Helen Iversen – Vergessene Meisterin der Blumenmalerei

Helen Iversen – Blumen, Licht und ein vergessenes Leben

Helen Iversen war eine deutsche Stilllebenmalerin der Moderne.

Eine Malerin zwischen Holstein und der Weltbühne

Es gibt Bilder, die einen nicht loslassen. Rosen, die aus dem Rahmen zu drängen scheinen. Geranien, die im Fensterlicht leuchten, als wäre das Sonnenlicht selbst der Pinsel. Und dann gibt es Malerinnen, deren Namen die Kunstgeschichte so gründlich vergessen hat, dass man sie erst mühsam wieder ausgraben muss – wie einen Schatz, der zu lange im Dunkeln lag.

Helen Iversen ist eine solche Malerin. Eigentlich Helene Iversen, geboren am 12. Juli 1857 in Voßberg bei Cismar, einem kleinen Ort in Holstein, der heute zum Ostseebad Grömitz gehört – gestorben am 7. Juli 1941 in Berlin-Charlottenburg, wenige Tage vor ihrem 84. Geburtstag. Zwischen diesen beiden Daten liegt ein Leben, das der Kunst gehörte: ein Leben voller Blüten, Licht und stiller Schönheit, aber auch voller Beharrlichkeit in einer Zeit, in der Frauen an Kunstakademien schlicht nicht vorgesehen waren.

Vom Chirurgentöchterchen zur Berliner Künstlerin

Helen Iversen entstammte einer bürgerlichen Familie: Ihr Vater, Hans Carl Friedrich Iversen (1813–1892), war Distriktschirug und Sanitätsrat – ein Mann der Wissenschaft, nicht der Kunst. Und doch fand seine Tochter ihren Weg. Sie studierte an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin im Schüleratelier von Karl Gussow (1843–1907), einem der bedeutendsten deutschen Maler und Hochschullehrer seiner Zeit, der – bemerkenswert für die Epoche – auch Frauen in seinen Klassen unterrichtete und damit Türen öffnete, die anderswo fest verschlossen blieben.

Doch Berlin war für Iversen nur der Anfang. Es folgte ein Studienaufenthalt bei Eugène Joors in Antwerpen – einem belgischen Tier-, Stillleben- und Landschaftsmaler, der für seine subtile Beobachtungsgabe bekannt war. Und schließlich Paris, das Mekka der europäischen Avantgarde, wo die junge Malerin aus Holstein die Impulse der Zeit in sich aufsog. Diese Dreiheit – Berlin, Antwerpen, Paris – prägte ihren Blick und ihren Pinsel für immer.

Die Sprache der Blumen: Stil und Technik

Helen Iversen ist vor allem als Blumen- und Stilllebenmalerin in die Kunstgeschichte eingegangen, doch diese Bezeichnung greift zu kurz. Ihre Werke zeigen eine Bandbreite, die von üppigen Blumenstücken über Interieurszenen bis hin zu Landschaften reicht – darunter das großformatige Gemälde Am Chiemsee (Öl auf Leinwand, 62 × 112 cm), das einen Blick von der Fraueninsel über ein Meer von Königskerzen zeigt und atmosphärisch an die Freilichtmalerei des späten 19. Jahrhunderts erinnert.

Ihr Stil bewegt sich im Spannungsfeld zwischen akademischem Realismus und einer zunehmend impressionistischen Leichtigkeit: Die Pinselführung ist präzise, aber nie starr; die Farben leuchten, ohne zu schreien. Besonders in ihren Blumenstücken – Rosen in weißen Henkelvasen, Astern neben Birnen, Stillleben mit Aprikosen und Zitronen – zeigt sich eine Meisterschaft im Umgang mit Licht und Textur, die ihre Zeitgenossen begeisterte. Die Auktionshäuser beschreiben ihre Werke als „detailgetreu und subtil gemalt“ – eine Formulierung, die den Kern trifft: Iversen malte nicht, um zu beeindrucken, sondern um zu berühren.

Das Gemälde Geranien am Fenster (um 1898) ist vielleicht ihr bekanntestes Werk – und das einzige, von dem wir wissen, dass es vom Staat angekauft wurde. Ein staatlicher Ankauf war für eine Malerin im Kaiserreich eine außerordentliche Auszeichnung, ein öffentliches Bekenntnis zur Qualität ihrer Kunst. Dass dieses Bild heute kaum jemand kennt, sagt mehr über die Kunstgeschichtsschreibung aus als über das Werk selbst.

Ausstellungen: Von Berlin bis St. Louis

Helen Iversen war keine Stubenmalerin. Seit 1886 nahm sie an großen Ausstellungen teil – und das über Jahrzehnte hinweg, mit einer Ausdauer, die beeindruckt. Ihr Ausstellungskalender liest sich wie ein Who’s who der deutschen Kunstszene um 1900:

  • Akademieausstellungen Berlin (1890, 1892, 1900, 1903, 1905, 1907–1908, 1911)
  • Glaspalast München (1898, 1899, 1901, 1902, 1904, 1914, 1916, 1918–1919, 1922–1923)
  • Kunstausstellung Kunstakademie Dresden (1888)
  • Große Berliner Kunstausstellung (1913, 1914, 1915)
  • Louisiana Purchase Exposition, St. Louis (1904) – die Weltausstellung, auf der Deutschland seine besten Künstlerinnen und Künstler präsentierte

Diese internationale Präsenz zeigt: Helen Iversen war keine Randfigur. Sie war eine anerkannte, professionell arbeitende Künstlerin, die sich in der männlich dominierten Kunstwelt des Kaiserreichs behauptete – und das über mehr als vier Jahrzehnte.

Das Netzwerk der Stärke: Der Verein der Berliner Künstlerinnen

Ein entscheidender Faktor für Iverens Karriere war ihre Mitgliedschaft im Verein der Berliner Künstlerinnen – von 1886 bis 1927, also über 41 Jahre. Dieser 1867 gegründete Verein ist der älteste noch existierende Zusammenschluss bildender Künstlerinnen in Deutschland. Er bot Frauen, denen der Zugang zu den staatlichen Akademien verwehrt war, Unterricht, Ausstellungsmöglichkeiten und – nicht zu unterschätzen – ein Netzwerk aus Gleichgesinnten.

Iversen nutzte dieses Netzwerk klug. Sie öffnete ihr Atelier gelegentlich gegen Eintrittsgeld für die Öffentlichkeit – und spendete die Einnahmen den Burenkindern, den Opfern des Burenkrieges in Südafrika. Eine Geste, die zeigt: Diese Frau war nicht nur Künstlerin, sondern auch Bürgerin mit Haltung.

Ein Widerspruch, der aufgeklärt werden muss

Wer über Helen Iversen recherchiert, stößt auf einen hartnäckigen Widerspruch: Während die deutsche Wikipedia und das Landesarchiv Berlin (Sterberegister Standesamt Charlottenburg, Nr. 2087/1941) ihr Geburtsjahr mit 1857 und ihr Sterbejahr mit 1941 belegen, nennen internationale Auktionshäuser wie invaluable.com, askart.com und Wikimedia Commons die Daten 1870–1930.

Die Erklärung liegt nahe: Die Auktionshäuser stützen sich offenbar auf ältere, fehlerhafte Katalogangaben, die sich über Jahrzehnte unkritisch fortgepflanzt haben. Das Sterberegister des Berliner Standesamts ist hingegen ein amtliches Dokument – und damit die verlässlichste Quelle. Die korrekten Lebensdaten sind: 12. Juli 1857 – 7. Juli 1941. Dieser Fehler ist symptomatisch für den Umgang mit Künstlerinnen der zweiten Reihe: Wer nicht im Zentrum des Kanons steht, dessen Biografie wird nachlässig überliefert.

Vergessen und wiederentdeckt

Helen Iversen starb 1941 in Berlin-Charlottenburg, im Wilhelm-Stift in der Spandauer Straße 19 (heute Spandauer Damm 62) – unverheiratet, wie es in den Quellen vermerkt wird, als wäre der Verzicht auf die Ehe eine Erklärung für das Künstlerinnenleben. Sie hinterließ ein umfangreiches Werk, das heute auf Auktionen in Deutschland, den USA und Großbritannien gehandelt wird – zu Preisen, die ihren kunsthistorischen Rang noch nicht widerspiegeln.

Ihr Eintrag im Thieme-Becker (Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler, Band 19, 1926) und im Lexikon schleswig-holsteinischer Künstlerinnen (Ulrike Wolff-Thomsen, 1994) belegen, dass sie von Fachleuten durchaus wahrgenommen wurde. Doch in der breiten Öffentlichkeit ist ihr Name verschwunden – wie der so vieler Malerinnen ihrer Generation, die man abfällig „Malweiber“ nannte und deren Werke man in Depots verschwinden ließ, während die Bilder ihrer männlichen Kollegen in Museen hingen.

Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Malerinnen des 19. Jahrhunderts, die trotz außerordentlicher Begabung und nachgewiesener Ausstellungserfolge aus dem kollektiven Kunstgedächtnis verschwunden sind. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen zu vergessenen Malerinnen – darunter Werke von Helen Iversen, die gelegentlich bei deutschen und internationalen Auktionshäusern auftauchen und eine wunderbare Gelegenheit bieten, diese stille Meisterin der Blumenmalerei kennenzulernen.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Gemäldes von Helen Iversen ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.