Gabriele Münter – Malerin im Schatten des Blauen Reiters
Die Frau, die den Blauen Reiter im Keller versteckte
Wie Gabriele Münter zur heimlichen Hüterin der deutschen Moderne wurde – und warum die Kunstgeschichte sie fast vergessen hätte
Gabriele Münter war eine deutsche Malerin.
Es gibt Bilder, die berühmter sind als ihre Schöpferin. Und es gibt Künstlerinnen, deren Werk erst dann sichtbar wird, wenn man den Mann neben ihnen für einen Moment aus dem Bild rückt. Gabriele Münter ist beides zugleich: die Frau, ohne die es den Blauen Reiter, wie wir ihn kennen, vermutlich gar nicht mehr gäbe – und die Malerin, die man jahrzehntelang vor allem als Fußnote zu Wassily Kandinsky las.
Erst in den vergangenen Jahren, mit großen Personalen in Wien, Madrid, Paris und zuletzt im New Yorker Guggenheim Museum, wird deutlich: Münters Werk trägt sich selbst. Es ist Zeit, genauer hinzuschauen.
Vom Zahnarztkind zur Kunstrebellin
Geboren wird Gabriele Helene Henriette Münter am 19. Februar 1877 in Berlin, als jüngstes von vier Kindern eines Zahnarztes. Der Vater stirbt, als sie neun ist, die Mutter, als sie zwanzig ist – zurück bleibt eine junge Frau mit Erbe, aber ohne die Fesseln bürgerlicher Erziehung. Münter nutzt diese Freiheit auf eine Weise, die für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlich ist: Sie reist zwei Jahre lang durch die USA, mit einer Kodak-Kamera im Gepäck, und macht in Texas, Missouri und Arkansas rund 400 Fotografien – ein fotografisches Frühwerk, das die Kunstgeschichte erst kürzlich wirklich zu würdigen begann.
Als sie 1901 nach München zieht, prallt sie auf eine schlichte Tatsache: Frauen dürfen an der Kunstakademie nicht studieren. Münter weicht aus, wie so viele Malerinnen ihrer Generation, an private Schulen – und landet 1902 an der progressiven „Phalanx“-Schule eines gerade aus Russland zugezogenen Malers: Wassily Kandinsky.
Der Lehrer, der Geliebte, der Rivale
Was folgt, ist eine der prägendsten und kompliziertesten Künstlerbeziehungen der Moderne. Kandinsky, elf Jahre älter und noch verheiratet, wird Münters Lehrer, Liebhaber und über Jahre heimlicher Verlobter. „Es hängt sehr viel ab von Dir“, schreibt er ihr 1905, „Du kannst nicht alles, aber nur durch Dich kann ich zu wirklich Großem kommen.“ Ein Satz, der so viel über die Machtverhältnisse jener Jahre verrät wie über die Zuneigung.
Zwischen 1904 und 1908 reist das Paar durch Tunesien, an die Riviera, nach Paris. In Sèvres bei Paris, mitten im Sog von Matisse und den Fauves, vollzieht Münter jenen Bruch, den sie selbst später als „großen Sprung“ beschrieb: weg vom Kopieren der Natur, hin zum „Fühlen des Inhalts der Dinge“. Klare Formen, kräftige Farbflächen, schwarze Konturlinien – der unverkennbare Münter-Stil beginnt sich hier zu formen, lange bevor der Blaue Reiter einen Namen hat.
Murnau: das Labor der Moderne
1908 entdecken Münter und Kandinsky das oberbayerische Murnau am Staffelsee. Ein Jahr später kauft sie – aus eigenem Vermögen, nicht seinem – ein Haus dort, das als „Russenhaus“ in die Kunstgeschichte eingeht. Hier, zwischen 1908 und 1914, entsteht das, was viele Kunsthistoriker heute als ihre produktivste Schaffensphase bezeichnen: die Fähigkeit zur radikalen Formvereinfachung, kompromisslose Farbkontraste, eine zeichnerisch treffsichere Bildsprache, die Volkskunst, Hinterglasmalerei und die Lektionen von Matisse zu etwas völlig Eigenem verschmilzt.
1909 wird sie Mitglied der Neuen Künstlervereinigung München, 1911 tritt sie mit Kandinsky und Franz Marc aus Protest wieder aus – und gründet mit ihnen den Blauen Reiter. Münter ist an allen Ausstellungen der Gruppe beteiligt, 1913 zeigt ihr Herwarth Waldens legendäre Berliner Galerie „Der Sturm“ bereits eine Einzelausstellung mit 84 Gemälden. Für eine Frau ihrer Generation ist das eine Sensation.
Der Bruch, der Krieg, das Schweigen
1914 zerreißt der Erste Weltkrieg das gemeinsame Leben. Kandinsky, als Russe „feindlicher Ausländer“, muss zurück nach Moskau, das Paar trennt sich 1914 endgültig in Zürich. Münter geht nach Skandinavien, wartet Jahre auf ein Wiedersehen, das nie mehr stattfindet – bis sie erfährt, dass Kandinsky in Moskau heimlich eine 24-jährige Frau geheiratet hat, ohne sie je davon in Kenntnis zu setzen. Münter verweigert daraufhin die Rückgabe seiner Bilder und Habseligkeiten, die er bei ihr zurückgelassen hatte. Ein Entschluss der, wie sich Jahrzehnte später zeigen sollte, die Kunstgeschichte retten wird.
Die 1920er Jahre sind für Münter eine Zeit des Umherziehens, der Depressionen, des fast völligen Verstummens als Malerin. Sie zeichnet mehr, als sie malt. Erst 1927, auf einer Silvesterfeier, lernt sie den Kunsthistoriker Johannes Eichner kennen. Mit ihm kehrt sie um 1930/31 endgültig nach Murnau zurück – und mit ihr kehrt auch die Farbe zurück: Blumenstillleben, Porträts, erste Annäherungen an die Neue Sachlichkeit, später sogar eine späte, überraschende Rückkehr zur reinen Abstraktion – mit über siebzig Jahren.
Der Keller, der Deutschland etwas Unbezahlbares rettete
Und dann kommt das Kapitel, das diese Künstlerbiografie zu einer der eigentlich spektakulärsten der Moderne macht.
1933 übernehmen die Nationalsozialisten die Macht, Kandinskys Werk wird als „entartet“ gebrandmarkt, 1937 verreißt die NS-Presse auch Münters eigene Ausstellung im Münchner Kunstverein. Ihr droht Berufsverbot, ihrer gesamten Sammlung die Beschlagnahmung. Was Münter daraufhin tut, ist stiller Widerstand: Sie lässt hinter einer Scheinwand im Keller ihres Murnauer Hauses ein ganzes Vermögen der klassischen Moderne verschwinden – eigene Werke, aber vor allem Bilder von Kandinsky, Paul Klee, Franz Marc, Alexej von Jawlensky, Robert Delaunay, August Macke. Das Haus wird mehrfach durchsucht. Die Nazis finden nichts.
Unter den geretteten Werken befinden sich, wie mehrere Quellen übereinstimmend berichten, 80 Gemälde Kandinskys, die zu diesem Zeitpunkt bereits als verschollen galten – verloren geglaubt seit den Wirren des Krieges und der Trennung des Paares. Erst 1957, an ihrem 80. Geburtstag, holt Münter diesen Schatz aus dem Dunkel: Sie schenkt der Städtischen Galerie im Lenbachhaus über 100 Gemälde sowie ein umfangreiches Konvolut an Zeichnungen, Druckgrafiken und Volkskunstobjekten – bis heute die weltweit größte Sammlung des Blauen Reiter. Ohne diese eine Entscheidung einer damals fast vergessenen 80-jährigen Frau sähe die Museumslandschaft der Moderne heute anders aus.
Es ist die vielleicht bitterste Pointe ihrer Biografie: Der Mann, der sie einst verlassen hatte, verdankt ihr posthum einen erheblichen Teil seines Nachruhms.
Eine Malerin, die sich keiner Schublade fügte
Was Münters Werk kunsthistorisch so schwer fassbar macht, ist genau das, was es heute so faszinierend erscheinen lässt: Es entwickelt sich nicht linear. Sie sprang zwischen Stilen, wie es ihr passte – „ich malte einfach in dem Stil, der mir am besten zu passen schien“, sagte sie selbst. Stilistisch ist sie in erster Linie dem deutschen Expressionismus, genauer der Formsprache des Blauen Reiter, zuzuordnen, mit klar erkennbaren postimpressionistischen und fauvistischen Wurzeln aus ihrer Pariser Zeit. Ihre bevorzugte Gattung war die Landschaftsmalerei – allen voran die Murnauer Motive –, dicht gefolgt von Porträt und Stillleben, in die sie immer wieder Elemente bayerischer Volkskunst und Hinterglasmalerei einwob.
Neben Paula Modersohn-Becker gilt sie heute als bedeutendste deutsche Vertreterin des Expressionismus – eine Einschätzung, die lange von ihrer Rolle als „Kandinskys Muse“ überschattet wurde, wie es Kuratorinnen aktueller Ausstellungen unisono betonen.
Wo man sie heute sehen kann
Wer der Malerin selbst begegnen möchte, hat 2026 mehrere Gelegenheiten: Das Lenbachhaus in München zeigt in seiner Dauerpräsentation die weltweit größte Sammlung des Blauen Reiter und widmet den Künstlerinnen der Gruppe – neben Münter auch Marianne von Werefkin, Elisabeth Epstein und Maria Franck-Marc – eine eigene Schau, die noch bis September 2027 läuft. Das Schlossmuseum Murnau, direkt am einstigen Wohnort der Malerin, präsentiert in seiner Ausstellung zum Blauen Reiter einen der umfangreichsten Werkbestände Münters überhaupt. International hatte zuletzt das Guggenheim Museum in New York mit „Gabriele Münter: Contours of a World“ für Aufsehen gesorgt – Kritiker feierten die Schau als überfällige Korrektur eines jahrzehntelangen Ungleichgewichts.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ der Moderne und hat sich auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog berichtet über solche Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen zu Künstlerinnen wie Gabriele Münter.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.