Marie Charlotte Witt – Romantik aus dem Norden
Eine Zeichnerin aus dem Norden: Marie Charlotte Witt und die stille Poesie der Romantik
Zwischen Reet und Ruine: Wer war Marie Charlotte Witt?
Marie Charlotte Witt war eine deutsche Zeichnerin.
Es gibt Künstlerinnen, die die Kunstgeschichte mit einem einzigen Pinselstrich hätten verändern können – und dennoch in Vergessenheit gerieten. Marie Charlotte Witt ist eine von ihnen. Geboren 1795 in Hamburg-Altona, jenem lebhaften Hafenstädtchen an der Elbe, das damals noch dänisch war, wuchs sie in einer Zeit auf, die für Frauen mit künstlerischen Ambitionen alles andere als einfach war. Akademien blieben ihnen verschlossen, Aktzeichnen war verboten, und wer als Frau malte oder zeichnete, tat dies meist im Verborgenen – oder unter dem schützenden Dach einer Künstlerfamilie.
Über Marie Charlotte Witts Ausbildung ist wenig bekannt. Was wir wissen: Sie lebte später in Eutin, jenem kleinen holsteinischen Residenzstädtchen, das als „Weimar des Nordens“ galt und Geburtsort Carl Maria von Webers war. Eutin war ein Ort der Musen, der Dichter und Denker – und offenbar auch der Zeichnerinnen. Hier, zwischen Seen und Buchenwäldern, fand Witt ihre künstlerische Heimat.
Das Monogramm als Markenzeichen: Stil und Technik
Was Marie Charlotte Witt hinterlassen hat, sind vor allem Zeichnungen auf Papier – zart, präzise, von einer stillen Beobachtungsgabe durchdrungen, die ihresgleichen sucht. Ihre Blätter, meist im Format 24 × 33,5 cm, zeigen ländliche Szenen aus dem norddeutschen Raum: reetgedeckte Bauernhäuser am Bachlauf, Angler am Dorfteich, Fuhrwerke auf Feldwegen, Klosterruinen, die sich malerisch ins Schilf schmiegen.
Charakteristisch für ihre Werke ist das Monogramm unten rechts – ein stilles Zeichen der Urheberschaft, das zugleich Bescheidenheit und Selbstbewusstsein verrät. Frauen, die im frühen 19. Jahrhundert signierten, taten dies nicht selbstverständlich. Witt tat es.
Ihr bekanntestes erhaltenes Werk, die „Zwei Landschaften um 1811“, zeigt auf einem Doppelblatt zwei komplementäre Szenen: links eine überwucherte Klosterruine am Weiher, belebt durch Angler und einen bärtigen Mönch – ein romantisches Motiv par excellence; rechts zwei Bauernkaten am Bachlauf mit Fuhrwerk und Figurenstaffage, ein Bild ländlicher Alltäglichkeit, das an die Genremalerei der Düsseldorfer Schule erinnert. Entstanden um 1811, war Witt damals gerade einmal 16 Jahre alt – ein Umstand, der die Reife dieser Arbeiten umso erstaunlicher macht.
Welcher Kunstperiode gehört sie an?
Marie Charlotte Witt ist eindeutig der deutschen Romantik zuzuordnen – jener Epoche, die zwischen etwa 1795 und 1840 die Kunst des deutschsprachigen Raums prägte. Die Romantik liebte das Fragmentarische, das Malerische, das Vergängliche: Ruinen, einsame Landschaften, das Spiel von Licht und Schatten, die Sehnsucht nach einer verlorenen Natur. All das findet sich in Witts Zeichnungen.
Gleichzeitig berühren ihre ländlichen Alltagsszenen das Biedermeier – jene bürgerliche Parallelströmung, die das Kleine, das Häusliche, das Vertraute feierte. Witt bewegt sich souverän zwischen beiden Welten: Sie ist Romantikerin in der Wahl ihrer Motive (Ruinen, Mönche, verwunschene Weiher), Biedermeier-Künstlerin in der liebevollen Detailgenauigkeit ihrer Figurenstaffagen.
Kunsthistorisch lässt sie sich am besten als norddeutsche Romantikerin mit biedermeierlichen Zügen beschreiben – eine Einordnung, die ihrer Eigenständigkeit gerecht wird.
Widersprüche in der Überlieferung – und wie sie sich lösen lassen
Die Quellenlage zu Marie Charlotte Witt ist dünn, aber konsistent. Bemerkenswert: Während MutualArt ihr Geburtsjahr 1795 nennt, führt VeryImportantLot sie lediglich als „XIXe siècle“ (19. Jahrhundert). Hier ist die präzisere Angabe aus dem Auktionskatalog von Leo Spik Berlin vorzuziehen, der explizit „geb. 1795 in Hamburg-Altona“ vermerkt.
Verschollene Werke – ein offenes Rätsel
Von Marie Charlotte Witt sind bislang nur wenige Werke dokumentiert: neun Lots bei internationalen Auktionen (MutualArt). Angesichts ihrer frühen künstlerischen Reife – die „Zwei Landschaften“ entstanden, als sie 16 war – ist es wahrscheinlich, dass ein erheblicher Teil ihres Werkes verschollen ist.
Besonders spektakulär wäre die Wiederentdeckung von Ölgemälden, falls sie solche angefertigt hat. Die Auktionskataloge verzeichnen bislang ausschließlich Zeichnungen und Arbeiten auf Papier. Ob Witt auch in Öl malte – wie es für Künstlerinnen ihrer Zeit, die Zugang zu entsprechender Ausbildung hatten, nicht ungewöhnlich war –, bleibt eine offene Frage. Eutin, als kulturelles Zentrum Holsteins, böte durchaus noch den Rahmen für eine systematische Suche in regionalen Archiven, Kirchenbüchern und Privatsammlungen.
Eine Stimme aus dem Norden – und was sie uns heute sagt
Marie Charlotte Witt ist kein Name, der in den großen Kunstlexika steht. Sie ist keine Vigée Le Brun, keine Angelika Kauffmann. Aber sie ist ein authentisches Zeugnis weiblicher Kreativität in einer Zeit, die Frauen systematisch aus dem Kunstbetrieb ausschloss. Ihre Zeichnungen – monogrammiert, datiert, von hoher handwerklicher Qualität – belegen, dass sie sich selbst als Künstlerin verstand. Nicht als Dilettantin, nicht als Hobbyzeichnerin, sondern als schaffende Frau mit eigenem Blick auf die Welt.
Dieser Blick richtete sich auf das Nahe, das Vertraute: auf die reetgedeckten Dächer Holsteins, auf die stillen Weiher, auf die Angler und Mönche, die Fuhrwerke und Bauernkaten. Es ist ein Blick, der nichts Heroisches beansprucht – und gerade deshalb so berührt.
Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ – jenen Künstlerinnen, die trotz aller gesellschaftlichen Widerstände ihren eigenen Weg gingen – und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen zu vergessenen Malerinnen.
Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.