Marie Laurencin – Traumwelten in Pastell

Marie Laurencin: Die Königin des Nymphismus

Marie Laurencin war eine französische Malerin.

Paris, Montmartre, um 1907. In Picassos legendärem Atelier, dem „Bateau-Lavoir“, steht eine junge Frau mit großen, dunklen Augen und einem Pinsel in der Hand. Sie ist keine Muse – sie ist Malerin. Und sie wird die Kunstgeschichte leiser, aber nachhaltiger verändern, als die meisten ihrer lauten männlichen Zeitgenossen.

Marie Laurencin (1883–1956) gehört zu den faszinierendsten und am meisten unterschätzten Künstlerinnen der Klassischen Moderne. Ihr Werk – zart, rätselhaft, von einer eigentümlichen Melancholie durchzogen – ist weit mehr als dekorative Gefälligkeit. Es ist eine stille Revolution.

Eine Kindheit im Verborgenen

Marie Laurencin kommt am 31. Oktober 1883 in Paris zur Welt – als Kind der Näherin Pauline Laurencin und des Politikers Alfred Toulet. Ihr Vater besucht sie gelegentlich, bleibt aber eine Randfigur ihres Lebens; seinen Namen erfährt sie erst mit 22 Jahren. Diese Herkunft aus dem Verborgenen, diese frühe Erfahrung des Nicht-dazugehörens, wird ihr Werk prägen: Laurencin malt Welten, in denen Frauen unter sich sind, frei von männlichem Blick und Urteil.

Hinweis zu einem Widerspruch in den Quellen: Verschiedene Publikationen nennen als Geburtsjahr sowohl 1883 als auch 1885. Die Diskrepanz erklärt sich wahrscheinlich durch einen möglicherweise verspäteten oder korrigierten Standesamtseintrag. Die überwiegende Mehrheit der Forschung – darunter Wikipedia (DE/EN/FR/IT/NL), Britannica und das Musée de l’Orangerie – nennt 1883 als gesichertes Geburtsjahr.

Die Mutter fördert das Talent ihrer Tochter. Marie lernt zunächst Porzellanmalerei in Sèvres – ein Handwerk, das Frauen ihrer Zeit offensteht, während die großen Akademien ihnen verschlossen bleiben. Dann wechselt sie an die Académie Humbert in Paris, wo sie Georges Braque und Francis Picabia kennenlernt. Der Weg in die Avantgarde ist geebnet.

Montmartre: Zwischen Muse und Meisterin

Es ist Pablo Picasso, der Marie Laurencin dem Dichter Guillaume Apollinaire vorstellt. Was folgt, ist eine der berühmtesten Liebesgeschichten der Pariser Bohème – und eine der kunsthistorisch folgenreichsten Fehlzuschreibungen. Apollinaire nennt Laurencin „Notre-Dame du Cubisme“ – „Unsere Liebe Frau des Kubismus“. Ein Titel, der ihr anhaftet wie ein Etikett, das sie selbst stets ablehnt.

Denn Laurencin ist keine Kubistin. Sie experimentiert mit kubistischen Formen, zerlegt Motive in Flächen, spielt mit Perspektive – aber ihr Ziel ist ein anderes. Während Picasso und Braque die Welt in Scherben zerlegen, sucht Laurencin nach Harmonie, nach Weichheit, nach einer Bildsprache, die sie selbst erfindet.

1907 debütiert sie im Salon des Indépendants. 1908 stellt sie bei Berthe Weill aus, der ersten Pariser Galeristin, die auch Picasso fördert. Im selben Jahr erwirbt Gertrude Stein ihr Gemälde „Apollinaire et ses amis“ – ein Gruppenporträt der Pariser Avantgarde, auf dem Apollinaire, Picasso, Fernande Olivier und Laurencin selbst zu sehen sind. 1913 ist sie mit sieben Werken in der legendären Armory Show in New York vertreten – als einzige Frau in der Maison Cubiste und eine der wenigen Frauen überhaupt in dieser wegweisenden Ausstellung, die Amerika mit der europäischen Moderne bekannt macht.

Der eigene Stil: Nymphismus – eine stille Utopie

Nach dem Ende ihrer Beziehung zu Apollinaire, dem Tod ihrer Mutter und einer kurzen, unglücklichen Ehe mit dem deutschen Maler Otto von Wätjen – die sie ins spanische Exil zwingt und ihr die französische Staatsbürgerschaft kostet – kehrt Laurencin 1920 nach Paris zurück. Und mit ihr kehrt eine neue, vollendete Bildsprache zurück.

Was nun entsteht, ist unverwechselbar: der Nymphismus. Französische Kunstkritiker prägen diesen Begriff für Laurencins reifen Stil, der Fauvismus und Kubismus hinter sich lässt und eine ganz eigene Welt erschafft. Die Merkmale:

  • Pastellpalette: Zartes Rosa, Lavendelblau, Mintgrün, gebrochenes Weiß – eine Farbwelt, die traumhaft und zugleich melancholisch wirkt
  • Weibliche Figuren: Fast ausschließlich Frauen und Mädchen, mit großen, dunklen, mandelförmigen Augen und einem Ausdruck zwischen Träumerei und Trauer
  • Männerfreie Räume: Tiere – Hunde, Rehe, Tauben, Pferde – ersetzen männliche Figuren; sie sind Vertraute, Spiegel, Symbole der Zuneigung
  • Weiche Konturen: Keine harten Linien, keine kubistische Zerlegung – die Figuren scheinen aus dem Bildgrund zu wachsen, fast körperlos, fast schwebend
  • Rokoko-Reminiszenzen: Fächer, Bänder, Schals, Blumen – Versatzstücke des 18. Jahrhunderts, neu gedacht und subversiv eingesetzt

Stilistische Einordnung: Marie Laurencin wird kunsthistorisch der Klassischen Moderne zugerechnet. Ihr Stil verbindet Elemente des Post-Impressionismus, des Fauvismus und des Kubismus mit Rokoko-Ästhetik und symbolistischer Poesie zu einem eigenständigen Ausdruck, der in der Forschung als „Nymphismus“ bezeichnet wird. Wikiart listet sie unter Expressionismus und Kubismus – eine Vereinfachung, die dem Werk nicht gerecht wird und die Laurencin selbst abgelehnt hätte.

Das Chanel-Porträt: Ein Skandal in Pastell

1923 erhält Laurencin einen der prestigeträchtigsten Aufträge ihrer Karriere: Sie soll Coco Chanel porträtieren. Die beiden Frauen verstehen sich gut – doch das fertige Bild löst einen kleinen Skandal aus. Chanel lehnt das Porträt ab. Es zeige sie nicht, wie sie sei. Laurencin, wütend und unnachgiebig, weigert sich, ein zweites Bild zu malen. Chanel zahlt nicht.

Das Gemälde – „Portrait de Mademoiselle Chanel“ – zeigt die Modeschöpferin in Laurencins typischer Manier: traumhaft entrückt, halb entkleidet, mit einem kleinen Hund, in zarten Grau- und Rosatönen. Es ist heute eines der bekanntesten Werke Laurencins und hängt im Musée de l’Orangerie in Paris. Chanel wollte Realismus – Laurencin malte Poesie. Beide hatten recht.

Verschollene Werke und Raubkunst: Die dunklen Kapitel

Nicht alle Werke Laurencins haben die Wirren des 20. Jahrhunderts unbeschadet überstanden. Ein „Mädchenbildnis“ von 1924 wurde von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ beschlagnahmt – ein Schicksal, das Laurencins Werk mit dem vieler Avantgardisten teilt. Noch brisanter: Ein Porträt Laurencins tauchte 1991 bei Christie’s auf und wurde für 235.500 US-Dollar verkauft – bis sich herausstellte, dass es sich um Nazi-Raubkunst handelte. Eine südkoreanische Sammlerin klagte gegen das Auktionshaus. Der Fall illustriert, wie sehr Laurencins Werk in den Strudel der Geschichte geraten ist.

Ob weitere Werke verschollen sind, ist schwer zu sagen. Laurencins Œuvre umfasst über 600 dokumentierte Arbeiten – Gemälde, Aquarelle, Druckgrafiken, Buchillustrationen, Bühnenbilder. Doch die Wirren zweier Weltkriege, Exil und Vertreibung lassen vermuten, dass nicht alles erhalten ist.

Bühne, Buch und Ballett: Die vielseitige Meisterin

Laurencin ist weit mehr als Malerin. 1924 entwirft sie Kostüme und Bühnenbilder für Sergei Diaghilews Ballets Russes – das Stück „Les Biches“ (Die Rehe), das mit seiner Darstellung sexueller Fluidität und weiblicher Intimität zum Skandalerfolg wird. Sie illustriert Bücher, darunter Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, gestaltet Tapeten und Textilien, schreibt Gedichte (zunächst unter dem Pseudonym Louise Lalanne). 1935 wird sie mit der Légion d’honneur ausgezeichnet. 1937 zeigt das Petit Palais in Paris eine große Retrospektive ihres Werks.

Die queere Dimension: Was die Bilder verschweigen und verraten

Neuere Forschung – besonders die Ausstellung „Marie Laurencin: Sapphic Paris“ in der Barnes Foundation Philadelphia (2023/24) – hat eine Dimension ihres Werks ins Licht gerückt, die lange übersehen wurde: Laurencin war fest verankert in den sapphischen Salons des Paris der 1920er Jahre, besuchte die Treffen von Natalie Clifford Barney, kannte Gertrude Stein, hatte Liebesbeziehungen mit Frauen – darunter die Modedesignerin Nicole Groult. Sie adoptierte später ihre Lebensgefährtin Suzanne Moreau, eine damals übliche Praxis für gleichgeschlechtliche Paare ohne rechtliche Anerkennung.

In ihren Bildern codiert sie diese Welt: Tauben als Symbol der Liebe zwischen Frauen, Doppelporträts mit dem Titel „Freundinnen“, Tiere als Stellvertreter für Zuneigung. Was wie dekorative Gefälligkeit wirkt, ist in Wahrheit eine radikale Utopie – eine Welt, in der Frauen unter sich sind, frei und selbstbestimmt.

Vergessen und Wiederentdeckt

Nach ihrem Tod am 8. Juni 1956 – sie wird in einem weißen Kleid, mit einer Rose und Apollinaires Liebesbriefen auf dem Herzen auf dem Père-Lachaise beigesetzt – gerät Laurencin weitgehend in Vergessenheit. Ihr Werk gilt als zu dekorativ, zu feminin, zu wenig theoretisch. Erst in den 1970er und 1980er Jahren, mit dem Aufkommen feministischer Kunstgeschichtsschreibung, wird sie wiederentdeckt.

Heute befindet sich die größte Sammlung ihrer Werke – über 600 Exponate – im Musée Marie Laurencin in Tokio, Japan, das 1983 von dem Sammler Masahiro Takano gegründet wurde. Es war das erste Museum weltweit, das einer einzelnen Malerin gewidmet war. In Paris trägt eine Straße ihren Namen. Und in der Kunstgeschichte nimmt sie endlich den Platz ein, der ihr gebührt: nicht als Muse, sondern als Meisterin.

Fazit: Eine Welt in Pastell, die nichts Harmloses hat

Marie Laurencin hat eine Bildsprache erfunden, die auf den ersten Blick zart und gefällig wirkt – und auf den zweiten Blick eine stille, subversive Kraft entfaltet. Ihre Frauen träumen nicht – sie existieren in einer Welt, die Laurencin für sie erschaffen hat: frei, selbstbestimmt, unter sich. Das ist keine Eskapismus, das ist Programm. Und es ist höchste Zeit, dass wir es als solches lesen.

Dr. Peter Meides beschäftigt sich seit langem mit den „Malweibern“ der Klassischen Moderne und ist auf deren Wiederentdeckung spezialisiert. Dieser Blog informiert über seine Entdeckungen und gibt Hinweise auf aktuell sehenswerte Ausstellungen – darunter die Werke Marie Laurencins im Musée de l’Orangerie in Paris sowie im Musée Marie Laurencin in Tokio. Wer in Deutschland auf Spurensuche gehen möchte: Das Städel Museum Frankfurt und das Von der Heydt-Museum Wuppertal besitzen Werke aus dem Umfeld der Pariser Avantgarde, in der Laurencin eine zentrale Rolle spielte.

Das in diesem Beitrag verwendete Foto ist eine selbst erstellte Aufnahme und stammt von ©pm26.

Quellen

Sprache Quelle URL
Deutsch Wikipedia DE – Marie Laurencin https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Laurencin
Deutsch Schirn Magazin – „Eine mystische Welt“ https://www.schirn.de/schirnmag/eine-mystische-welt-malerin-marie-laurencin/
Deutsch artinwords.de – Marie Laurencin https://artinwords.de/marie-laurencin/
Deutsch Lempertz Auktionshaus – Künstlerverzeichnis https://www.lempertz.com/de/kataloge/kuenstlerverzeichnis/detail/laurencin-marie.html
Deutsch Singulart Blog – „La Plume Bleue“ https://www.singulart.com/blog/de/2024/07/29/die-blaue-feder-von-marie-laurencin/
Englisch The Art Story – Marie Laurencin https://www.theartstory.org/artist/laurencin-marie/
Englisch CNN Style – „Sapphic Symbols“ https://www.cnn.com/2024/01/10/style/marie-laurencin-untold-art-history
Englisch Britannica – Marie Laurencin https://www.britannica.com/biography/Marie-Laurencin
Englisch ArtUK – Chanel Portrait https://artuk.org/discover/stories/marie-laurencin-the-avant-gardist-who-painted-coco-chanel
Englisch NMWA Broad Strokes Blog https://nmwa.org/blog/5-fast-facts/five-fast-facts-marie-laurencin/
Englisch Courthouse News – Nazi-Raubkunst https://www.courthousenews.com/235500-demanded-for-nazi-looted-art/
Englisch Musée de l’Orangerie (EN) https://www.musee-orangerie.fr/en/articles/marie-laurencin-105457
Französisch Wikipedia FR – Marie Laurencin https://fr.wikipedia.org/wiki/Marie_Laurencin
Französisch Beaux Arts Magazine https://www.beauxarts.com/grand-format/ce-que-vous-ne-saviez-peut-etre-pas-sur-marie-laurencin/
Französisch Radio France – Podcasts & Actualités https://www.radiofrance.fr/personnes/marie-laurencin
Französisch Musée de l’Orangerie (FR) https://www.musee-orangerie.fr/it/articuli/marie-laurencin-105457
Italienisch Wikipedia IT – Marie Laurencin https://it.wikipedia.org/wiki/Marie_Laurencin
Italienisch Musée de l’Orangerie (IT) https://www.musee-orangerie.fr/it/articuli/marie-laurencin-105457
Niederländisch Wikipedia NL – Marie Laurencin https://nl.wikipedia.org/wiki/Marie_Laurencin
Niederländisch Elegance.nl – Ode aan de vrouw https://elegance.nl/artikel/681810/ode-aan-de-vrouw-marie-laurencin
Niederländisch Artedelledonne.nl https://www.artedelledonne.nl/marie-laurencin-pionier-van-het-kubisme-la-reine-des-annees-folles/
International Wikiart – Marie Laurencin https://www.wikiart.org/de/marie-laurencin
International Christie’s – Marie Laurencin https://www.christies.com/en/artists/marie-laurencin