Jo Koster – das Licht der vergessenen Malerin
Die Frau, die ihren eigenen Weg malte
Jo Koster war eine niederländische Malerin.
Man male sich diese Frau aus: Es ist die Zwischenkriegszeit, eine Niederländerin Mitte fünfzig steuert ihr Automobil über staubige Pässe der Alpen, hinab nach Italien, weiter bis an die zerklüftete Küste Dalmatiens – im Gepäck Staffelei, Farben und ein unbändiger Wille, das Licht zu fangen. Die Frau heißt Johanna „Jo“ Koster. Zu einer Zeit, in der man von Frauen erwartete, zu heiraten, Kinder zu versorgen und einen Haushalt zu führen, verdiente sie ihr eigenes Geld, ließ sich ihr eigenes Haus bauen und ging in ihrer Kunst beharrlich ihren eigenen Weg.
Jo Koster fing das Licht in tausend Farbpunkten ein, baute ihr eigenes Haus, durchquerte Europa im Automobil – und geriet doch fast in Vergessenheit
Ein Offizierskind, das nicht stillhalten wollte
Geboren wird Johanna Petronella Catharina Antoinetta Koster am 16. April 1868 in Kampen, als drittes von acht Kindern eines Berufsoffiziers. Weil der Vater oft versetzt wird, zieht die Familie ständig um – ein Wanderleben, das gewissermaßen zum Lebensthema werden sollte. In Dordrecht erhält sie ersten Mal- und Zeichenunterricht bei Roland Larij, einem Spezialisten für Landschaften, Interieurs und Porträts – exakt jene Gattungen, die später auch Jo Koster prägen wird.
Mit siebzehn geht sie nach Amsterdam an die Rijksnormaalschool, anschließend an die Akademie Rotterdam. Eine Mitschülerin nannte sie „die Einzige aus der großen Mädchenklasse, aus der etwas geworden ist“. 1894 erhält Jo Koster ein königliches Stipendium für freie Malerei und nutzt es konsequent: über Paris, wo sie in den Ateliers von Colarossi arbeitet, bis nach Brüssel zu Ernest Blanc-Garin. Dort, im Umkreis der avantgardistischen Vereinigungen Les XX und La Libre Esthétique, begegnet sie der neuen Kunst – und dem Neo-Impressionismus, der Technik aus Strichen und Punkten, die ihren Stil für zwei Jahrzehnte prägen wird.
Staphorst, Hattem und das Licht in tausend Punkten
Zurück in den Niederlanden sucht Jo Koster ihren Ort. Sie lebt in Den Haag, dann im Künstlerdorf Laren bei der Malerin Adya Dutilh, schließlich ab 1902 in Zwolle. Besonders zieht es sie nach Staphorst, jenes Dorf, dessen Tracht und Alltag sie über Jahre festhält – nicht als Folklore-Kulisse, sondern mit dem Respekt einer Frau, die das Vertrauen der Dorfbewohner gewinnt. 1910 lässt sie sich in Hattem ein eigenes Haus mit Atelier bauen, „’t Honk“, und signiert fortan oft mit dem Zusatz „van Hattem“ – kein Adelstitel, sondern schlicht Herkunftsmarke.
Künstlerisch erreicht sie zwischen 1900 und 1920 ihren Höhepunkt. Sie malt vor allem im divisionistischen und luministischen Stil – jener niederländischen Spielart des Pointillismus, bei der kleine, nebeneinandergesetzte Farbpunkte ein flirrendes, funkelndes Licht erzeugen. Das Licht ist ihr großes, wiederkehrendes Thema. Beraten wird sie dabei vom einflussreichen Kunstpädagogen H. P. Bremmer, dem „Kunstpapst“, der auch Hélène Kröller-Müller beriet – auf seine Empfehlung hin kaufte die berühmte Sammlerin Werke von Jo Koster an.
Eine Malerin aller Gattungen
Jo Koster auf ein Etikett festzulegen, wird ihr nicht gerecht. Sie begann als gefragte Porträtmalerin, malte Landschaften und schilderachtige Dorfgassen, Bauern bei der Arbeit, Interieurs und immer wieder Stillleben. Auf ihren Reisen entstanden frische Blütenfelder, schneebedeckte Bergketten, raue Kaps und stille Häfen. Ihr grafisches Werk reicht vom Symbolismus bis zu Jugendstil-Wandschirmen und Exlibris; auf Reisen experimentierte sie bis an die Grenze des Kubistisch-Abstrakten. Und doch wollte sie nie um jeden Preis „modern“ sein – sie suchte stets einen stark persönlichen Ausdruck. Die Kunstgeschichte sieht heute in ihren Porträts ihr stärkstes Werk.
Die zeitgenössische Kritik reagierte gespalten: Manchen galt ihre Malerei als zu trocken, kühl, „zu wenig rührend“. Andere lobten sie als „reell, frisch und kraftvoll“, als „aufrichtig, ehrlich und echt“ – ein Werk, das nie in billige Gefälligkeit flüchtet. Dass man ihr attestierte, es wirke „beinahe männlich“, sagt mehr über die Erwartungen an Malerinnen ihrer Zeit als über ihre Kunst.
Verschollen? Vergessen – und gerade jetzt wiederentdeckt
Gibt es das eine spektakuläre, verschollene Meisterwerk? Im wörtlichen Sinn nein. Die wahre Geschichte ist subtiler – und passender: Nach Jo Kosters Tod 1944 verschwand ihr Name fast vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein, und ihr Werk verteilte sich in den privaten Wohnungen ihrer Sammler. Über Jahrzehnte war es damit so gut wie unsichtbar. Erst 1988 holte das Voerman Museum in Hattem sie mit der bezeichnend betitelten Schau „Jo Koster opnieuw ontdekt“ – Jo Koster neu entdeckt – ans Licht; 2003 folgte in Zwolle und Amersfoort eine umfassende Biografie mit dem treffenden Titel „een zwervend bestaan“, ein wanderndes Dasein.
Den vorläufigen Höhepunkt dieser Wiederentdeckung erleben wir gerade jetzt: Das Museum Gouda widmet ihr mit „Jo Koster, kunstenaar“ eine große Retrospektive mit über 90 Gemälden und Zeichnungen – vieles davon aus Privatbesitz, das kaum je öffentlich zu sehen war, einige Werke sogar zum allerersten Mal überhaupt. Berührend ist ein Detail aus ihren letzten Jahren: Ab 1939 verlor sie auf einem Auge das Augenlicht; mit abgeklebtem Brillenglas malte sie stur weiter. Für die heutige Ausstellung wurde eines ihrer Bilder, ein Feigenbaum in Dalmatien, als tastbares „Fühl-Gemälde“ nachgebildet – damit auch sehbehinderte Besucher ihr Licht erfahren können.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit Langem mit den „Malweibern“ und eigenwilligen Künstlerinnen der Moderne und hat sich auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über solche Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – wie derzeit die große Jo-Koster-Retrospektive im Museum Gouda (bis 4. Januar 2026).
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26.