Unforgettable – Ein Besuch, der nachwirkt

Frauen, Farbe und vergessene Geschichte: Das MSK Gent zeigte, was die Kunstgeschichte versäumt hat

Es gibt Ausstellungen, die man besucht und wieder vergisst. Und es gibt Ausstellungen, die einen nicht loslassen – die einen zwingen, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, die vertrauten Narrative zu revidieren, die blinden Flecken der Kulturgeschichte plötzlich schmerzhaft sichtbar machen. „Unforgettable. Women Artists from Antwerp to Amsterdam, 1600–1750“ im Museum voor Schone Kunsten in Gent war eine solche Ausstellung. Der Titel ist Programm – und er ist eine Herausforderung.

Der erste Schritt ins Museum

Schon auf dem Weg zum Eingang begegnet man den Plakaten der Begleitkampagne. „The old masters were women too“, „She painted, he signed“, „Muse or Master“. Diese Sätze prangen auf Postern, die in Cafés, auf Straßen und in Kultureinrichtungen der Stadt aufgehängt sind. Sie sind provokant formuliert, bewusst zugespitzt. Und doch: Wer die Ausstellung gesehen hat, weiß, dass sie keine Übertreibung sind.

„Unforgettable“ ist die erste große Retrospektive, die sich vollständig der Rolle und Bedeutung von Frauen in der Kunst des langen 17. Jahrhunderts widmet – und zwar spezifisch für die Region des heutigen Belgiens und der Niederlande, die historischen Niederlande. Das ist ein Versprechen, das das MSK einlöst – mit Bravour und mit wissenschaftlicher Sorgfalt.

Mehr als vierzig Namen, die man kennen sollte

Die Ausstellung stellt mehr als vierzig namentlich bekannte Künstlerinnen vor, dazu die Werke zahlreicher anonymer Frauen. Mit knapp 150 Kunstobjekten in mehreren thematischen Sälen demonstriert das MSK, dass Frauen ein integraler Bestandteil der Kunstszene des 17. Jahrhunderts waren – nicht nur als Künstlerinnen, sondern auch als Händlerinnen und Konsumentinnen. Nach mehr als zwei Jahren Forschungsarbeit gelang es, Werke von über vierzig Künstlerinnen zusammenzutragen, die zwischen 1600 und 1750 aktiv waren. Die Ausstellung deckt das gesamte Spektrum visueller Medien ab: von Gemälden, Druckgrafiken und Skulpturen bis hin zu Textilien und Papierschnitten.

Man wandelt durch Räume, die thematisch gegliedert sind und jeweils eine eigene Frage aufwerfen. Der erste Saal, „Identity“, widmet sich dem Selbstbild der Künstlerinnen. In ihrem Selbstporträt, das aus der National Gallery of Art in Washington stammt, präsentiert sich Judith Leyster als selbstbewusste junge Künstlerin mit einem unverkennbaren Markenzeichen: lebhafte, farbenfrohe Szenen aus dem Alltag. Man steht vor diesem Bild und fragt sich unwillkürlich: Warum kannte ich diesen Namen nicht längst so gut wie den ihres Zeitgenossen Frans Hals?

Noch subtiler ist die Selbstdarstellung von Johanna Helena Herolt, die in ihrem „Blumenstrauß“ (Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig) ein überraschendes Selbstporträt in einem zarten Lichtreflex versteckt. Was auf den ersten Blick wie Bescheidenheit wirkt, ist in Wahrheit ein selbstbewusster Verweis auf technische Virtuosität – eine Geste, die an Jan van Eyck erinnert.

Tradition und Ambition: Wider das Klischee

Der zweite thematische Komplex, „Tradition and Ambition“, ist vielleicht der aufregendste der gesamten Schau. Die hartnäckige Annahme, Frauen hätten sich ausschließlich Blumenstillleben gewidmet, wird hier überzeugend widerlegt.

Gemälde von Michaelina Wautier (KMSKA, Antwerpen) und Johanna van Frijtom (Museum Prinsenhof, Delft) zeigen, wie Frauen erfolgreich in die Historienmalerei vordrangen, das damals als höchstes Genre geltende Sujet, das Wissen, Erfindungsreichtum und Vorstellungskraft erforderte. Wautiers Bilder atmen eine Energie, die man in keiner Weise als „weiblich“ im alten, einschränkenden Sinne bezeichnen kann – sie sind schlicht: großartig.

Ergänzt werden die Gemälde durch Skulpturen von Maria Faydherbe (Hof van Busleyden, Mechelen), Druckgrafiken von Anna Maria de Koker (Rijksmuseum, Amsterdam) und eine beeindruckende Spitzentischdecke (MoMu, Antwerpen). Gemeinsam bezeugen diese Werke die technische Expertise, das wirtschaftliche Gespür und den professionellen Ehrgeiz, mit dem Frauen nahezu jedes Medium und Genre beherrschten.

Familienstrukturen als Schicksal

Der Raum „Family Ties“ ist einer der nachdenklichsten der Ausstellung. Das Ausmaß, in dem künstlerische Ambitionen entfaltet werden konnten, hing stark vom sozialen Hintergrund ab. Das Thema erkundet, wie Frauen aus Elite, Mittelstand und Unterschicht jeweils auf ihre eigene Weise Zugang zu einer künstlerischen Ausbildung fanden.

Hinter dem Markennamen des – meist männlichen – Atelierchefs verborgen, konnten Frauen ihre Werke oft erst nach dem Tod des Vaters, Bruders oder Onkels unter eigenem Namen verkaufen. Für Frauen aus den unteren sozialen Schichten, darunter die vielen anonymen Spitzenklöpplerinnen, war eine solche Sichtbarkeit unerreichbar.

Diese Passage der Ausstellung ist still und eindringlich. Die Spitzenarbeiten aus der St.-Carolus-Borromäus-Kirche in Antwerpen und dem Rijksmuseum Amsterdam hängen wie Zeugen einer kollektiven, namenlosen Leistung. Sie sind stumme Zeugen kollektiver weiblicher Arbeit, in der Handwerk eine wesentliche wirtschaftliche Fertigkeit war. Das Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben, aber auch systematisch in Waisenhäusern und Besserungsanstalten gelehrt und legte so den Grundstein für einen florierenden Textilhandel.

Globale Netzwerke: Die Welt als Atelier

Besonders beeindruckend ist der Abschnitt „Global Networks“. Er weitet den Blick über die Niederlande hinaus und bettet die Künstlerinnen in den Kontext einer frühmodernen Globalisierungswirtschaft ein. Der Handel mit Kolonien in Peru, Mexiko, Asien und der Karibik – verbunden mit Gewalt, Zwangsarbeit und Sklaverei – brachte den Niederlanden Wohlstand und beeinflusste auch die Kunstproduktion.

Die Ausstellung zeigt handkolorierte Stiche von Maria Sibylla Merian (NMWA, Washington, D.C.), die mit ihren Töchtern nach Surinam reiste, um Pflanzen und Insekten mit wissenschaftlicher Präzision zu dokumentieren. Diese Blätter sind von einer Schönheit, die einem den Atem verschlägt – und von einer intellektuellen Kühnheit, die für eine Frau des 17. Jahrhunderts kaum zu überschätzen ist.

Johanna Vergouwen fertigte Kopien von Rubens und Van Dyck auf Kupfer (Museo Nacional de San Carlos, Mexiko-Stadt) an, die für den Überseeverkauf bestimmt waren. Auch das ist Kunstgeschichte – eine, die in den Lehrbüchern bislang kaum vorkommt.

Das Ende: Warum wurden sie vergessen?

Der letzte Saal, „Value, Memory and Legacy“, ist der bitterste – und der notwendigste. Er fragt, warum so viele der in der Ausstellung vorgestellten Namen heute kaum bekannt sind, obwohl zeitgenössische Künstlerbiografien belegen, dass viele Frauen zu ihren Lebzeiten hohes Ansehen genossen. Nach ihrem Tod gerieten sie oft in Vergessenheit durch Falschzuschreibungen (Judith Leyster; Philadelphia Museum of Art), die Unsichtbarkeit von Werken in Privatsammlungen oder Museumsdepots, veränderte Bewertungen von Genres wie der Blumenmalerei oder die Zuweisung von Papierschnitten und anderen Handwerken zur angewandten Kunst im 19. Jahrhundert.

Das ist keine Anklage, die mit erhobenem Zeigefinger vorgetragen wird. Es ist eine nüchterne, belegte Diagnose. Und sie trifft.

Die zeitgenössische Intervention: „X“

Im Forum des Museums begegnet man einer zeitgenössischen Antwort auf die historische Ausstellung: der kollektiven Installation „X“ einer Gruppe von neun in Brüssel lebenden Künstlerinnen. Die Namen von 179 durch Kunsthistoriker identifizierten Künstlerinnen sind auf zweifarbige, körperhafte Latexbahnen handgedruckt. Die beiden Farbtöne schlagen ein umgekehrtes Verhältnis vor: Leuchtendes Rot steht für historisches Wissen, dunkles Rot materialisiert die strukturelle Amnesie rund um die Arbeit von Frauen und ihre Beiträge zum kulturellen Erbe.

Die kunsthistorische Forschung für diese Ausstellung legt ein ungleiches Verhältnis nahe: Etwa siebzig Prozent der Künstlerinnen können identifiziert und katalogisiert werden, während dreißig Prozent aufgrund fehlender Aufzeichnungen anonym bleiben. Die Gruppe stellt diese Zahl intuitiv in Frage und postuliert, dass nur ein Drittel der im Laufe der Geschichte aktiven Künstlerinnen Sichtbarkeit und Nachwirkung erhalten hat.

Diese Installation ist kein Kommentar am Rande. Sie ist das Herzstück einer Ausstellung, die Geschichte nicht nur zeigt, sondern befragt.

Fazit: Eine Ausstellung, die Geschichte schreibt

Mit „Unforgettable“ leistet das MSK einen Beitrag zu einer vollständigeren Erzählung der Kunstgeschichte der Niederlande. Die beeindruckende Liste der ausgestellten Werke, geschaffen von mehr als vierzig Frauen, beweist, dass Künstlerinnen alles andere als selten oder unbekannt waren.

Man verlässt das Museum mit einem Gefühl, das schwer zu benennen ist: eine Mischung aus Staunen, Bewunderung und leiser Empörung. Staunen über die Qualität und Vielfalt der Werke. Bewunderung für die Frauen, die sie unter widrigen Umständen schufen. Und Empörung darüber, dass es so lange gedauert hat, bis jemand diese Geschichte erzählt.

Der Titel der Ausstellung ist eine Verheißung. Und er hält, was er verspricht.

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Entität Typ Quelle
MSK Gent Organisation / Museum Pressemitteilung
Unforgettable Ausstellungstitel Pressemitteilung
1600–1750 Zeitraum Exhibition Preview
Judith Leyster Person / Künstlerin Exhibition Preview
Rachel Ruysch Person / Künstlerin Exhibition Preview
Maria Sibylla Merian Person / Künstlerin Exhibition Preview
NMWA Washington D.C. Kooperationspartner Pressemitteilung
Dr. Frederica Van Dam Kuratorin Pressemitteilung
Niederlande / Belgien Geografische Region Exhibition Preview
Historienmalerei Kunstgattung Exhibition Preview
Spitzenklöppelei Kunsthandwerk Exhibition Preview