Julie Wolfthorn – Malerin der Berliner Moderne

Julie Wolfthorn – Die vergessene Königin der Berliner Moderne

Julie Wolfthorn war eine deutsche Malerin.

Eine Frau, die sich die Welt mit Pinsel und Palette eroberte

„Mit Pinsel und Palette bewaffnet will ich mir die Welt erobern.“ — Julie Wolfthorn

Es gibt Künstlerinnen, deren Namen einst in aller Munde waren – und die die Kunstgeschichte dennoch fast vollständig verschluckt hat. Julie Wolfthorn (1864–1944) ist eine von ihnen. Zu Lebzeiten war sie eine der gefragtesten Porträtistinnen Berlins, Mitbegründerin der legendären Berliner Secession, Weggefährtin von Käthe Kollwitz und Max Liebermann, und ihre Werke hingen in den bedeutendsten Museen der Reichshauptstadt. Heute kennen sie nur wenige. Dabei ist ihre Geschichte – als Künstlerin, als Frau, als Jüdin im Deutschland des 20. Jahrhunderts – von einer Intensität, die atemlos macht.

Aus Thorn in die Welt: Eine Kindheit zwischen Verlust und Aufbruch

Julie Wolfthorn wurde am 8. Januar 1864 als Julie Wolf(f) in Thorn (heute Toruń, Polen) an der Weichsel geboren – als jüngstes von fünf Kindern einer bürgerlichen jüdischen Familie. Ihr Vater Julius, ein Kaufmann, und ihre Mutter Mathilde (geb. Neumann) starben früh; Julie war noch ein Kind, als sie zur Waise wurde. Sie und ihre Geschwister wuchsen bei Verwandten auf. Zu ihren Geschwistern gehörten der Bildhauer Georg Wolf und die Schriftstellerin und Übersetzerin Luise Wolf, mit der Julie ihr ganzes Leben lang zusammenwohnen sollte.

1883 zog die Großmutter mütterlicherseits, Johanna Neumann, mit ihren Enkelinnen nach Berlin – in der Hoffnung auf bessere Bildungschancen. Für Julie sollte diese Entscheidung den Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere legen.

Den Künstlernamen „Wolfthorn“ wählte sie Mitte der 1890er Jahre bewusst: eine Hommage an ihre Geburtsstadt Thorn – und zugleich eine Abgrenzung von den Berliner Malerinnen Käthe Wolff und Sophie Wolff.

Paris, Colarossi und die Freiheit der Kunst

Da deutsche Kunstakademien Frauen bis 1919 grundsätzlich ausschlossen, musste Julie Wolfthorn ihren eigenen Weg finden. Erste Zeichenstunden erhielt sie vermutlich im Berliner Schülerinnenatelier des Malers Ernst Nelson. Nachweislich hielt sie sich 1890 in der Künstlerkolonie Dachau auf. 1892 reiste sie nach Paris und studierte an der renommierten Académie Colarossi in Montparnasse bei Gustave Courtois und Edmond Aman-Jean – zwei Meistern des Symbolismus und des Impressionismus.

Hinweis zu einem Widerspruch in den Quellen: Die englische und französische Wikipedia nennen zusätzlich die Académie Julian als Ausbildungsstätte. Die deutschen Quellen (DE-Wikipedia, julie-wolfthorn.de, artinwords.de) sowie das Theresienstadt-Lexikon erwähnen ausschließlich die Académie Colarossi. Da die Hauptforscherin Dr. Heike Carstensen in ihrer wissenschaftlichen Monografie nur die Colarossi nennt, ist diese Angabe als gesichert zu betrachten. Die Nennung der Académie Julian in den Wikipedia-Sprachversionen ist möglicherweise auf eine unkritische Übernahme zurückzuführen.

In Paris traf Julie Wolfthorn auf Gleichgesinnte: die Malerinnen Ida Gerhardi, Jelka Rosen (spätere Lebensgefährtin des Komponisten Frederick Delius) und Adele von Finck. Sie führte ein bohemienhaftes Leben in einer Pension in der Rue de la Grande Chaumière – in demselben Zimmer, in dem zuvor August Strindberg gewohnt hatte. Die Begegnung mit dem französischen Impressionismus prägte ihren Malstil nachhaltig: Aufgelöster Pinselstrich, fleckenhafter Farbauftrag, das Einfangen von Licht und Atmosphäre wurden zu ihren Markenzeichen.

1893 kehrte sie nach Berlin zurück – aber Paris ließ sie nie ganz los. Immer wieder zog es sie in die Stadt an der Seine, nach Grez-sur-Loing, nach Italien, Belgien und in die Niederlande.

Berliner Secession: Eine Frau unter Männern

Das Jahr 1898 markiert einen Wendepunkt in der deutschen Kunstgeschichte: Die Berliner Secession wird gegründet – als Aufstand der Modernen gegen den akademischen Kunstbetrieb. Unter den 65 Gründungsmitgliedern befinden sich genau vier Frauen: Dora Hitz, Sabine Lepsius, Ernestine Schultze-Naumburg und Julie Wolfthorn.

Ihr Name steht auf der handschriftlichen Mitgliederliste von Walter Leistikow, zwischen Position 55 und 56 eingeschoben: „64 Julie Wolff M[alerin]“. Ein kleines Detail – und doch ein historisches Dokument von großer Bedeutung.

Julie Wolfthorn stellte bis 1913 regelmäßig in der Secession aus, kämpfte aber auch gegen die strukturelle Benachteiligung von Frauen innerhalb der Vereinigung. Als sie sich 1902 mit 13 weiteren Künstlern abspaltete und die Gruppe „16″ gründete, war sie die einzige Frau – und musste bald feststellen, dass sie auch dort an den Rand gedrängt wurde. Ihr Versuch, wieder in die Secession aufgenommen zu werden, scheiterte zunächst. Dennoch blieb sie der Berliner Kunstszene treu.

1905 unterzeichnete sie gemeinsam mit über 200 Künstlerinnen eine Petition für die Zulassung von Frauen an der Preußischen Akademie der Künste. Akademiedirektor Anton von Werner lehnte lapidar ab: Es sei „untunlich“.

1906 gründete sie gemeinsam mit Käthe Kollwitz die Ausstellungsgemeinschaft „Verbindung Bildender Künstlerinnen“ – eine Art „Secession der Frauen. Nur Elite“, wie Julie Wolfthorn selbst formulierte. 1912 wurden beide Frauen in den Vorstand und die Jury der Secession gewählt.

Die Porträtistin der Berliner Gesellschaft

Was Julie Wolfthorn zur Legende machte, war ihre Fähigkeit, Menschen auf die Leinwand zu bannen – nicht nur äußerlich, sondern in ihrer innersten Wesensart. Sie selbst beschrieb ihr Credo so:

„Ich habe es immer als meine Hauptaufgabe betrachtet, neben dem künstlerischen das psychologische Moment in meinen Bildnissen besonders zu betonen. Dazu gelange ich mehr auf dem Wege der Intuition als durch bewusste Gedankenarbeit. Oft habe ich das Gefühl, als malte nicht ich, sondern ein andrer in mir, so dass ich mitunter überrascht vor meiner eigenen Arbeit stehe. Das sind die glücklichsten Augenblicke des Schaffens.“

Ihre Porträtliste liest sich wie ein Who’s Who der Berliner Gesellschaft um 1900: Ida und Richard Dehmel, Hedwig Lachmann und Gustav Landauer, die Familien der Architekten Hermann Muthesius und Peter Behrens, die Schriftstellerin Gabriele Reuter, die Schauspielerinnen Tilla Durieux und Carola Neher, der Dichter Gerhart Hauptmann mit seiner Frau Margarethe, das Verlegerehepaar Emilie und Rudolf Mosse, der Maler Christian Rohlfs – und viele mehr. Für ihre Porträts konnte sie bis zu 3.000 Mark Honorar verlangen – ein Zeichen ihres Renommees. Max Liebermann schätzte ihre Arbeit und vermittelte ihr Aufträge und Ausstellungen.

Neben der Porträtmalerei widmete sie sich der Landschaftsmalerei – oft mit Menschen darin verwoben – sowie der Grafik: Titelblätter und Illustrationen für das Jugendstil-Magazin Jugend“, Plakate (darunter für den sozialdemokratischen „Vorwärts“), Zeichnungen und Radierungen. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die regelmäßig Aufträge der „Jugend“ erhielten.

Malstil und Kunstperiode: Zwischen Impressionismus, Jugendstil und Neuer Sachlichkeit

Julie Wolfthorns Malerei lässt sich keiner einzigen Stilrichtung zuordnen – und genau das macht sie so faszinierend. Ihre künstlerische Entwicklung spiegelt die Umbrüche einer ganzen Epoche wider:

  • Impressionismus (ab ca. 1892): Unter dem Einfluss von Aman-Jean und den Pariser Impressionisten entwickelte sie einen lockeren, atmosphärischen Pinselstrich, vibrierende Lichtflecken und eine subtile Farbpalette. Das Gemälde „Flötenbläser“ (um 1900, Berlinische Galerie), vermutlich in Rom entstanden, zeigt diese Qualität exemplarisch: „Vibrierende Sonnenflecken und grüne Schatten lassen die anmutige Figur mit den dichten Blättern hinter ihr verschmelzen.“ (Quelle: Berlinische Galerie)
  • Jugendstil (ab ca. 1897): Ihre Titelblätter für die Zeitschrift „Jugend“ – insbesondere „Der neue Hut“ (1897) – zeigen flächige Farbwirkung, starke Umrisslinie und dekorative Eleganz, beeinflusst von Jules Chéret. (Quelle: artinwords.de)
  • Realismus als Konstante: Trotz aller Stilwandel behielt ihre Kunst stets eine realistische Ausrichtung, besonders in der Porträtmalerei.
  • Neue Sachlichkeit (Ende der 1920er Jahre): In ihren späten Werken näherte sie sich der nüchternen Präzision der Neuen Sachlichkeit an.

Die Neue Freie Presse schrieb 1902 über eine Ausstellung im Wiener Salon Pisko: „Ein besonderer poetischer Reiz steckt in den Phantasiebildern der Berlinerin Julie Wolfthorn; ja man muß constatieren, diese Berlinerin besitzt sogar einen feinen decorativen Geschmack.“

Widersprüche in den Quellen: Das Sterbedatum

Wichtiger Hinweis: In den Quellen findet sich ein Widerspruch beim Sterbedatum. Die deutsche Wikipedia, artinwords.de, kunstleben-berlin.de und die asturische Wikipedia nennen den 29. Dezember 1944. Die englische und französische Wikipedia nennen im Fließtext den 26. Dezember 1944 – wobei die französische Wikipedia im Infobox selbst den 29. Dezember angibt, was einen internen Widerspruch darstellt. Da die Hauptforscherin Dr. Heike Carstensen (Universität Kiel, Monografie 2011) den 29. Dezember 1944 als Sterbedatum angibt und dieser Wert von den deutschsprachigen Fachquellen übereinstimmend bestätigt wird, ist der 29. Dezember 1944 als korrekt anzusehen. Der 26. Dezember in den englisch- und französischsprachigen Wikipedia-Versionen dürfte auf eine fehlerhafte Übernahme aus einer nicht verifizierten Quelle (Ro Gallery) zurückgehen.

Spektakuläre verschollene Werke: Ein Schatz, der noch gehoben werden muss

Von den rund 500 dokumentierten Werken Julie Wolfthorns gelten heute noch über 300 als verschollen – ein kunsthistorischer Verlust von erschütterndem Ausmaß.

Das Theresienstadt-Lexikon hält fest: „Der Großteil der Werke ist heute verschollen.“ Im Mai 1943 wurde ihre Berliner Wohnung in der Kurfürstenstraße 50 von der Vermögensverwertungsstelle beschlagnahmt – mit allem, was darin war. Gemälde, Zeichnungen, Grafiken: verschwunden.

Besonders schmerzhaft ist der Verlust des Porträts von Emilie Mosse (Ehefrau des Verlegers Rudolf Mosse), das als verschollen oder zerstört gilt. Auch das Porträt von Marlene Dietrich (um 1930), das die englische Wikipedia erwähnt, ist in seiner Provenienz nicht vollständig gesichert. Die wenigen Zeichnungen, die Wolfthorn in Theresienstadt anfertigte, wurden von der Theaterwissenschaftlerin Käthe Starke gerettet und befinden sich heute im Leo Baeck Institute in New York und in der Sammlung von Yad Vashem in Jerusalem.

Öffentlich zugänglich sind heute nur wenige Werke: je eines in der Nationalgalerie und der Berlinischen Galerie in Berlin, „Mädchen im Walde“ (1897) in der Kunsthalle Kiel (durch Schenkung 1918), sowie Werke im Centrum Judaicum, im Deutschen Historischen Museum und im Literaturarchiv Marburg.

„Vergessen Sie uns nicht“ – Verfolgung, Deportation, Tod

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 brach Wolfthorns Welt zusammen. Als Jüdin wurde sie aus nahezu allen Vereinigungen ausgeschlossen, erhielt Publikationsverbot und durfte nur noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes ausstellen. Im Dezember 1934 folgte der Ausschluss aus der Reichskulturkammer – faktisches Berufsverbot. Ihre letzte Ausstellung fand im Frühjahr 1937 im Jüdischen Museum Berlin statt.

Am 28. Oktober 1942 wurde die 78-jährige Julie Wolfthorn gemeinsam mit ihrer Schwester Luise Wolf mit dem „68. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Kurz zuvor schrieb sie auf einer Postkarte an ihren Freund Carl Eeg:

„Heute sende ich Ihnen den letzten Gruß. Wir warten hier auf d. Abtransport nach Theresienst. u. sind beinah zufrieden, endlich d. Ungewissheit los zu sein. Vergessen Sie uns nicht.“ (Postkarte vom 17. Oktober 1942, zit. n. kunstleben-berlin.de)

In Theresienstadt zeichnete sie weiter – heimlich, soweit es die Umstände erlaubten. Ihre Schwester Luise starb kurz nach der Ankunft an einem Schlaganfall. Julie Wolfthorn überlebte noch zwei Jahre und starb am 29. Dezember 1944, wenige Tage vor ihrem 81. Geburtstag.

Wiederentdeckung: Eine Künstlerin kehrt zurück

Seit den frühen 1990er Jahren wird Julie Wolfthorn allmählich wiederentdeckt. 1993 zeigte der Verein der Berliner Künstlerinnen erstmals wieder ihre Werke. 1998 wurde der Julie-Wolfthorn-Freundeskreis gegründet. Die Kunsthistorikerin Dr. Heike Carstensen (Universität Kiel) hat ihr Leben und Werk in einer umfassenden Monografie rekonstruiert (Tectum Verlag, Marburg 2011) und zahlreiche Ausstellungen kuratiert.

Seit 2005 trägt eine Straße am Berliner Nordbahnhof ihren Namen. Stolpersteine erinnern an sie vor dem Haus Kurfürstenstraße 50 in Berlin-Tiergarten und vor ihrem Sommerhaus in Vitte auf der Insel Hiddensee.

Zuletzt kehrte sie 2024 – zum 160. Geburts- und 80. Todesjahr – mit der Ausstellung „Vergessen Sie uns nicht – Julie Wolfthorn zurück in Berlin“ (12. April bis 26. Mai 2024, Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V.) in die Berliner Öffentlichkeit zurück.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ – jenen unerschrockenen Künstlerinnen um 1900, die gegen alle Widerstände malten, netzwerkten und kämpften – und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen zu vergessenen Malerinnen. Wer Julie Wolfthorns Werke in einer öffentlichen Sammlung sehen möchte, findet sie u.a. in der Berlinischen Galerie und der Nationalgalerie in Berlin sowie in der Kunsthalle Kiel.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto eines Gemäldes von Julie Wolfthorn ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-0342.

 

Quelle URL / Angabe
DE-Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Julie_Wolfthorn
EN-Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Julie_Wolfthorn
FR-Wikipedia https://fr.wikipedia.org/wiki/Julie_Wolfthorn
julie-wolfthorn.de (Carstensen) http://www.julie-wolfthorn.de/julie-wolfthorn-english/
artinwords.de https://artinwords.de/julie-wolfthorn/
lostwomenart.de (EN) https://www.lostwomenart.de/en/artist/julie-wolfthorn/
Berlinische Galerie https://berlinischegalerie.de/sammlung/bildende-kunst/julie-wolfthorn/
kunstleben-berlin.de https://www.kunstleben-berlin.de/vergessen-sie-uns-nicht-julie-wolfthorn-zurueck-in-berlin/
Theresienstadt-Lexikon https://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/w/wolfthornj.htm
Havell. Malerkolonie https://havellaendische-malerkolonie.de/austellungen/julie-wolfthorn/
Carstensen, Heike: Leben und Werk der Malerin und Graphikerin Julie Wolfthorn (1864–1944). Tectum Verlag, Marburg 2011 ISBN 978-3-8288-2728-8