Élisabeth Vigée Le Brun – Malerin der Königinnen

Élisabeth Vigée Le Brun (Lebrun) – Die Malerin, die Königinnen zum Lächeln brachte

Élisabeth Louise Vigée Le Brun war eine französische Malerin.

Eine Frau, ein Pinsel, eine Epoche

Es gibt Lebensläufe, die sich lesen wie ein Roman – voller Glanz, Sturz und Wiedergeburt. Der von Élisabeth Vigée Le Brun (1755–1842) gehört zweifellos dazu. Wer war diese Frau, die in einer Zeit, in der Frauen von den Kunstakademien ausgeschlossen waren, zur gefragtesten Porträtistin Europas aufstieg? Die Marie Antoinette über dreißig Mal malte, vor der Guillotine floh und dennoch – oder gerade deshalb – ein Werk von atemberaubender Größe hinterließ?

Kindheit im Atelier – Talent als Schicksal

Am 16. April 1755 wird Élisabeth Louise Vigée in Paris geboren, als Tochter des Pastellmalers Louis Vigée und der Friseuse Jeanne Maissin. Ihr Vater erkennt früh das außergewöhnliche Talent seiner Tochter und fördert es mit Leidenschaft. Als er 1767 stirbt – Élisabeth ist gerade zwölf Jahre alt –, ist das Kind bereits eine Malerin. Sie beginnt, Porträtaufträge anzunehmen, um ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder zu ernähren. Mit fünfzehn Jahren verdient sie genug, um die Familie zu unterhalten – ein Umstand, der selbst für die kunstaffine Pariser Gesellschaft des Ancien Régime bemerkenswert ist.

Da Frauen der Zugang zur mächtigen Académie Royale de Peinture et de Sculpture verwehrt ist, tritt sie der Académie de Saint-Luc bei, um legal als Malerin tätig sein zu dürfen. 1776 heiratet sie den einflussreichen Kunsthändler Jean-Baptiste Pierre Le Brun – eine Verbindung, die ihr Zugang zu bedeutenden Privatsammlungen und den Alten Meistern verschafft, ihr aber auch einen verschwenderischen Ehemann beschert, der ihre Einnahmen verprasst.

Die Malerin der Königin – Triumph und Skandal

Das Jahr 1778 markiert den Wendepunkt: Vigée Le Brun erhält den Auftrag, Königin Marie Antoinette zu porträtieren. Es ist der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft und einer der produktivsten Künstlerinnen-Mäzeninnen-Beziehungen der Kunstgeschichte. Über das folgende Jahrzehnt malt sie die Königin mehr als dreißig Mal – in Staatsroben, als Mutter, als Frau.

1783 sorgt ein Gemälde für einen handfesten Skandal: Das Porträt „Marie Antoinette en gaulle“ (auch „La Reine en gaulle“ oder „Marie Antoinette in a Chemise Dress“) zeigt die Königin in einem schlichten Musselin-Hauskleid, ohne Korsett, ohne Staatsschmuck – ein Bild, das die Hofgesellschaft als Affront empfindet. Die Kritik ist vernichtend: Eine Königin Frankreichs in Unterwäsche? Das Gemälde wird vom Salon zurückgezogen. Vigée Le Brun malt als Ersatz das berühmte „Marie Antoinette mit einer Rose“ (1783, Schloss Versailles), das die Königin in würdevoller Pracht zeigt.

Ebenfalls 1783 – auf persönliche Intervention Marie Antoinettes – wird Vigée Le Brun als eine von nur vier Frauen in die Académie Royale de Peinture et de Sculpture aufgenommen. Ihr Aufnahmestück: das allegorische Gemälde „La Paix ramenant l’Abondance“ („Der Friede bringt den Überfluss zurück“, 1780, heute im Louvre, Paris) – ein Werk, das Rokoko-Eleganz mit neoklassizistischer Komposition verbindet und zeigt, dass Vigée Le Brun weit mehr beherrschte als das Porträt.

Der Malstil – Zwischen Rokoko und Neoklassizismus

Welcher Epoche ist Vigée Le Brun zuzuordnen? Hier begegnen wir einem der interessantesten kunsthistorischen Widersprüche in der Literatur: Manche Quellen ordnen sie dem Rokoko zu (Wikipedia DE, Google Arts & Culture), andere dem Neoklassizismus (arthistoryproject.com), wieder andere – und das ist die präziseste Einordnung – sehen sie als Brückenfigur zwischen beiden Epochen (artuk.org, The Art Story, Saatchi Art Canvas).

Auflösung des Widerspruchs: Vigée Le Bruns Frühwerk (bis ca. 1789) ist klar dem Rokoko verpflichtet: leichte Farbigkeit, Anmut, Eleganz, die Betonung von Charme und Lebendigkeit. Nach ihrer Flucht aus Frankreich und dem Studium der italienischen Meister – insbesondere Raffaels – verschiebt sich ihr Stil deutlich in Richtung Neoklassizismus: strengere Komposition, antikisierende Gewänder, monumentalere Haltungen. Ihr Gesamtwerk ist daher am treffendsten als Übergangswerk vom Rokoko zum Neoklassizismus zu charakterisieren, mit dem Porträt als dominanter Bildgattung.

Ihr Markenzeichen ist revolutionär für die Zeit: Sie entspannt ihre Modelle, lässt sie natürlich wirken, gibt ihnen ein einladendes Lächeln mit leicht geöffnetem Mund – eine Darstellungsweise, die von der akademischen Tradition abweicht und von Kritikern zunächst als unschicklich abgelehnt wird, aber schnell zu ihrem unverwechselbaren Stil wird.

Ihr Vorbild ist Peter Paul Rubens. Das berühmte „Selbstbildnis mit Strohhut“ (1782, National Gallery London) ist eine bewusste Hommage an Rubens‘ „Chapeau de Paille“, das sie 1781 in Flandern gesehen hatte. Die Malerin selbst schreibt in einem Brief: „Sie nennen mich Madame Van Dyck, Madame Rubens“ – und meint es als Kompliment. Ihr Selbstporträt zeigt sie mit Palette und Pinsel, selbstbewusst und strahlend, als Meisterin ihres Fachs.

Flucht, Exil, Triumph – Ein Leben in zwölf Jahren Wanderschaft

Im Oktober 1789, wenige Tage nach dem Sturm auf Versailles, flieht Vigée Le Brun mit ihrer kleinen Tochter Julie aus Paris. Als enge Vertraute der Königin ist sie als Royalistin gebrandmarkt. Ihr Ehemann bleibt in Paris, lässt sich scheiden, um sich zu schützen, und streicht ihren Namen von der Liste der Konterrevolutionäre. In Frankreich wird sie für tot erklärt, ihr Eigentum beschlagnahmt.

Was folgt, sind zwölf Jahre Exil – und eine zweite Karriere, die kaum weniger glänzend ist als die erste. Sie reist durch Italien (Rom, Neapel, Florenz), Österreich (Wien), Russland (St. Petersburg, wo sie am 23. Juli 1795 ankommt und am folgenden Tag Katharina der Großen vorgestellt wird), die Schweiz, Deutschland und England. Überall malt sie für Aristokraten und Königshäuser, überall wird sie gefeiert. In Russland allein entstehen nach eigenen Angaben 45 Werke – Forscher haben jedoch bis zu 67 russische Porträts identifiziert.

Zu ihren berühmtesten Exilwerken zählt das Porträt von Lady Emma Hamilton als Bacchantin (ca. 1790) – ein Bild voller spielerischer Eleganz, das die berühmte Geliebte Lord Nelsons in mythologischer Verkleidung zeigt.

Im Jahr 1800 wird ihr Name von der Emigrantenliste gestrichen. 1802 kehrt sie nach Paris zurück – in eine Stadt, die sie kaum wiedererkennt.

Spektakuläre Werke – und ein berühmter Skandal-Verbleib

Gibt es verschollene Werke? Die Forschung kennt tatsächlich Lücken im Œuvre: Vigée Le Brun selbst listet in ihren Souvenirs (1835–1837) ein „großes Porträt Marie Antoinettes in einem blauen Samtkleid“, dessen Verbleib bis heute ungeklärt ist. Zudem sind aus dem russischen Exil nicht alle identifizierten Werke dokumentiert – die Diskrepanz zwischen den 45 selbst genannten und den 67 von Forschern nachgewiesenen russischen Porträts deutet auf weitere, noch nicht vollständig geklärte Zuschreibungen hin.

Das berühmte „Marie Antoinette en gaulle“ (1783) hingegen ist nicht verschollen: Es befindet sich heute im Schloss Versailles (Château de Versailles). Eine Kopie oder Variante wird dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt zugeschrieben.

Späte Jahre – Memoiren, Malerei, Vermächtnis

Vigée Le Brun malt bis ins hohe Alter. Zwischen 1835 und 1837 veröffentlicht sie, mit Unterstützung ihrer Nichten Caroline Rivière und Eugénie Tripier Le Franc, ihre dreibändigen Memoiren „Souvenirs“ – ein literarisches Dokument ersten Ranges, das nicht nur ihr Leben, sondern das gesamte Ancien Régime lebendig werden lässt. Am 30. März 1842 stirbt sie in Louveciennes bei Paris, 86 Jahre alt, an den Folgen eines Schlaganfalls.

Ihr Gesamtwerk umfasst nach Schätzungen zwischen 600 und 800 Gemälde – eine Zahl, die je nach Quelle variiert (nmwa.org: über 600; theartstory.org: ca. 800). Die Diskrepanz erklärt sich durch unterschiedliche Zuschreibungskriterien und den Umstand, dass nicht alle Werke aus dem Exil vollständig dokumentiert sind.

Jahrzehntelang nach ihrem Tod unterschätzt und aus dem Kanon verdrängt, erlebt Vigée Le Brun seit den 1980er Jahren eine kraftvolle Wiederentdeckung. Große Retrospektiven – zuletzt 2015/2016 im Grand Palais Paris und im Metropolitan Museum of Art New York – haben ihr den Platz zurückgegeben, der ihr in der Kunstgeschichte zusteht. Ihre Fähigkeit, Intimität und Würde zu verbinden, ihre Natürlichkeit und ihr psychologisches Gespür für ihre Modelle machen sie zu einer Vorläuferin der Impressionistinnen Mary Cassatt und Berthe Morisot.

Kunsthistorische Einordnung – Fazit

Kriterium Einordnung
Hauptepoche Übergang Rokoko → Neoklassizismus (ca. 1770–1842)
Dominante Bildgattung Porträtmalerei
Sekundäre Gattungen Allegorische Historienmalerei, Selbstporträt
Stilmerkmale Eleganz, Natürlichkeit, psychologische Tiefe, Lichtführung nach Rubens
Vorbilder Rubens, Van Dyck, Raffael, Rembrandt
Bedeutung Pionierin für Künstlerinnen, Chronistin des Ancien Régime

Hinweis auf aktuelle Ausstellungen

Werke von Vigée Le Brun sind dauerhaft in bedeutenden Sammlungen zu sehen: im Louvre (Paris), im Schloss Versailles, in der National Gallery (London), im Metropolitan Museum of Art (New York) und in den Uffizien (Florenz, Selbstbildnis 1790). Wer plant, eine dieser Sammlungen zu besuchen, sollte gezielt nach ihren Werken fragen – sie hängen oft, ohne dass ihr Name im Vordergrund steht.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ – jenem Begriff, den die Kunstgeschichte einst für Frauen verwendete, die es wagten, professionell zu malen. Auf unforgettable-art.com widmet er sich der Wiederentdeckung dieser außergewöhnlichen Künstlerinnen und gibt regelmäßig Hinweise auf sehenswerte Ausstellungen und Sammlungen, in denen ihre Werke zu erleben sind. Élisabeth Vigée Le Brun ist dabei ein leuchtendes Beispiel dafür, wie groß das Talent sein musste, das eine Frau im 18. Jahrhundert mitbringen musste – und wie lange es dauerte, bis die Kunstgeschichte ihr dafür Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26.