Marie Ellenrieder – Die Pionierin aus Konstanz

Marie Ellenrieder: Die Frau, die den Himmel malte – und die Kunstwelt veränderte

Marie Ellenrieder war eine deutsche Malerin.

Eine Pionierin am Bodensee

Es gibt Lebensläufe, die sich lesen wie ein stilles Wunder. Marie Ellenrieder, geboren am 20. März 1791 in Konstanz, gestorben ebendort am 5. Juni 1863, gehört zu jenen Frauen, die die Kunstgeschichte mit leiser Beharrlichkeit umgeschrieben haben – ohne Skandal, ohne Manifest, aber mit einer Pinselführung, die ihre Zeitgenossen in Staunen versetzte. Sie war die erste Frau, die an einer deutschen Kunstakademie zum ordentlichen Studium zugelassen wurde, die erste Frau, die in Baden Altarbilder für eine katholische Kirche schuf, und die erste Frau, der der Badische Kunstverein seine Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verlieh. Drei Premieren – und doch blieb ihr Name über Jahrzehnte im Schatten der Kunstgeschichte. Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

Kindheit zwischen Uhrmacherwerkstatt und Malerfamilie

Konstanz um 1791: eine Kleinstadt von kaum 4.000 Seelen, eingeklemmt zwischen Bodensee und den Wirren der Französischen Revolution, die auch hier ihre Schatten warf. Marie Ellenrieder wächst als jüngste von vier Töchtern in einer wohlhabenden Bürgerfamilie auf. Ihr Vater Konrad Ellenrieder ist bischöflicher Hofuhrmeister – ein Mann der Präzision. Ihre Mutter Anna Maria stammt aus einer Malerfamilie: Ihr Großvater mütterlicherseits ist der Barockmaler Franz Ludwig Herrmann, fürstbischöflicher Hofmaler. Das Talent liegt also buchstäblich im Blut.

Die Schulzeit verbringt Marie bei den Dominikanerinnen der Klosterschule Zoffingen in Konstanz – die einzige Bildungseinrichtung für Mädchen in der Stadt. Hausarbeit und religiöse Unterweisung stehen im Vordergrund, doch Marie fällt schon hier durch ihre schöne Schrift und ihre zeichnerische Begabung auf. Mit etwa 19 Jahren beginnt sie eine Lehre beim Konstanzer Miniaturmaler Joseph Bernhard Einsle (1774–1829), der ihr jene Präzision und Detailgenauigkeit einimpft, die später ihre Porträts so unverwechselbar machen wird.

Der Durchbruch: Erste Frau an der Münchner Kunstakademie

Was dann geschieht, ist für eine Frau im frühen 19. Jahrhundert schlicht revolutionär. Der Konstanzer Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774–1860), ein aufgeklärter Kirchenmann und leidenschaftlicher Kunstförderer, erkennt Ellenrieders außergewöhnliches Talent und setzt seine Verbindungen ein. Am 27. Juli 1813 wird Marie Ellenrieder als erste Frau überhaupt an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in München immatrikuliert – ein Datum, das in der deutschen Kunstgeschichte Epoche macht. Rund 50 Frauen werden ihr in den folgenden Jahrzehnten an dieser Akademie folgen.

Sie studiert dort bis etwa 1816/1817 (mit einer kurzen Unterbrechung) unter dem Klassizisten Johann Peter von Langer. Ihre frühen Porträts dieser Zeit zeigen eine Verwandtschaft mit dem Stil Angelika Kauffmanns: ein entspannter Naturalismus, psychologische Tiefe, warme Farbigkeit. Die Jahre 1817 bis 1822 gelten als ihre fruchtbarste Porträtphase – sie malt die Fürstenfamilie von Fürstenberg in Donaueschingen, den Hohenzollerischen Hof in Sigmaringen, Erbprinz Leopold von Baden und seine Gemahlin in Karlsruhe. Ihr Ruf als gesuchte Porträtistin der südwestdeutschen Adelshöfe ist gefestigt.

Rom und die Nazarener: Eine Begegnung, die alles verändert

1822 bricht Marie Ellenrieder zu ihrer ersehnten Italienreise auf. In Rom, wo sie mit ihrer Freundin Katharina von Predl lebt, begegnet sie der Künstlergruppe der Nazarener um Friedrich Overbeck (1789–1869) – und diese Begegnung wird ihr Werk für immer prägen. Die Nazarener, 1809 in Wien gegründet, träumen von einer Erneuerung der religiösen Kunst im Geiste Raffaels und der italienischen Frührenaissance: klare Linien, leuchtende Farben, spirituelle Innerlichkeit, eine fast mittelalterliche Andacht. Ellenrieder trifft auch Julius Schnorr von Carolsfeld, Philipp Veit und die Weimarer Malerin Louise Seidler.

Sie kopiert Raffael und Perugino in Florenz, studiert die Alten Meister mit unermüdlichem Fleiß. Und obwohl sie sich von den männlichen Kollegen trotz ihres Talents nicht immer ernst genommen fühlt – wie sie in ihren Tagebüchern festhält –, verändert dieser Aufenthalt ihre Kunst fundamental: Die Farben werden heller und klarer, die Gesichter idealisierter, das Licht göttlicher. Nach ihrer Rückkehr nach Konstanz 1825 wendet sie sich innerlich von der Porträtmalerei ab und widmet sich ganz der religiösen Kunst. Die Porträtmalerei, schreibt sie, sei ein „Streben nach Eitelkeit“.

Badische Hofmalerin: Altäre, Aufträge und eine Königin

Die Karriere Marie Ellenrieders nimmt nach der Romreise eine neue, monumentale Dimension an. 1820 hatte sie bereits den ersten großen Kirchenauftrag erhalten: drei Altarbilder für die neu erbaute St.-Nikolaus-Kirche in Ichenheim bei Offenburg – als erste Frau, die in Baden Kunst für eine katholische Kirche schaffen durfte. 1827 folgt das Hochaltarbild für St. Bartholomäus in Ortenberg, und 1828 erhält sie den prestigeträchtigsten Auftrag ihres Lebens: das Hochaltargemälde für die neue Stadtkirche St. Stephan in Karlsruhe. Das Bild – „Die Marter des heiligen Stephan“ – misst beeindruckende 4,70 × 3,20 Meter. Großherzog Ludwig I. von Baden stellt ihr eigens einen großen Arbeitsraum im Regierungsgebäude in Konstanz zur Verfügung.

1829 ernennt Großherzog Ludwig sie zur badischen Hofmalerin – mit einem Jahresgehalt von zunächst 300, später 500 Gulden, wofür sie jährlich ein „Pflichtbild“ in Karlsruhe abzuliefern hat. 1832 erhält sie den Auftrag für ein großes Familienbild: Großherzogin Sophie mit ihren Kindern. Für zwei Jahre zieht sie nach Karlsruhe, um das 1834 vollendete Werk zu schaffen. Es hängt später im Zähringer-Museum im Neuen Schloss Baden-Baden.

Der internationale Höhepunkt: In den Jahren 1847 und 1849 erwirbt Königin Victoria zwei großformatige religiöse Gemälde Ellenrieders – „Die heilige Felicitas mit ihren sieben Söhnen“ (1847, Öl auf Leinwand, 127 × 177,8 cm) und „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ (1849, Öl auf Leinwand, 203,2 × 139,7 cm). Prinzgemahl Albert, der die Künstlerin auf seinen Romreisen kennengelernt hatte, hatte die Königin auf Ellenrieders Werk aufmerksam gemacht. Beide Gemälde befinden sich heute in der Royal Collection in Osborne House auf der Isle of Wight.

Der Malstil: Zwischen Klassizismus und Nazarenertum

Welcher Kunstperiode ist Marie Ellenrieder zuzuordnen? Die Antwort ist nuanciert – und das macht sie kunsthistorisch so interessant. Ihre frühen Porträts (ca. 1813–1822) stehen im Zeichen des Klassizismus, beeinflusst durch ihre Münchner Ausbildung und die Tradition Angelika Kauffmanns: präzise Zeichnung, psychologische Charakterisierung, barocke Lichtführung aus dunklem Grund. Nach der Romreise (1822–1824) vollzieht sich eine entscheidende Wende: Ellenrieder wird zur führenden Vertreterin des Nazarenertums in Südwestdeutschland – einer Strömung, die dem deutschen Romantizismus zuzurechnen ist, aber mit einer spezifisch religiösen und retrospektiven Ausrichtung auf die Kunst der italienischen Frührenaissance.

Ihre Hauptwerke der Reifezeit zeichnen sich aus durch:

  • Klare, ruhige Komposition mit symmetrischer Figurenordnung
  • Helle, harmonische Farbpalette in Rosa-, Blau- und Goldtönen
  • Idealisierte, sanfte Gesichtszüge mit einem Ausdruck innerer Sammlung
  • Präzise, fast emailartige Oberflächenbehandlung – ein Erbe der Miniaturmalerei
  • Spirituelles Licht, das die Figuren von innen heraus zu leuchten scheint
  • Narrative Klarheit ohne dramatische Übertreibung

Die Bildgattungen, in denen sie überwiegend arbeitet, sind das religiöse Historienbild (Altarbilder, Heiligendarstellungen) und das Porträt. Ihr Spätwerk – etwa „Die Taufe der Lydia“ (1861, Alte Nationalgalerie Berlin) – zeigt eine vollendete Meisterschaft in der Figurenkomposition und Farbharmonie, die weit über das bloß Fromme hinausgeht.

Spektakuläre Werke – und ein verschollenes Meisterwerk?

Das Familienbild der Großherzogin Sophie von Baden (1834), das im Zähringer-Museum im Neuen Schloss Baden-Baden hing, gilt heute als verschollen oder zumindest nicht öffentlich zugänglich. Sein Verbleib ist ungeklärt – ein kunsthistorisches Rätsel, das der Forschung noch aufgegeben ist. Auch zahlreiche Porträts aus der frühen Schaffensphase (1817–1822), die für Privatauftraggeber entstanden, sind heute nicht mehr lokalisierbar.

Erhalten und öffentlich zugänglich sind hingegen bedeutende Werke in:

  • Rosgartenmuseum Konstanz (Selbstbildnis, ca. 1820)
  • Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (Selbstporträt 1818, „Maria mit dem Jesusknaben an der Hand“ 1824, „Maria schreibt das Magnificat“ 1833, „Drei Jungfrauen“ 1849)
  • Alte Nationalgalerie Berlin („Die Taufe der Lydia“ 1861)
  • Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz (unvollendetes „Maria mit dem Jesuskind“)
  • Royal Collection, Osborne House, Isle of Wight (zwei Großformate für Königin Victoria)
  • Jack Daulton Collection, Los Altos Hills, Kalifornien (größte Sammlung in den USA)
  • Zahlreiche Altarbilder in Kirchen in Ichenheim, Ortenberg, Karlsruhe, Radolfzell-Böhringen, Diersburg und Konstanz

Ein Leben ohne Kompromisse

Marie Ellenrieder hat nie geheiratet. Ihr Leben gehörte der Kunst und dem Glauben – in einer Intensität, die ihre Tagebücher auf jeder Seite bezeugen. „O! lieber heiliger Gott! was war das für einen Tag! ein Tag voll Eitelkeit Thorheit & herbe Abmühung“, notiert sie 1844 in einem Moment der Selbstzweifel. Diese tiefe Frömmigkeit war kein Ornament, sondern der Motor ihres Schaffens. Gleichzeitig war sie eine geschäftstüchtige Unternehmerin: Sie mahnte säumige Auftraggeber schriftlich an, verhandelte ihre Honorare hart und lebte finanziell unabhängig – eine alleinstehende Frau aus bürgerlichem Haus, die in einem von Männern dominierten Kunstbetrieb ihren Platz behauptete.

Ab 1842 zog sie sich zunehmend ins Privatleben zurück, stellte keine Bilder mehr aus, unterrichtete aber weiterhin – unter ihren Schülerinnen war auch Jenny von Droste zu Hülshoff. Sie starb am 5. Juni 1863 in ihrem Geburtshaus in Konstanz, vermutlich an den Folgen einer Lungenentzündung, im Alter von 72 Jahren.

Widersprüche in der Überlieferung – eine kritische Anmerkung

Die Recherche fördert einige Ungenauigkeiten in der Sekundärliteratur zutage. So bezeichnet die englischsprachige Plattform simplykalaa.com Ellenrieder fälschlicherweise als „bayerische Hofmalerin“ – sie war badische Hofmalerin, ernannt vom Großherzog des Großherzogtums Baden, nicht Bayerns. Der Vorname „Maria“ (statt korrekt: Marie bzw. Anna Marie) ist eine Fehltradition des späten 19. Jahrhunderts, die die deutsche Wikipedia ausdrücklich korrigiert. Die zweite Romreise wird je nach Quelle mit 1838–1840 oder 1839–1840 angegeben; beide Angaben sind vereinbar (Abreise Ende 1838 oder Anfang 1839). Diese Widersprüche sind typisch für eine Künstlerin, deren Werk lange Zeit nicht systematisch erforscht wurde – und unterstreichen die Notwendigkeit des 2026 in vierter Auflage erschienenen Werkverzeichnisses von Edwin Fecker und Barbara Stark (Rosgartenmuseum Konstanz).

Bedeutung für die Kunstgeschichte

Marie Ellenrieder ist weit mehr als eine Fußnote der Kunstgeschichte. Sie ist eine Schlüsselfigur der deutschen Romantik und des Nazarenertums, die als erste Frau institutionelle Barrieren durchbrach und damit den Weg für Generationen von Künstlerinnen ebnete. Ihre Werke verbinden technische Meisterschaft – geschult an der Miniaturmalerei und den Alten Meistern – mit einer spirituellen Tiefe, die auch säkulare Betrachter berührt. Dass Königin Victoria zwei ihrer Gemälde erwarb, ist kein Zufall: Ellenrieders Kunst besaß eine universelle Qualität, die über konfessionelle und nationale Grenzen hinausreichte.

Ihre Heimatstadt Konstanz ehrt sie mit dem nach ihr benannten Ellenrieder-Gymnasium, einer Gedenkplakette an ihrem Wohnhaus am Fischmarkt 2 und der Maria-Ellenrieder-Straße im Stadtteil Paradies. Die Staatliche Nationalgalerie Berlin zeigte ihre Werke 2022/2023 in der Ausstellung „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919″. Das Rosgartenmuseum Konstanz bewahrt den größten Teil ihres handschriftlichen Nachlasses – sechs Tagebücher und eine umfangreiche Korrespondenz, die noch längst nicht vollständig ausgewertet ist.

Der Kunstexperte Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den sogenannten „Malweibern“ des 19. Jahrhunderts und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen. Wer Marie Ellenrieders Werk mit eigenen Augen erleben möchte, dem sei das Rosgartenmuseum Konstanz und die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe empfohlen – beide bewahren bedeutende Werkgruppen dieser außergewöhnlichen Pionierin der deutschen Malerei.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©renata26.

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Quellenverzeichnis

Quelle Sprache URL / Fundstelle
Wikipedia DE – Marie Ellenrieder Deutsch https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Ellenrieder
Wikipedia EN – Marie Ellenrieder Englisch https://en.wikipedia.org/wiki/Marie_Ellenrieder
Wikipedia FR – Marie Ellenrieder Französisch https://fr.wikipedia.org/wiki/Marie_Ellenrieder
AWARE Women Artists Englisch/Französisch https://awarewomenartists.com/en/artiste/marie-ellenrieder/
Textdestille / Daniela Frey Deutsch https://textdestille.de/marie-ellenrieder-badische-hofmalerin/
Erzbistum Freiburg Deutsch https://www.ebfr.de/erzdioezese-freiburg/ueber-das-erzbistum/geschichte-und-patrone/marie-ellenrieder/
FAZ Feuilleton (Paywall) Deutsch https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/der-weibliche-nazarener-sie-ist-wieder-da-12307201.html
simplykalaa.com Englisch https://simplykalaa.com/marie-ellenrieder/
Rosgartenmuseum Werkverzeichnis 4. Aufl. 2026 Deutsch https://www.rosgartenmuseum.de/wp-content/uploads/2026/03/Ellenrieder-Werkverzeichnis_4.Auflage_70dpi_75.pdf
Kunsthalle Karlsruhe Podcast Deutsch https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/podcast/ein-leben-fuer-die-kunst/
Royal Collection Trust Englisch https://www.rct.uk/collection/403621/st-felicitas-and-her-seven-sons
Edwin Fecker – Druckgraphik Deutsch http://www.edwin-fecker.de/Ellenrieder_Vervielfaeltigungen.htm
taldiacomohoy.es Spanisch https://www.taldiacomohoy.es/post/marie-ellenrieder-1791-1863
conchamayordomo.com Spanisch https://conchamayordomo.com/2022/11/05/marie-ellenrieder/