spur bleiben möchte, sei auf die Ausstellungen zu Marie Bracquemond und den impressionistischen Malerinnen hingewiesen, die regelmäßig in französischen Regionalmuseen – etwa in der Normandie und in der Île-de-France – stattfinden.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-.