Clara Lobedan – Die Blumenmalerin Berlins
Vier Schwestern, eine Berufung
Clara Lobedan war eine deutsche Malerin.
Berlin, Mitte des 19. Jahrhunderts. In einem Haus am Hafenplatz 5, zwischen Schöneberger Straße und Köthener Straße, lebten vier Schwestern, die alle ledig blieben und alle der Kunst verschrieben waren: Helene (1839–1915), Clara (1840–1917), Amelie (1842–1919) und Emma Lobedan (1845–1916). Ihr Vater war früh gestorben; die Mutter hatte die Töchter Mitte der 1840er Jahre aus Naumburg an der Saale nach Berlin gebracht. Was wie eine Geschichte stiller Bürgerlichkeit klingt, war in Wirklichkeit ein kleines Wunder weiblicher Selbstbestimmung im Kaiserreich – und ein Kapitel Berliner Kunstgeschichte, das viel zu lange ungeschrieben geblieben ist.
Clara Augusta Amalie Emma Lobedan -so ihr vollständiger Name- wurde am 7. August 1840 in Naumburg geboren. Sie ist die bekannteste der vier Schwestern, und ihr Werk ist das einzige, das bis heute auf Auktionen gehandelt wird und in öffentlichen Sammlungen zu finden ist. Doch auch sie ist, wie so viele Malerinnen ihrer Generation, weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht.
Lehrjahre bei den Besten Berlins
Clara Lobedan lernte ihr Handwerk bei zwei der bedeutendsten Berliner Maler ihrer Zeit. Ihr erster Lehrer war Theude Grönland (1817–1876), ein deutsch-dänischer Blumen-, Stillleben- und Dekorationsmaler, der für seine präzisen, leuchtenden Kompositionen bekannt war und in Berlin zu den gefragtesten Lehrern seines Fachs zählte. Von ihm übernahm Lobedan die Liebe zur botanischen Genauigkeit, die ihre Blumenbilder auszeichnet: Jedes Blütenblatt sitzt, jeder Tautropfen glänzt, jede Frucht hat Gewicht und Duft.
Ihr zweiter Lehrer war Karl Gussow (1843–1907), Professor an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin, bekannt für seine realistische Feinmalerei. Gussow unterhielt ein sogenanntes Damenatelier – eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, in dieser Zeit eine professionelle Kunstausbildung zu erhalten, da die Akademie selbst Frauen bis 1919 offiziell ausschloss. In diesem Atelier lernten neben Clara Lobedan auch Hildegard Lehnert, Ottilie Roederstein und Sabine Lepsius – eine Konstellation, die zeigt, welch außergewöhnliches Talent sich dort versammelte.
Die Malerin: Meisterin des Stilllebens
Clara Lobedan war Öl-, Aquarell- und Pastellmalerin – eine Vielseitigkeit, die in ihrer Zeit keineswegs selbstverständlich war. Ihr Hauptthema: Blumen und Stillleben. Im Berliner Adressbuch ist sie schlicht als „Blumenmalerin“ verzeichnet – eine Berufsbezeichnung, die damals mehr Gewicht hatte, als es heute scheinen mag, denn die Blumenmalerei galt als eigenständige, hochgeschätzte Gattung.
Ihre Werke zeigen eine Malerin, die dem deutschen Realismus des späten 19. Jahrhunderts verpflichtet ist, ohne dabei in trockene Dokumentation zu verfallen. Im Gegenteil: Lobedans Stillleben besitzen eine sinnliche Wärme, eine Leuchtkraft der Farben und eine Kompositionssicherheit, die ihre Bilder von bloßer Handwerkskunst klar abhebt. Früchte, Blüten, Vasen – in ihren Händen werden diese alltäglichen Motive zu kleinen Festen des Sehens.
Kunsthistorisch ist Lobedan dem Spätbiedermeier und frühen Realismus zuzuordnen, mit deutlichen Einflüssen der niederländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts, die durch ihren Lehrer Grönland vermittelt wurden. Ihre Werke stehen in der Tradition von Jan van Huysum und Rachel Ruysch, übersetzt in die Berliner Atelierkultur des Kaiserreichs – präzise, sinnlich, zeitlos.
Zu den erhaltenen und dokumentierten Werken zählen:
- Küchenstilleben (1869, Öl, 47×62 cm)
- Blumenstillleben (1872, Öl, 64×55 cm)
- Früchtestilleben (1873, Öl, 32×42 cm)
- Stillleben (1877, Öl auf Metall auf Mahagoni – Staatliche Museen Berlin)
- Stillleben mit Weintrauben (1894)
- Vaso di fiori (1896)
- Pergola (1898, Öl, 64×43 cm)
- Blumengarten (1900, Öl, 78×127 cm)
Kaiserliche Anerkennung und Weltbühne Chicago
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. 1890 erwarb Kaiser Wilhelm II. eines ihrer Gemälde für seine Kunstsammlung – eine Auszeichnung, die in der damaligen Kunstwelt einem Ritterschlag gleichkam und Lobedans Ruf als eine der führenden Berliner Blumenmalerinnen festigte.
(Anmerkung zu einem Widerspruch in den Quellen: Der Kulturring Berlin nennt das Jahr 1882 für diesen Ankauf, während die Wikipedia – gestützt auf das Allgemeine Künstlerlexikon Online – 1890 angibt. Da das AKL als wissenschaftliche Primärquelle gilt, ist 1890 die wahrscheinlich korrektere Angabe.)
1893 stellte Clara Lobedan auf der Columbia-Weltausstellung in Chicago aus – im Woman’s Building, dem legendären Pavillon, der eigens für Künstlerinnen aus aller Welt errichtet worden war. Neben ihr zeigte auch ihre Schwester Emma dort Werke (bemalte Fächer). Die Teilnahme an dieser Weltausstellung war für eine Berliner Malerin ein außergewöhnliches Ereignis und belegt, dass Lobedan zu ihrer Zeit international wahrgenommen wurde – weit über die Grenzen Berlins hinaus.
Regelmäßig zeigte sie ihre Werke auf den Ausstellungen des Vereins der Berliner Künstlerinnen, den Akademieausstellungen, den Großen Berliner Kunstausstellungen sowie bei Ausstellungen in Dresden, Hannover, Kassel und Bremen.
Lehrerin, Unternehmerin, Keramikerin
Clara Lobedan war nicht nur Malerin – sie war auch Lehrerin und Unternehmerin. Sie gründete eine eigene Frauenmalschule in Berlin, eine der wenigen Institutionen, die Frauen eine professionelle Kunstausbildung ermöglichten. Zu ihren Schülerinnen zählte Hildegard Lehnert (1857–1943), die später selbst Direktorin der Kunstschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen wurde.
Gemeinsam mit Lehnert betrieb Lobedan Ateliers für künstlerische Gebrauchskeramik – in Berlin und in Goslar. Die Presse war begeistert: „Ohne ins Bizarre auszuarten, sind die Lobedan-Lehnertschen Töpfereien im besten Sinne originell, sowohl hinsichtlich der Formen, als auch der Glasuren und sonstigen künstlerischen Ausschmückung. Und sie sind vor allem praktisch in Gebrauch“, schrieb Gertrud Triepel 1902 in Reclams Universum – ein Lob, das zeigt, wie ernst die beiden Frauen als Kunsthandwerkerinnen genommen wurden.
Hinweis auf einen Widerspruch in den Quellen: Ein zeitgenössischer Artikel in Die Woche (1900) nennt als Keramik-Partnerin von Hildegard Lehnert nicht Clara, sondern Helene Lobedan (die älteste Schwester). Es ist möglich, dass beide Schwestern zu verschiedenen Zeiten mit Lehnert zusammenarbeiteten, oder dass es sich um eine Verwechslung in der zeitgenössischen Berichterstattung handelt. Die Wikipedia-Quellen, gestützt auf das Allgemeine Künstlerlexikon, nennen eindeutig Clara als Keramik-Partnerin.
Vereinsfrau und Netzwerkerin
Von 1867 bis 1916 -also fast fünf Jahrzehnte lang- war Clara Lobedan Mitglied des Vereins der Berliner Künstlerinnen (VdBK), des ältesten noch existierenden Zusammenschlusses bildender Künstlerinnen in Deutschland. Von 1909 bis 1913 fungierte sie als dessen Schriftführerin. Auch ihre drei Schwestern waren im Verein aktiv; Helene Lobedan schrieb 1886 sogar eine Geschichte über die Entstehung und Wirksamkeit des Vereins.
Der VdBK war mehr als ein Netzwerk – er war eine Überlebensstrategie. In einer Zeit, in der Frauen von den Akademien ausgeschlossen waren, boten Verein und Malschule die einzige Möglichkeit zu professioneller Ausbildung, Ausstellung und Vernetzung. Auch Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker besuchten diese Schule. Clara Lobedan war Teil dieses außergewöhnlichen Netzwerks – und eine seiner tragenden Säulen.
Verschollene Werke – eine offene Frage
Das Gemälde, das Kaiser Wilhelm II. 1890 für seine Sammlung erwarb, gilt heute als verschollen. Sein Verbleib nach dem Ende des Kaiserreichs 1918 ist ungeklärt. Angesichts der Tatsache, dass Lobedan über Jahrzehnte aktiv malte und regelmäßig auf großen Ausstellungen präsent war, ist davon auszugehen, dass ein erheblicher Teil ihres Œuvres heute nicht mehr auffindbar ist – verstreut in Privatsammlungen, verloren im Zweiten Weltkrieg oder schlicht nicht als ihr Werk identifiziert. Hier liegt ein lohnendes Feld für die kunsthistorische Forschung.
Widersprüche in den Quellen – eine Klärung
| Frage | Deutsche Wikipedia | Englische Wikipedia | Kulturring Berlin | Wahrscheinlichste Antwort |
| Geburtsdatum | 7. August 1840 | 8. August 1840 | 7. August 1840 | 7. August 1840 (Mehrheitsmeinung, Burgenlandkreis-Quelle) |
| Sterbedatum | 28. Juli 1917 | 1918 | 28. Juli 1917 | 1917 (Sterberegister Standesamt Berlin 11, Nr. 1246/1917) |
| Kaiserkauf | 1890 | – | 1882 | 1890 (AKL Online als Primärquelle) |
| Keramik-Partnerin | Clara Lobedan | Clara Lobedan | – | Clara (möglicherweise auch Helene zu anderer Zeit) |
Vergessen – und wiederentdeckt
Clara Lobedan starb am 28. Juli 1917 in Berlin. Ihre Gräber – und die ihrer drei Schwestern – befanden sich auf dem Dreifaltigkeitskirchhof am Halleschen Tor. Sie existieren nicht mehr. Auch das Haus am Hafenplatz 5 ist verschwunden, der Hafen längst zugeschüttet.
Und doch: Ihre Blumenbilder werden noch heute auf Auktionen gehandelt. Das Staatliche Museum Berlin bewahrt ihr Stillleben von 1877 in seiner Sammlung. Und 2019 widmete die Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit – Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919″ in der Alten Nationalgalerie Berlin auch Clara Lobedan einen eigenen Eintrag – ein überfälliges Zeichen der Anerkennung.
Es ist Zeit, diese Frau aus dem Schatten zu holen. Die Clara Lobedan Blumenmalerin verdient ihren Platz in der Kunstgeschichte – nicht als Fußnote, sondern als Hauptstimme.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Künstlerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die trotz außergewöhnlicher Leistungen von der Kunstgeschichte lange ignoriert wurden. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Clara Lobedans Werk auf sich wirken lassen möchte, findet Werke in der Sammlung der Staatlichen Museen Berlin sowie gelegentlich bei deutschen und internationalen Auktionshäusern. Der Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e. V. (vdbk1867.de) bewahrt zudem ein umfangreiches Archiv zur Geschichte der Berliner Künstlerinnen, in dem auch Lobedan dokumentiert ist.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.
Quellen
| Nr. | Quelle |
| 1 | Wikipedia DE: https://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Lobedan |
| 2 | Wikipedia EN: https://en.wikipedia.org/wiki/Clara_Lobedan |
| 3 | Kulturring Berlin – Frauenpersönlichkeiten Friedrichshain/Kreuzberg: https://www.kulturring.org/frauenpersoenlichkeiten/ |
| 4 | MAGEDA Gemälde- und Auktionsdatenbank: https://mageda.de/datenbank/kuenstlerdetails/8483/lobedan-clara |
| 5 | Lokalgeschichte.de – Berliner Künstlerinnen (Die Woche, 1900): https://lokalgeschichte.de/berliner-kuenstlerinnen |
| 6 | Wikipedia DE – Hildegard Lehnert: https://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_Lehnert |
| 7 | Staatliche Museen Berlin (SMB): https://recherche.smb.museum/detail/2260680/ |
| 8 | Invaluable Auktionsdaten: https://www.invaluable.com/artist/lobedan-clara-tc8w0ypcqd/ |
| 9 | Illustrirte Zeitung, 13. Februar 1902, Nr. 3059 (Nekrasovka-Archiv) |
| 10 | Yvette Deseyve / Ralph Gleis: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919, Reimer, Berlin 2019, ISBN 978-3-496-01634-2 |
| 11 | Anton Hirsch: Die bildenden Künstlerinnen der Neuzeit, Enke, Stuttgart 1905, S. 14–17 |
| 12 | Gertrud Triepel: Berliner Künstlerinnen-Ateliers, Reclams Universum, Bd. 19, Nr. 3, 1902, S. 54–58 |
| 13 | Dietlinde Peters: „…und keiner kriegt mich einfach krumm gebogen…“, Berlin Story Verlag 2014, S. 79–81 |
| 14 | Allgemeines Künstlerlexikon Online (AKL), De Gruyter 2009 |
| 15 | RKD Netherlands Institute for Art History: https://rkd.nl/en/explore/artists/353176 |
| 16 | Benezit Dictionary of Artists, Oxford University Press 2011 |