Margherita Caffi – Barockmalerin der vergessenen Blüten
Eine Barockmalerin zwischen Ruhm und Vergessen
Margherita Caffi war eine italienische Blumenmalerin des Barock.
Sie malte für die Medici, für den Habsburger Hof in Innsbruck und für den spanischen König – und trotzdem kennt sie heute kaum jemand. Margherita Caffi, geboren um 1648/1650 im Herzogtum Mailand, gestorben am 20. September 1710 ebendort, war eine der faszinierendsten Blumenmalerin des italienischen Barock. Ihre Stillleben sprühen vor Lebendigkeit, Farbe und einer geradezu modernen Leichtigkeit – und sie sind in den großen Museen Europas zu finden, oft ohne dass der Name der Malerin dem Besucher ins Auge fällt.
Eine Künstlerin aus einer Malerfamilie – und ein Rätsel um den Namen
Margherita Caffi wurde als Tochter des Blumenmalers Vincenzo Volò geboren, der in Mailand lebte und arbeitete. Schon früh lernte sie das Handwerk – vermutlich in der Werkstatt ihres Vaters oder ihres Onkels. 1668 heiratete sie in Cremona den Stilllebenmaler Ludovico Caffi, der ebenfalls auf Blumen und Teppiche spezialisiert war. Das Paar musste Cremona 1669/70 unter dramatischen Umständen verlassen – die Brüder Caffi standen im Verdacht, einen Schuster ermordet zu haben – und ließ sich in Piacenza nieder, wo Margherita mindestens bis 1682 nachweisbar ist. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in Mailand.
Unter ihren Werken findet sich häufig die Signatur „M. Vincencina fecit“ – ein Beiname, der Generationen von Kunsthistorikern verwirrt hat. Manche hielten sie für eine Venezianerin, andere für eine Vicentinerin. Die Wahrheit ist nüchterner und zugleich charmanter: Der Beiname „Vicenzina“ bezog sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf ihren Vater Vincenzo. Sie war die Tochter des Vincenzo, die „Vincenzina“. Auch in den Inventaren der Medici-Villa Poggio a Caiano wurde sie 1697 als „la veneziana“ geführt – ein weiteres Missverständnis, das zeigt, wie wenig man damals über ihre Herkunft wusste.
Widersprüche in den Quellen: Geburtsort und Geburtsjahr sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Die englische Wikipedia nennt den 26. März 1648 als Geburtsdatum, die deutsche Wikipedia und der maßgebliche Treccani-Eintrag sprechen von „um 1650/51″. Auch der Geburtsort schwankt zwischen Mailand, Vicenza und Cremona – wobei Mailand als wahrscheinlichster Ort gilt. Beim Vater nennt die deutsche Wikipedia irrtümlich „Francesco Volò“, während alle anderen Quellen – darunter Treccani und die englische Wikipedia – übereinstimmend Vincenzo Volò angeben. Treccani ist hier die verlässlichste Quelle. Auch das Todesjahr ist nicht ganz gesichert: Treccani vermutet den Tod „kurz nach 1700″, während Wikipedia den 20. September 1710 nennt – letzteres gilt heute als wahrscheinlicher.
Blumen wie hingeworfen – der unverwechselbare Stil der Caffi
Was Margherita Caffis Malerei von der ihrer Zeitgenossen unterscheidet, ist auf den ersten Blick zu erkennen: Wo andere Barockmaler ihre Blumenbouquets streng symmetrisch und fast architektonisch aufbauten, wirft Caffi ihre Blüten scheinbar zufällig ins Bild. Tulpen, Pfingstrosen, Nelken, Rosen, Narzissen – sie taumeln, neigen sich, fallen über den Bildrand, als hätte der Wind sie gerade erst bewegt.
Ihre Kompositionen sind asymmetrisch und meist im Querformat angelegt. Die Blüten leuchten in satten Rot-, Blau- und Weißtönen vor einem tiefdunklen Hintergrund – ein Kontrast, der die Farben geradezu explodieren lässt. Die Farbe ist in mehreren Schichten großzügig aufgetragen, die Pinselführung dicht und vibrierend. Manchmal fehlt sogar die Vase: Die Blumen scheinen schwerelos zu schweben.
Dieser Stil erinnert an die römische Tradition der Stilllebenmalerei um Mario Nuzzi (genannt „Mario dei Fiori“) und zeigt Einflüsse des flämischen Malers Abraham Brueghel, der in Neapel und Rom tätig war. Caffi übernahm deren Üppigkeit und Farbkraft – und fügte ihr eine eigene, fast impressionistische Leichtigkeit hinzu, die ihrer Zeit weit voraus war. Der Kunsthistoriker Giampietro Zanotti rühmte zu ihren Lebzeiten ihre „seltene Fähigkeit, Blumen auf Seide, Leinwand und Pergament zu malen“, Pergamentarbeiten, die besonders begehrt und teuer bezahlt wurden.
Fürstliche Auftraggeber – von den Medici bis nach Madrid
Margherita Caffis Ruhm war zu ihren Lebzeiten beachtlich. Ferdinando de‘ Medici erwarb 1686 mehrere ihrer Werke – sie fanden Eingang in die Inventare der Villa Medicea di Poggio a Caiano und des Palazzo Pitti. Der Hof Erzherzog Ferdinand Karls in Innsbruck zählte ebenso zu ihren Auftraggebern wie der spanische Königshof in Madrid. Zahlreiche ihrer Gemälde wurden nach Spanien exportiert – heute hängen Werke von ihr im Museo del Prado und im Palacio Real de La Granja de San Ildefonso.
Insgesamt sind rund 30 Gemälde auf Leinwand gesichert ihr zuzuschreiben, von denen nur wenige signiert und datiert sind. Weitere Werke befinden sich im Kunsthistorischen Museum Wien, in den Uffizien und im Palazzo Pitti in Florenz sowie in der Pinacoteca di Cremona und in zahlreichen Privatsammlungen in Piacenza, Mailand und Brescia.
Vergessen, verwechselt, wiederentdeckt
Nach ihrem Tod geriet Margherita Caffi rasch in Vergessenheit. Ihre Werke wurden anderen Malern zugeschrieben – darunter sogar Francesco Guardi, dem großen venezianischen Vedutenmaler. Eine Gruppe unsignierter Blumenstillleben, die lange als „Pseudo-Guardi“ oder „Maestro di Fiori Guardeschi“ geführt wurden, wird heute teilweise Caffi zugeschrieben.
Erst eine Ausstellung in Neapel im Jahr 1964 brachte die Wende: Erstmals wurden ihre Werke systematisch zusammengetragen und ihr Name wieder in die Kunstgeschichte eingeschrieben. Seitdem wächst die Zahl der ihr zugeschriebenen Gemälde stetig. 2022 erschien mit „Margherita Caffi e l’atelier dei Vicenzini“ von Gianluca und Ulisse Bocchi die bislang umfassendste Monographie zu ihrem Werk.
Caffi beeinflusste nachweislich Künstlerinnen wie Elisabetta Marchioni und gilt als Vorläuferin des venezianischen Barock eines Francesco Guardi. Ihr virtuoser, dekorativer Stil war seiner Zeit so weit voraus, dass er erst im 19. Jahrhundert wieder verbreitet wurde.
Eine Meisterin, die es verdient, gesehen zu werden
Margherita Caffi ist kein Randphänomen der Kunstgeschichte – sie ist ein Beweis dafür, wie systematisch Frauen aus dem kollektiven Gedächtnis der Kunst verdrängt wurden. Eine Frau, die für Europas mächtigste Höfe malte, deren Werke in den bedeutendsten Museen der Welt hängen – und die dennoch kaum jemand kennt. Ihre Blumen leuchten noch immer. Es ist Zeit, sie zu sehen.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ des Barock und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über unsere Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Margherita Caffis Werke im Original erleben möchte, findet sie unter anderem im Kunsthistorischen Museum Wien, im Museo del Prado in Madrid sowie in den Florentiner Uffizien und im Palazzo Pitti.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26-0000.